Es kann das auffällige Polarweiß sein. Oder die weit über den Bordstein geschobene Nase. Was auch immer es vor dem Verwaltungsgericht in Berlin gewesen sein mag: Es zog einen Herrn mit schlohweißem Haar, Wanderstiefeln und hellem Mantel über der Trachtenjoppe unwiderstehlich an. „Was für ein geiles Auto!“, rief der Endfünfziger, der sich als Richter vorstellte, immer wieder angesichts des Mercedes CLS aus. „Aber ob das die Zukunft ist?“
Nein, ist es nicht. Das viertürige, elegante Coupé erlebte seine Markteinführung bereits im Oktober 2004. Doch am außergewöhnlichen Design sind die Jahre scheinbar ebenso spurlos vorbeigegangen wie an der noch immer zeitgemäßen Technik.
Die Schaltvorgänge der Siebengang-Automatik, die beim CLS 320 CDI eingebaut ist, sind nur sanft spürbar. Sie liegen etwa auf dem Niveau des neuen BMW 730d. Auch im Verbrauch liegt der bayrische Konkurrent mit seinen 245 PS und 7,9 Litern Diesel Verbrauch im Test nicht wesentlich unter der 224 PS starken Maschine des Mercedes (8,3 Liter).
Doch letzten Endes entscheiden ohnehin die Fahreindrücke. Und da präsentiert sich der Sechszylinder aus Sindelfingen quicklebendig, weiß sein hohes Gewicht von 1815 Kilo deutlich besser zu kaschieren als der bullige BMW (1940 Kilo). In 7,0 Sekunden sprintet der Mercedes nach Herstellerangabe um 0,2 Sekunden schneller auf 100 km/h als der Konkurrent.
Dabei sind es weniger objektiv messbare Zehntelsekunden, als die Angaben des subjekitven "Popometers". An einem einsamen brandenburger Kreisverkehr ein paar Mal um die Verkehrsinsel getrieben, scheinen der Agilität und Beschleunigung trotz steigender Fliehkräfte kaum eine Grenze gesetzt. Die leichtgängige, exakte Lenkung immer enger gezogen, bleibt der CLS auf seinen 17-Zoll-Winterreifen brav in der Spur.
Erst beim Herausschießen aus dem Kreis wird der Richtungswechsel zum Problem. Allerdings weniger wegen des ausgezeichneten Fahrwerks, sondern wegen der Ansammlung von Hebeln auf der linken Lenkradseite: Ein Schaltpaddel zum manuellen Gangwechsel, ein Gestänge zur Einstellung des Tempomats und eben der Blinker. Der schnelle Griff nach letzterem führte im Kollegenkreis häufiger zu Blinkversuchen mit dem Tempomat. Kein Drama, nur bleibt die Frage, warum Mercedes auch bei der neuen E-Klasse – auf deren Vorgänger im übrigen der CLS aufbaut – diese Anordnung beibehalten und den Tempomaten nicht wie die Konkurrenz ins Multifunktionslenkrad integriert hat.
Doch das ist Jammern auf hohem Niveau. Was zählt ist Nutzen und Fahrspaß. Und da hat der CLS einiges zu bieten. Selbst im einstellbaren Sportmodus vermittelt er auch auf dörflichem Geläuf mit wüstem Kopfsteinpflaster reichlich Dämpfungsreserven und guten Komfort.
Im Landstraßen- oder Autobahnbetrieb ist er ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Hier zieht er geräuscharm bis zu 210 km/h (schneller war wegen der montierten Winterreifen nicht erlaubt) wie auf Schienen seine Bahn. Möglich, dass die mit 139 Zentimetern niedrig bauende Limousine mit noch flacheren Sommerreifen – im Fahrzeugschein sind vorn 245/40 und hinten 275/35 jeweils in 18 Zoll angegeben – ebenso stoisch bis zur Höchstgeschwindigkeit von 246 km/h unterwegs ist.
Rasen muss man dennoch nicht, um große Freude am CLS zu finden. Trotz der flach abfallenden Hecklinie sind mittelgroße Europäer im Fond bestens und mit genügend Kopffreiheit aufgehoben, während die gesamte Anordnung rund um Fahrer und Beifahrersitz mehr als üppig Platz lässt. Der Unsitte in dieser Klasse, den Innenraum komplett zu verbauen, wurde beim 61.226 Euro teuren CLS vor fünf Jahren noch nicht Rechnung getragen. Auch oder gerade deswegen ist und bleibt er ein „geiles Auto“, wie der Richter sagte. Aber Richter haben ja ohnehin immer Recht.




