Lächelnd rollte sie aus dem Gerichtssaal. Ihre dunklen Augen leuchteten durch die gerahmte Brille. Die querschnittsgelähmte Frau schien vor Freude am ganzen Körper zu zittern. Lange ist es her, dass sich Sang Lan so glücklich fühlte wie am Montagnachmittag dieser Woche.
Drei Stunden hatte sie in ihrem Rollstuhl den Verhandlungen vor der Bundesjustizbehörde in New Yorker Stadtteil Manhattan zugehört, bis schließlich ihr Anwalt eine Vereinbarung mit dem Rechtsprechern getroffen hatte. Das Gericht sprach Sang Lan eine Entschädigung von zehn Millionen Dollar zu. Außerdem braucht sie nie mehr selbst für ihre teuren Behandlungen aufzukommen.
Kommentieren wollte Sang Lan den Prozessausgang nicht. Sie müsse erst einmal zur Ruhe kommen, sagte ihr Anwalt, Ming Hai. Der Verteidiger war nicht weniger zufrieden als seine Mandantin, auch wenn er die in seiner Anklage geforderte Summe von 1,8 Milliarden Dollar nicht erstreiten konnte.
Prominenz am Krankenbett
Fast auf den Tag genau 13 Jahre ist es her, dass das Leben von Sang Lan eine unheilvolle Wendung nahm. Es geschah am Nachmittag des 21. Juli bei den Goodwill Games in New York. Die zierliche Chinesin turnte sich fürs Finale im Pferdsprung ein. Es sollte ihr letzter Warmmachversuch sein, als das Unglück passierte. Nach einem missglückten Salto landete die 17-Jährige auf dem Genick. Dabei brach sie sich ihren sechsten und siebten Brustwirbel. Seither ist sie von der Brust abwärts gelähmt.
Ihr Schicksalsschlag erschütterte damals nicht nur die Turnwelt. Die Anteilnahme war gewaltig. Scharenweise gaben sich Prominente die Klinke ihres New Yorker Krankenzimmers in die Hand. Die ehemaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und George Bush besuchten sie.
US-Vizepräsident Al Gore schaute mit seiner Familie vorbei. Popsängerin Celine Dion übermannte sie am Krankenbett mit einem Ständchen. Tränen flossen über Lans Wangen, als die Kanadierin „My Heart Will Go On“ anstimmte, den Titelsong aus ihrem Lieblingsfilm „Titanic“.
Leben verfilmt
Der Hauptdarsteller des mit elf Oscars preisgekrönten Katastrophendramas, Leonardo DiCaprio, munterte sie mit Zaubertricks auf. Als sich der Hollywoodstar verabschiedete, gab er Sang Lan seine Privatanschrift. Sie vereinbarten, wenn sie DiCaprio schreibt, ein bestimmtes Bild auf den Umschlag zu malen, damit er erkennt, dass der Brief von ihr ist.
Der moralische Rückhalt und die Liebe unzähliger Menschen haben ihr den schweren Weg zurück ins Leben erleichtert, sagt Sang Lan. Seit der Tragödie gilt das einstige Turntalent in seiner Heimat als Symbol für Mut und Entschlossenheit.
Die Frau mit den langen schwarzen Haaren genießt landesweit Promistatus. Sie wurde zur Sprecherin der Behinderten. Ihr Leben wurde verfilmt. Im Sommer 2008 rollte sie vor Eröffnung der Olympischen Spiele mit der olympischen Fackel durch die Straßen ihrer Heimatstadt Peking. Während der Sommerspiele hatte sie eine Fernsehshow.
Morddrohungen
Bei einigen ihrer Landsleute hat Sang Lan wegen der Anklageerhebung aber auch Sympathien verloren. Sie unterstellen ihr Geldgier und Geltungssucht. Von vielen erhielt sie bösartige Internetmails. „Einige drohten sogar, sie auf dem Flughafen in New York zu entführen oder sie töten“, erzählt Rechtsanwalt Ming Hai.
Die Angegriffene kann die Anschuldigungen nicht verstehen. „Menschen, die mir derartiges unterstellen, sollten erst einmal darüber nachdenken, was für ein Schicksal ich zu ertragen habe. Ich habe mir das nicht ausgesucht.“
Zwölf Jahre habe sie bewusst geschwiegen, sagt Sang Lan. In dieser Zeit sprach sie mit Augenzeugen ihres Unfalls und trug zahlreiche Beweise zusammen, die belegen, dass „Missmanagement und schlechte Organisation ursächlich für meinen Unfall verantwortlich waren. Jetzt bin ich alt genug, um für mich selbst zu sprechen und die Wahrheit zu sagen“.
Angeblich habe ein Trainer einer anderen Nation vor ihrem verhängnisvollen Sprung eine Matte in der Landezone entfernt. Sang Lan behauptet, sie habe dies auch gesagt, als sie ins Hospital gebracht wurde, doch ihre Betreuer hätten entgegnet, sie habe durch den Sturz auch einen Hirnschaden erlitten.
Für Behinderte einsetzen
Im Frühjahr hatte Sang Lans Anwalt fünf Unternehmen und Organisationen aus den USA und China sowie drei Einzelpersonen verklagt. 18 Punkte umfasste die Anklage. Dabei ging es um Diffamierung und Fahrlässigkeit, vor allem aber um nicht eingehaltene Versprechen.
So hatte das Medienunternehmen AOL Time Warner und der amerikanischen Turnverband USA Gymnastics als Veranstalter der Goodwill Games versprochen, sämtliche Therapiekosten für Sang Lan zu übernehmen.
Einen Monat möchte Sang Lan noch in New York bleiben, bevor sie mit ihrem Freund nach Peking zurückfliegt. Daheim wird sie dann wieder als Videojournalistin arbeiten und sich noch intensiver für die Rechte von Behinderten einsetzen. Denn es lohnt sich.




