Elf Grand-Prix-Siege in zwei Jahren, ein Abonnement auf den Titel und ein Auto, das der Konkurrenz haushoch überlegen ist – davon kann Mercedes’ schnellster Mitarbeiter Lewis Hamilton in dieser verkorksten Saison nur träumen. Vor 75 Jahren aber war die silberne Überlegenheit Realität. Damals begann die Ära der legendären Silberpfeile. In der vergangenen Woche konnte der amtierende Formel-1-Champion ausprobieren, wie sich Manfred von Brauchitsch, Rudolf Caracciola, Juan Manuel Fangio, Karl Kling und Hans Herrmann am Steuer ihrer Boliden gefühlt haben.
Denn zum Jubiläum treffen sich vier bekannte Piloten mit vier legendären Rennwagen noch einmal zu einer gemeinsam Ausfahrt auf der Einfahrbahn im Mercedes-Werk Untertürkheim. Dort stehen die auf Hochglanz polierten Sportgeräte des Typs W25, W125, W154 und W196 und strahlen mit der versammelten Fahrerprominenz aus Lewis Hamilton, Ralf Schumacher, Jochen Mass und Hans Herrmann um die Wette.
Begonnen hat die Mercedes-Erfolgsgeschichte 1934 am Nürburgring mit dem W25. „Seit dem Ende der Siebziger wurde dieses Auto keinen Meter mehr bewegt“, sagt Mechaniker Uwe Karrer, der die Silberpfeile im hauseigenen Klassik-Center betreut. Mit einer aufwendigen Kur hat er den W25 in den letzten neun Monaten fit gemacht für sein großes Jubiläum und ihn bis auf die letzte Schraube zerlegt.
Nun schlängelt sich Lewis Hamilton zum ersten Mal in das offene Cockpit, das kaum mehr Platz bietet als sein aktueller Dienstwagen. Mit seinem kunterbunten Helm und dem feuerfesten Rennanzug voller Sponsoren-Aufnäher sieht er in dem Oldtimer fast ein bisschen deplatziert aus. Kein Vergleich zu den tollkühnen Kerlen von einst, die nicht viel mehr am Leib trugen als einen weißen Leinen-Overall, eine Brille und eine Lederhaube.
Als die Mechaniker den Startautomaten aus der langen Nase des Silberpfeils ziehen, kommt der 3,4 Liter große Achtzylinder auf Touren, ein ohrenbetäubendes Grollen macht alle Gespräche an der Strecke zunichte, und umwogt von einer blauen Wolke aus dem Auspuff jagt Hamilton mit 354 PS davon wie Manfred von Brauchitsch bei der Jungfernfahrt am Nürburgring. Seine Kollegen tun es ihm gleich, und so brüllen 36 Zylinder mit zusammen mehr als 1700 PS um die Wette, dass es eine wahre Freude ist.
Während die berühmten Fahrer wieder eins werden mit den schlanken Zigarren, in jeder Runde mehr Gas geben und sichtlich die Fahrt durch die engen Steilkurven genießen, legt sich langsam jenes wunderbare Parfüm aus heißem Öl, verbranntem Gummi und dem Dampf von Benzin über das Areal. Und erst der Klang: Erst pfeifen die Wagen von ferne wie Kampfjets heran, dann bollern sie unvergleichlich laut an den Zuschauern vorbei, und jeder Schaltvorgang klingt, als schieße man Salut aus Kanonen.
Dieses Geräusch war früher oft zu hören. Denn mit den Rennwagen der Typen W25, W125, W154, W165 und dem W196 nach dem Krieg dominierte Mercedes von 1934 bis 1955 den Rennzirkus, fuhr einen Sieg nach dem anderen ein und musste allenfalls der Konkurrenz Auto Union aus Zwickau mal einen Titel abtreten. Die Deutschen waren in dieser Zeit unschlagbar, Alfa Romeo, Bentley, Maserati oder Bugatti waren beinahe chancenlos. Mit dem Krieg kam das vorläufige Ende der Silberpfeile, danach dauerte es fast zehn Jahre, bis Deutsche wieder mitfahren durften.
Zu den Piloten der ersten Stunde zählt der mittlerweile 81 Jahre alte Hans Herrmann, dem sein Stolz noch heute anzumerken ist: „Endlich waren wir wieder in die Staatengemeinschaft aufgenommen und durften zeigen, was in uns steckt“, erinnert sich Herrmann an die Zeit im W196, der 1954 nahtlos an die Erfolge der Vorkriegsmodelle anknüpfte und gleich das allererste Rennen mit einem Doppelsieg beendete. Aber nach einem katastrophalen Unfall in Le Mans zog sich Mercedes am Ende 1955 aus dem Motorsport zurück und blieb der Königsklasse fast 40 Jahre fern.
Herrmann hat an diesem Nachmittag den leichtesten Job. Sein 1954er Formel-1-Wagen lasse sich fast so leicht fahren wie ein normales Auto, sagt Mechaniker Karrer. Am schwersten zu fahren sei dagegen der W125, der mit seinen 592 PS noch bis in die 80er-Jahre hinein als „stärkster Grand-Prix-Rennwagen der Welt“ galt. „Das ist eine Bestie, die man nur schwer im Zaum halten kann“, sagen die Mercedes-Mechaniker.
Lewis Hamilton macht seine Sache bei der Jungfernfahrt im W25 von 1934 überraschend gut. „Denn eigentlich hat das Rennfahren von heute mit dem von damals nicht mehr viel gemein“, sagt Altmeister Jochen Mass, der für Mercedes schon fast jeden Oldtimer gesteuert hat und heute den W125 zähmt.
Dünne Reifen, mechanische Bremsen, manuelle Schaltungen: „Die Autos ein Rennen lang auf der Straße zu halten war körperliche Schwerstarbeit“, sagt Mass mit viel Respekt vor den Altvorderen. Dagegen sei die Arbeit der Herren Hamilton und Kovalainen – bei allem Respekt – ein Kinderspiel. Nur im Moment nicht ganz so erfolgreich.




