Lange galt sie als die einzige Stimme der Luxuskarosse. 1998 reimte Sabrina Setlur auf ihrem Album „Die neue S-Klasse“: „Siehst du den Stern? Er scheint und spendet Licht. Ob du ihn siehst oder nicht: Er ist in deiner Sicht.“ Bezog sich die Sängerin Setlur nur beim Rappen auf die Marke mit dem Stern, gehören die wahren Stimmen der Mercedes S-Klasse heute Gabriele, Zoraya, Jette, Constanze, Fatima, Margarita, Zhang, Christine, Claire und Selçuk.

Pünktlich zur Internationalen Funk-Ausstellung (4. bis 9. September) in Berlin hat der Stuttgarter Autobauer die Identität all derjenigen enthüllt, die per Navigationsgerät in der S-Klasse über die Straßen dieser Welt geleiten.

Zehn Frauen aus Radio, Fernsehen, Theater und Synchronstudio haben dafür drei Tage lang rund 100 Manuskriptseiten mit Wörtern, Satzfragmenten, Zahlenreihen und Namen aufgenommen, die für die Zielführung bei der Navigation und den Sprachdialogen benötigt werden.

Zehn Frauen – und ein Mann. „Während sich Mercedes-Kunden in fast allen Teilen der Erde von weiblichen Stimmen den Weg weisen lassen, hört man in der Türkei lieber auf einen Mann“, heißt es dazu aus Stuttgart. Der Hahn im Korb heißt Selçuk Birdal und ist in seiner Heimat Radiomoderator. Bei den Aufnahmen in der Esslinger Soundfabrik hatte er sich schnell in seine neue Rolle gefunden: „So viele nette Kolleginnen…das macht sehr viel Spaß.“

Auf den Mund gefallen erwiesen sich die Damen des Dialogs dabei jedoch nicht. Auch wenn manche, die sich nicht in den türkischen Harem eingliedern lassen wollte, ihren Stellenwert vielleicht ein bisschen überschätzte. Etwa Margarita Kalz. Auf den Erfolg von Mercedes-Benz in ihrer Heimat angesprochen, verkündete die gebürtige Moskauerin, die mittlerweile in Köln bei der Deutschen Welle arbeitet, kess: „Das sind alles meine Fans. Die kaufen die Autos, weil sie meine Stimme noch mal hören wollen.“

Mancher Mercedesfahrer will aber nicht nur hören, er will auch gehört werden. Und dafür ist Frau Kalz noch die falsche Ansprechperson. Die neueste Version des Sprachdialogs, in der S-Klasse Linguatronic genannt, funktioniert noch nicht auf Russisch. Auf Deutsch hingegen lässt sich im Mercedes ebenso mit dem Navigator parlieren wie auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch oder Holländisch.

1996 bei den Stuttgartern zur Bedienung des Autotelefons eingeführt, hat die computerbasierte Spracherkennung inzwischen einen Quantensprung erlebt. Statt einzelne Worte buchstabieren zu müssen, lässt sich mit Linguatronic seit diesem Jahr auch Stadt und Straßennamen in einem Zug nennen. „Berlin, Kurfürstendamm“ reicht etwa aus, damit das System aus 80.000 Städte- und 470.000 Straßennamen den Zielort herausfiltert. Sollten Rückfragen nötig sein, meldet sich dann in Deutschland die Stimme von Gabriele Libbach, die im Fernsehen die Detektivin Stella Bonasera bei „CSI New York“ synchronisiert.

Wie komplex und schwierig das Ganze aber ist, lässt sich anhand von Garmin ablesen. Die Firma hatte das nüvi 865Tpro, das über eine Spracherkennung mit Kurzsätzen wie „nächste Tankstelle suchen“ verfügte, schon auslaufen lassen, um auf der Ifa ihr neues Produkt vorzustellen.

Weil aber das Feintuning, wie es intern heißt, noch nicht abgeschlossen ist, hat der Hersteller nun auf seinem Stand keine einzige Neuheit im Bereich der Autonavigation, die sich per Sprachanweisungen steuern lässt. Das Gerät soll aber im Laufe des Jahres auf den Markt kommen. Was vernünftig sein mag. Schließlich nützt so eine Funktion nur wenig, wenn sie bestenfalls Menschen mit Sprechausbildung versteht. Oder so glückliche Fälle wie Claire Ashworth, die als Teamleiterin einer Großbank in der Londoner City arbeitet und für Mercedes im Nebenjob Aufnahmen für das System zur Sprachbedienung machte. „Meine Eltern haben immer gepredigt, ich soll deutlich und akzentfrei sprechen“, sagt Claire Ashworth. „Das macht sich jetzt offenbar bezahlt.“

Anstrengend genug blieb die Zweitarbeit für die Bankerin dennoch, da die Intonation der vielen Worte und Wortfetzen immer gleichbleibend sein soll, um in Millisekunden miteinander kombiniert werden zu können. „Da muss man stets absolut neutral sprechen und darf alles nur sehr zurückhaltend betonen – völlig ‚undressed'.“