Ian Callum ist nervös. Wenn die Premiere nicht klappt, wenn Fachpublikum und ganz normale Autofahrer nicht attraktiv finden, was der Chefdesigner der englischen Marke Jaguar ersonnen hat – dann war die ganze Anstrengung für eine Neuausrichtung der Marke vergebens. Der XJ jedenfalls, die große Traditionslimousine, sieht überhaupt nicht mehr nach Tradition aus, ganz im Gegenteil.
Der Mut zum Neuen ist nötig, darüber sind sich in Coventry alle einig. Nachdem Jaguar viele Jahre Verlust eingefahren hatte, wurde erst im vergangenen Jahr die Gewinnzone wieder erreicht, unter anderem weil der ebenso mutig gestylte mittelgroße Jaguar, der XF, so erfolgreich war. Die Krise auf dem Automarkt macht Jaguar in diesem Jahr allerdings einen Strich durch die Rechnung – weltweit sank der Absatz um 28 Prozent. "Betrachten Sie das Jahr 2009 als Transitjahr für die Marke“, sagt Jaguar-Chef Mike O’Driscoll. Der kleine X-Type läuft Ende Dezember aus, der neue XJ startet erst im kommenden Jahr, und allein mit dem XF und dem Sportcoupé XK seien keine großen Sprünge möglich.
In den 50er- und 60er-Jahren war die Jaguar-Welt noch in Ordnung. Der gute Ruf der Vorkriegszeit und ein Händchen für Modelle bescherten der Firma Gewinne und faszinierende Automobile: Die historischen XK und XJ sowie der E-Type prägen auch jetzt noch das Image von Jaguar. 1968 kam es jedoch zum Zusammenschluss mit British Leyland, im deutschen Volksmund "Britisch Elend“ genannt, wegen der miesen Qualität. Absatzzahlen und Gewinn rutschten ins Bodenlose. Noch heute heißt es über diese Zeit, dass man zwei Jaguar besitzen musste: einen zum Fahren und einen, der in der Werkstatt steht. 1980 war der Tiefpunkt erreicht: Jaguar verkaufte noch 13.000 Autos im Jahr – weltweit.
Die Rettung kam erst Ende der 80er-Jahre in Gestalt der Ford Motor Company. Die Amerikaner pumpten Geld ins Unternehmen und führten neue Qualitätsmaßstäbe in der Produktion ein. "Der Zeit bei Ford haben wir unsere heutige Produktqualität zu verdanken“, sagt O’Driscoll. Doch wichtige Modelle, wie ein kleiner Sportwagen als E-Type-Erbe, wurden nicht gebaut.
Um die Stückzahlen zu steigern, kratzte Ford stattdessen an der Exklusivität der britischen Tochtermarke: Der X-Type wurde auf der Plattform des damaligen Ford Mondeo konstruiert. Erst Ende 2004 beschloss das Unternehmen, sich auf die Jaguar-Kernwerte zu konzentrieren. Es geht seitdem nicht mehr bedingungslos um Stückzahlen, sondern um profitables Wachstum.
Auch optisch will man nun mit der Konkurrenz gleichgezogen haben, ist mit dem alten XJ doch das letzte Traditionsmodell aus den Schauräumen verschwunden. Callums Designstrategie kommt wohl die größte Bedeutung für die Zukunft der Marke zu, auch wenn der neue Kurs intern nicht unumstritten war. "Wir waren uns nur einig, dass Jaguar einen neuen Weg gehen muss“, sagt der Chef-Designer. Und das habe doch auch Tradition. Jaguar ist schon in der Vergangenheit immer wieder neue Wege gegangen – in den 60er-Jahren wirkte der E-Type wie ein Ufo zwischen seinen Mitbewerbern. Solche Wirkung will Jaguar in Zukunft wieder erzielen, und Ian Callum ist kurz nach der IAA in Frankfurt auch nicht mehr so nervös: Das Publikum hat positiv auf den XJ reagiert.
Das freut auch den neuen Besitzer. Seit März 2008 gehört die britische Marke in Umkehrung der kolonialen Vergangenheit dem indischen Großkonzern Tata. "Wir spüren alle den belebenden Geist der neuen Freiheit“, sagt Mike O’Driscoll. Sein Pathos rührt daher, dass nun ein Investor da ist, der nicht zu jeder neuen Idee "No“ sagt. Die Inder haben im Übrigen auch keine Plattformen, auf denen man Billig-Jaguarmodelle bauen könnte. "Tata will Jaguar langfristig zu einer führenden Premiummarke entwickeln“, sagt O’Driscoll.
Auf der IAA sprachen der Chef und sein Designer erstmals von einem kleinen Sportwagen à la Mercedes SLK. "Wir haben große Lust, so ein Auto zu bauen.“ In Wahrheit ist das Projekt schon sehr weit gediehen. Das neue Auto dürfte XE heißen und bei der nächsten IAA 2011 Premiere feiern. Und noch etwas ist beschlossene Sache: Stillstand im Design wird es nicht mehr geben. "Was in der Vergangenheit durchaus seine Berechtigung hatte, gilt für die Zukunft nicht mehr“, sagt Callum.
Die neue Linie wird denn auch mit dem XE weiterentwickelt: grimmiger Blick, riesiger Kühlergrill. Die Karosserie des XE besteht wie bei XK und XJ aus Aluminium. Das senkt das Gewicht, der neue Roadster soll 200 Kilogramm leichter werden als der Porsche Boxster. Unter der XE-Haube kommt ein neuer Dreiliter-V6 zum Einsatz, der 280 PS leistet.
So soll Jaguar in Zukunft aufblühen und statt etwa 60.000 Autos im Jahr rund 100.000 verkaufen. Das wäre zweifellos ein Erfolg, aber reicht es auch zum Überleben? "Sehen Sie sich Porsche an“, sagt Mike O’Driscoll, "die verdienen mit 80.000 Autos im Jahr prächtig Geld.“




