Für Pampa und Urwald

Caramba, VW baut auch noch Pritschenwagen!

| Lesedauer: 5 Minuten
Thomas Geiger

Jedes Jahr werden weltweit rund zwei Millionen Pick-ups verkauft. Und keiner trägt ein VW-Logo. Die Gegenmaßnahme aus Wolfsburg heißt Amarok, der erste Pritschenwagen der Firmengeschichte. In der Pampa Südamerikas zeigt das Monstrum Überzeugungskraft – mit deutschen Tugenden.

Die Straße nicht viel mehr als ein schlammiger Strich in der Landschaft, die Pfützen so tief, dass man fast einen VW Polo darin versenken kann, und der Schotter so grob, dass andere Leute damit Häuser bauen: Und mittendrin eine Horde von VW Amarok, der ungeniert über diese argentinische Pampa-Piste pflügt, als sei sie ein besserer Feldweg.

Am Steuer eines der neuen Pick-Ups sitzt ist Wolfgang Schreiber. Er ist der neue Vorstand von Volkswagen Nutzfahrzeuge und sein Lachen wird mit jedem Urwald-Kilometer breiter. Wo andere um ihre Autos fürchten, sieht er in jeder Sprungkuppe, jedem Schlagloch und jeder Bodenwelle eine willkommene Bewährungsprobe für sein neuestes Modell.

Schließlich baut VW jetzt zum ersten Mal einen selbst entwickelten Pick-up und muss sich harten und vor allem etablierten Konkurrenten stellen. „Nur wenn wir absolute Zuverlässigkeit beweisen und ein unverwüstliches Auto auf den Weg bringen, können wir die Kunden überzeugen“, sagt Schreiber.

Kunden gibt es viele. Weltweit werden pro Jahr mehr als zwei Millionen Pick-ups verkauft. In der Liga des neuen Amarok sind es immerhin noch gut 600.000 Fahrzeuge und VW ist der erste und einzige europäische Hersteller, der sich mit dem Amarok ein Stück von diesem Kuchen abschneiden will.

Produziert wird der Wagen dort, wo der Markt am größten ist: In Südamerika. Vor den Toren von Buenos Aires wollen die Niedersachsen zunächst einmal 100.000 Autos im Jahr bauen, von denen ab dem Sommer nur ein Bruchteil nach Europa kommt. Die Preise stehen zwar noch nicht ganz fest, werden aber angesichts der Konkurrenzsituation kaum den üblichen VW-Aufschlag bekommen. Je nach Modell und Motor dürfte mit 28.000 bis 35.000 Euro zu rechnen sein.

Zugeschnitten auf Konkurrenten der Ein-Tonnen-Klasse wie den Toyota HiLux, den Mitsubishi L200 und den Nissan Navarra ist der Amarok stattliche 5,25 Meter lang, knapp zwei Meter breit und dank zuschaltbarem oder permanentem Allradantrieb und Geländeuntersetzung auf allen Um- und Abwegen zu Hause. Und auf der 1,55 Meter langen und 1,62 Meter breiten Pritsche findet sogar eine quer geladene Euro-Palette Platz, die mit rund 1100 Kilogramm bepackt sein darf.

Aber der Amarok will nicht nur bei der Ladekapazität neue Bestmarken markieren. „Auch bei Sicherheit und Effizienz setzen wir Maßstäbe“, sagt Schreiber mit Blick auf das ESP und die vier Airbags, die in Europa immer Standard sind, sowie die CO2-Werte, die im besten Fall sogar knapp unter 200 g/km liegen.

Unter der gewaltigen Haube setzt VW dafür auf zwei Common-Rail-Diesel aus Golf & Co: Starten wird der Pick-up mit einem 163 PS und 400 Nm starken Zweiliter, dem im Sommer eine Version mit 122 PS und 340 Nm folgen wird. Bei Verbrauchswerten um 7,5 Liter und einem 80 Liter großen Tank ermöglichen sie Reichweiten über 1000 Kilometer – im Outback oder Urwald ist das ein beruhigendes Gefühl.

Auch die Fahrleistungen können sich sehen lassen – zumindest auf dem Papier. Dort kann man für den starken Diesel einen Sprintwert von 11,1 Sekunden und ein Spitzentempo von 181 km/h nachlesen. In der Praxis allerdings bracht man dafür ein wenig Geduld, viel Rückenwind und vor allem eine leer Ladefläche.

Übertragen wird die Kraft je nach Markt und Modell wahlweise an die Hinterachse, mit einem zuschaltbaren oder einem permanenten Allradantrieb, der auf Wunsch mit Geländeuntersetzung und Hinterachssperre kombiniert wird. Damit kämpft sich der Amarok durch dick und dünn und fährt auch dort noch ganz ungeniert weiter, wo der Touareg-Kunde mit Rücksicht auf Lack und Leder seines Luxuslasters lieber wieder umdreht.

Bei der Gestaltung hat sich VW Mühe gegeben: Das Gesicht mit seinem vollflächigen Kühler, den scharf geschnittenen Scheinwerfern und den Chromschwingen zwischen den Leuchten erinnert nicht umsonst an Touareg & Co. Und auch in der großen Doppelkabine mit vier Türen und fünf Plätzen, mit der der Amarok starten wird, geht es in den gehobenen Modellvarianten durchaus vornehm zu. Man thront wie der König der Straße auf breiten Ledersesseln, blickt in ein nobles Cockpit und lässt sich von nichts und niemandem erschüttern.

Der Name des jüngsten Wolfsburger Familienmitglieds geht übrigend zurück auf die Sprache der in Nordkanada und Grönland lebenden Inuit und steht dort - für den Wolf. Und in den romanischen Ländern kommt eine zweite Bedeutung hinzu: Auf Hauptmärkten wie Brasilien und Argentinien heißt „amarok“ in der wörtlichen Bedeutung „er liebt Steine“.