Radcliffe, Watson, Grint

Jetzt beginnt das Leben ohne Harry Potter

Das Ende ist da, und Hermine, Ron und Harry haben nun besseres zu tun. Morgenpost Online sprach mit Radcliffe, Watson & Grint.

Der Kleinste ist nicht Daniel Radcliffe, wie man vielleicht denken könnte, obwohl er mit seinen 1,73 Metern nicht zu den Riesen gehört. Aber dazu später mehr. Emma Watson, mit neuer Kurzhaarfrisur, ist mit 1,68 Metern die Kleinste. Sie kommt als erste in die Suite im Londoner Hotel "Claridge's". Gefolgt vom immer etwas strebsam wirkenden Daniel Radcliffe und Rupert Grint, bei dem weniger die 1,78 Meter verwundern, sondern eher das breite Kreuz und die Bassstimme.

Daniel Radcliffe : Ist es ein bisschen kalt hier im Zimmer?

Morgenpost Online : Das müssen Sie doch sagen. Sie sind hier der Star.

Radcliffe : Aber sicher, wie konnte ich das vergessen. Gleich kommt noch einer meiner Assistenten um die Ecke, um mir die Augenbrauen nachzuziehen. Nee, ist schon alles ok.

Morgenpost Online : Was Sie gerade beschrieben haben, war ja beinahe zehn Jahre Teil Ihres Lebens. Dass man sich ständig um Sie gekümmert hat.

Emma Watson : Ich bitte Sie! Wir waren Kinder. Da merkt man davon reichlich wenig. Sicher war es schön, dass für uns zu Beginn zumindest die Potter-Welt auch immer ein wenig wie ein Spielplatz war.

Morgenpost Online : Heute können Sie Extrabehandlung haben. Sie können sich aber auch dagegen wehren?

Rupert Grint : So ein Quatsch. Niemand in meiner Familie würde mir eine Sonderbehandlung anbieten. Wenn man nur die richtige Familie und ein paar Freunde hat, denen man vertrauen kann, dann hebt man auch nicht ab.

Morgenpost Online : : Was sagt Ihnen der 12. Juni 2010?

Radcliffe/Watson : Unser letzter Drehtag.

Grint : Sehe ich ganz anders. Das erste Spiel der englischen Nationalmannschaft bei der WM.

Morgenpost Online : Interessant, wie Sie gewichten.

Grint : Nein, so meine ich das natürlich nicht. Aber es war schon irgendwie ulkig. Da arbeitet man zehn Jahre lang an einer Serie und dann gibt es am letzten Tag ein wichtiges Fußballspiel. Und alle sind so schnell weg wie möglich. Es hatte zumindest etwas Gutes: Wir haben uns nicht alle furchtbar betrunken.

Morgenpost Online : Nehmen Sie uns doch bitte kurz mit zum Ende des letzten Drehtages. Sie wussten, der achte Film ist im Kasten.

Watson : Also, wir hatten einen anstrengenden Tag, an dem wir quer durch einen Raum auf Matratzen hüpfen mussten. Dann sagte unsere Regisseur zum letzten Mal "cut", und das war's.

Morgenpost Online: Emma, ganz ehrlich, Sie hatten für diesem Moment etwas vorbereitet. Frauen sind doch so.

Watson : In gewisser Weise haben Sie Recht und vielleicht hätte ich auch etwas sagen können. Aber ich musste es nicht. Denn egal wie man es sieht, diese Filme gehören vor allem Daniel Radcliffe. Also habe ich mich nicht vorgedrängelt und auf seine Worte gewartet.

Morgenpost Online : Wie lange?

Grint : Gefühlte drei Stunden. Aber ich habe eigentlich nicht das Recht, dazu etwas zu sagen. Denn ich hätte keine Ahnung gehabt, was ich sagen soll.

Morgenpost Online : Daniel, Sie hatten eine Ansprache vorbereitet?

Radcliffe : Ähm, nein. Das hatte ich eigentlich nicht. Aber ich wusste schon, dass man erwarten würde, dass jemand etwas sagt. Also bin ich auf einen Stuhl gestiegen und habe mich bei allen bedankt. Ich habe gesagt, was mir in den Kopf kam. Dass ich dankbar bin, zehn Jahre lang zu den Leavsden-Studios gekommen zu sein. Dass ich viel gelernt habe und heute ohne diese ganzen fantastischen Leute nicht der wäre, der ich bin.

Grint : Und dann haben alle geheult.

Morgenpost Online : Ich dachte, Sie mussten zum Fußballgucken.

Grint : Das war etwas später an diesem Tag. Erst einmal waren alle ganz bewegt und dann hatten wir so eine kleine Party. Da Sie gerade die Vorbereitungen angesprochen hatten, ich hatte auch etwas dabei.

Morgenpost Online : Und das war was?

Grint : Na ja, im Gegensatz zu den beiden anderen war ich mir nie so richtig sicher, ob das mit der Karriere so weitergehen wird. Mittlerweile weiß ich, dass die Angebote nicht nachlassen. Und dass mancher Rezensent sogar schon auf den Potter-Querverweis verzichtet. Aber früher dachte ich über alternative Berufe nach. Und da habe ich mir von meinen Gagen einen Eiswagen gekauft.

Morgenpost Online : Sie machen Witze.

Grint : Nein, im Gegenteil. Jeder Mensch muss von irgendwas leben. Und ich hatte schon immer eine Faszination für diese Wagen, an denen man Eiskugeln kaufen kann. Mit so einem Wagen war ich beim letzten Drehtag und habe Eis verteilt.

Morgenpost Online : Wie viel Erleichterung war am letzten Tag zu spüren?

Radcliffe : Ziemlich viel. So schön es war, so hatte ich doch das Gefühl, dass jetzt ein Kapitel zu Ende geht. Ich wusste da ja schon, dass ich im nächsten Jahr bei einem Musical auf der Bühne stehen würde, dass ich mit "The Woman in Black" meinen nächsten Film habe, der Ende 2011 in die Kinos kommen wird. Und so weiter. Aber es war eine große Traurigkeit da, all diesen Menschen jetzt Lebewohl sagen zu müssen.

Grint : Ich muss sagen, dass ich schon sehr erleichtert war. Das mag erst mal undankbar klingen. Aber allein der Dreh von Teil Sieben und Acht, die wir ja in einem Stück machen mussten, dauerte 18 Monate. Das hat "Herr-der-Ringe"-Format. Am Ende wollte jeder, dass es irgendwann vorbei ist.

Watson : Ich war eher traurig als erleichtert. Nach dem Ende der "Potter"-Dreharbeiten habe ich noch einen weiteren Film gemacht. Eine kleine Rolle in einem neuen Marilyn-Monroe-Film. Aber ansonsten herrscht bei mir momentan in Sachen Film Sendepause. Das ist mir an diesem Tag sehr deutlich bewusst geworden.

Morgenpost Online : Sie hätten alles Mögliche machen können. Von Durchstarten der Karriere bis Weltreise. Aber Sie haben sich entschieden, in die USA zu gehen und zu studieren. Warum?

Watson : Weil ich nun mal so gestrickt bin. Ich will alles wissen. Ich habe einen unglaublich großen Bildungshunger. Der kam in den letzten Jahren, so schön sie auch waren, immer zu kurz. Nun kann ich nach Herzenslaune schmökern und studieren.

Morgenpost Online : Hat da gerade Hermine gesprochen?

Watson : Nein, das bin ganz allein ich. Sicher gibt es Schnittstellen zwischen Hermine und mir. Wenn es der Wissensdurst ist, dann soll mir das sehr recht sein.

Morgenpost Online : Und dann kommen Sie an die Brown University, Rhode Island. Und sofort beginnen die Gerüchte.

Watson : Wissen Sie, all das, was da in den letzten Tagen zu lesen war, möchte ich nicht kommentieren. Ich habe nur eines zu sagen: Wenn man etwas nicht kennt, dann ist das Gras immer grüner. Für mich ist das das normale Leben. Hatte ich in den letzten zehn Jahren nicht. Wissen Sie, was das für ein Gefühl ist, nach einem langen Studientag mit einem Stück Pizza und einem Glas Wein auf dem Zimmer zu sitzen? Einfach geil!

Morgenpost Online : Wie oft wurde Ihnen in den letzten Jahren die Frage mit dem vielen Geld gestellt, das Sie nun zur Verfügung haben?

Radcliffe : Offenbar haben wir die Frage oft genug zur Zufriedenheit beantwortet. Mir wird sie jedenfalls nicht mehr gestellt.

Watson : Ich finde es nur immer wieder bescheuert, wenn man so tut, als hätten wir uns schuldig gemacht allein dadurch, dass man uns für eine Arbeit, die wir gern gemacht haben, so viel Geld gezahlt hat.

Grint : Ich bin wohl am besten dran. Keine Ahnung, wie viel Geld ich wirklich habe. Ist das nicht der wahre Luxus? Ich weiß nur eins: Man wird mich wohl nie dabei sehen, wie ich Werbung wegen des Geldes mache. Ich freue mich auf die nächsten Jahre und wie ich mich immer weiter vom "Potter"-Universum entferne, ohne es je aus den Augen zu verlieren.

Morgenpost Online : Emma, deutet der radikale neue Kurzhaarschnitt auf eine Distanz zur Serie hin? Sie wissen, Journalisten lieben die Interpretation.

Watson : Und so lange sie nicht unverschämt ausfällt, habe ich auch nichts dagegen. Mein neuer Haarschnitt, von dem ich nie gedacht hätte, dass er eine abendfüllende Veranstaltung wäre, ist einfach schon lange mein Wunsch gewesen. Aber bis zum 12. Juni stand ich unter Vertrag und musste die langen Haare behalten.

Morgenpost Online : So ein Ende lädt auch immer zum Blick voraus ein. Wo sehen Sie sich heute in zehn Jahren?

Grint : Irgendwo, wo es Spaß macht zu leben. Wo ich mich mit Dingen beschäftigen kann, die mir mindestens einmal am Tag ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Watson : Man weiß ja nie. Aber ich denke, dass ich einen Universitäts-Abschluss in der Tasche haben werde. Und wenn man mich nach meinem Geschichts- und Literatur-Studium, das jetzt absoluten Vorrang hat, noch als Schauspielerin möchte, dann werde ich spielen.

Radcliffe : Ich weiß auf jeden Fall, dass ich Schauspieler sein möchte. Lebenslang. Ich wurde in den letzten Wochen oft gefragt, warum ich schon wieder arbeite. Weil ich dieses Chaos eines Filmsets wie ein Nachhausekommen empfinde. Dort fühle ich mich wohl und kann auch immer bestens den Ratschlag beherzigen, den ich bei den acht "Potter"-Filmen gelernt habe: Egal, welches Chaos auch am Set herrscht - sei vorbereitet und erscheine pünktlich, damit sich das Chaos durch Dich nicht noch vergrößert!

Morgenpost Online : Daniel, jeder Mensch verändert sich mit den Jahren. Was denken Sie heute, wenn Sie den ersten Teil sehen?

Radcliffe : Das müssen Sie mich bitte in zehn oder 20 Jahren fragen. Ich habe - bis auf die Premieren natürlich - keinen der Filme jemals wieder gesehen. Ich glaube, dass mir dazu einfach noch der Abstand fehlt. Werde ich lachen, wenn ich die Filme eines Tages wieder anschaue? Damit ist zu rechnen!

Morgenpost Online: Wenn Sie die letzten Teile sehen, könnte Ihnen durch den Kopf gehen: Damals war ich ein Sexsymbol!

Radcliffe : Wer ich? Ein Sexsymbol?! Ich höre das hin und wieder. Und es soll Listen geben, in die ich gewählt wurde. Aber ich bitte Sie. Ich bin zufrieden mit dem, was mir die Natur gegeben hat. Aber bei einem Mann, der 1,73 ist, spricht man nicht von einem Sexsymbol. Egal, wie sehr die inneren Werte stimmen mögen.

Morgenpost Online : Haben Sie keine Agenten und Bodyguards um sich herum, die Ihnen etwas anderes erzählen?

Radcliffe : Nein, dafür habe ich ja schon die Medien. Und nein, ich gehe nicht mit Bodyguards aus dem Haus. Und ja, ich kaufe auch all die leckeren Tiefkühlsachen, die ich mir dann selbst zubereite, selber ein. An dieser Stelle einen schönen Gruß an all die lieben Verkäufer bei meinem "Tesco" um die Ecke.

Morgenpost Online : Ich das nicht ein bisschen zuviel Normalität?

Watson : Warum erwartet eigentlich jeder von uns, dass wir außergewöhnlich sein müssen? Das Extremste, was ich mal erlebt habe: Der letzte Band von "Harry Potter" erschien genau an dem Tag, als wir in den Urlaub fliegen wollten. Die Post kam zu spät. Also habe ich mich im Buchladen auf dem Flughafen in die lange Schlange gestellt, um das Buch zu kaufen. Was glauben Sie, was da für ein Aufschrei stattfand? "Hermine" kauft ihr Buch selbst. Zum Glück ist das jetzt - hoffentlich - vorbei.