Studie zu Verkehrstoten

Deutschlands Straßen sind wieder gefährlicher

Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland ist nach 20 Jahren wieder auf rund 3000 gestiegen. Die Ursache dafür sehen Experten beim Wetter.

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Erstmals seit 20 Jahren steigt die Zahl der Verkehrstoten auf Deutschlands Straßen wieder an. Von Januar bis September kamen 2938 Menschen bei Unfällen ums Leben. Das waren 5,9 Prozent mehr als in den ersten drei Quartalen 2010, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtete. Damit setzte sich die Entwicklung aus den Vormonaten fort, der positive Trend von fast zwei Jahrzehnten kippt.

Eine Ursache für den Anstieg dürfte nach Einschätzung von Experten das Wetter sein. Im warmen und trockenen Frühjahr waren mehr Menschen auf den Straßen unterwegs als im Vorjahr, und es wurde mehr Motorrad und Fahrrad gefahren. Allerdings stieg auch in den Monaten August und September die Zahl der tödlichen Unfälle. Dafür haben die Statistiker bisher keine Erklärung.

2010 wurde der bisherige Tiefststand mit zehn Verkehrstoten pro Tag erreicht: Im ganzen Jahr starben auf den deutschen Straßen 3648 Menschen bei Verkehrsunfällen – so wenig wie noch nie seit Beginn der Statistik. Höchststand war 1970 mit 21.332 Unfalltoten. Seit 1991 hatte das Bundesamt einen kontinuierlichen Rückgang verzeichnet.

Nach vorläufigen Ergebnissen verunglückten in den ersten neun Monaten dieses Jahres insgesamt 295.200 Menschen, das waren 4,2 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2010. Bundesweit erfasste die Polizei rund 1,7 Millionen Unfälle, das waren etwas weniger als zuvor: Zwar passierten mehr Karambolagen mit Verletzten (plus 4,6 Prozent), dafür gab es weniger Unfälle mit ausschließlich Sachschaden (minus 2,3 Prozent).

Allein im September kamen 395 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben: 5,3 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Im August war die Zahl der Verkehrstoten sogar um 27 Prozent auf 380 gestiegen. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat in Bonn rechnet damit, dass die Gesamtzahl in diesem Jahr höher liegen wird als 2010.

Ein Sprecher nannte die günstige konjunkturelle Entwicklung als möglichen Grund. Wenn mehr Menschen Arbeit hätten und deshalb im Auto führen, steige auch das Risiko im Straßenverkehr. Er verwies zudem darauf, dass 60 Prozent der tödlichen Unfälle auf Landstraßen geschehen.

Der Auto Club Europa (ACE) warnte davor, äußere Einflüsse wie die vielen Baustellen im Sommer oder mehrere starke Gewitter im September etwa in Sachsen-Anhalt für den Anstieg verantwortlich zu machen. „Der Regen macht nicht den Unfall. Entscheidend ist das persönliche Fahrverhalten“, sagte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner.

Um die Verkehrssicherheit zu erhöhen, forderte der ACE etwa eine automatische Startsperre für Gurtmuffel. Sie würde ein Auto blockieren, bis alle Gurte angelegt seien. „Der Gurt ist der Lebensretter im Straßenverkehr“, sagte Hillgärtner. Der Verband hält zudem mehr Tempolimits, verpflichtende Fahrerassistenzsysteme wie elektronische Stabilitätskontrollen und eine neue Diskussion über die Null-Promille-Grenze für alle Autofahrer für sinnvoll.

Anzahl der Todesfälle trotzdem auf niedrigem Niveau

Der Automobilclub ADAC hält die Zahl der Verkehrstoten trotz des aktuellen Anstiegs für niedrig. „Jeder Verkehrstote ist natürlich immer einer zu viel“, sagte ADAC-Sprecher Andreas Hölzel in München. „Aber es ist auf jeden Fall auf sehr niedrigem Niveau.“ Warum von Januar bis September mehr Menschen auf deutschen Straßen ums Leben gekommen sind als 2010, konnte Hölzel nicht erklären.

Die Grünen haben Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) vorgeworfen, mit seinem kürzlich vorgestellten Verkehrssicherheitsprogramm 2011 „symbolische Appellpolitik“ zu betreiben und die Verbesserungsvorschläge von Experten ignoriert zu haben.

Nach Auswertung der Antworten der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage mehrerer Grünen-Abgeordneter bezeichnete der verkehrspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Stephan Kühn, Ramsauers Programm als „dürftiges Ministeriumspapierchen“. In einem Schreiben, das Morgenpost Online vorliegt, wirft Kühn dem CSU-Politiker vor, Expertisen des Wissenschaftlichen Beirats beim Verkehrsministerium ignoriert und Vorgaben der Europäischen Union (EU) unzureichend umgesetzt zu haben.

So kritisiert Kühn, dass Ramsauer die sogenannte Vision Zero nicht unterstütze. Deren Ziel ist es, die Verkehrstotenzahl in der EU bis 2050 auf null zu senken. Der Grünen-Politiker bemängelt außerdem die ungenügende Koordinierung der Verkehrssicherheitsarbeit zwischen Bund und Ländern und schlägt vor, hierfür einen Arbeitskreis einzurichten oder einen dafür zuständigen Bundesbeauftragten zu ernennen.

Kühn fordert zudem die Einführung der Regelgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern in Städten, ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen sowie ein generelles Alkoholverbot für Autofahrer.