Autos erinnern uns daran, dass wir einmal Kinder waren. Kinder erinnern uns daran, dass Autos schön sind. Ich kann das erklären.
Mein Verhältnis zu Autos und zum Fahren ist nicht gut. Ich lebe in der Stadt und radele fast immer. Meine Frau benutzt unseren Wagen, sie fährt, ich sitze gern daneben. Ein Auto bringt mich vom Abfahrtsort zum Bestimmungsziel, der Weg ist bloß der Weg, so prosaisch sehe ich das.
Wenn ich am Ort meiner Kindheit bin, im Hessischen, leihe ich mir stets den alten Wagen meines Vaters und fahre über die Dörfer. Das gefällt mir.
Mir kam es noch nie in den Sinn, viel Geld in einen über Maßen komfortablen Wagen zu investieren. Im Gegenteil, ich frage mich, warum Menschen dies tun, wenn sie nicht gerade Mittel im Überfluss haben. Status, Identitätsfindung, Neobürgertumsgehabe - all das kann mir im Zusammenhang mit Autos gestohlen bleiben.
Der BMW X1 23d ist also etwas Besonderes für mich, obwohl der Wagen verhältnismäßig klein ist. Eigentlich soll er mich ansprechen, ist er doch ein gehobener Mittelklasse-Familienwagen. Zwar ein SUV, also ein sportlicher Geländewagen, doch kein echtes Protzauto. Aber mit allen BMW-Attributen ausgestattet.
Prompt funktioniert der Wagen. Ich fahre bei meinen Kinder vor, elf und 16 Jahre alt, sie steigen jauchzend ein. "Fährst du mich zur Schule?", ruft der eine Sohn.
"Holst du mich von der Schule ab?", verlangt der andere.
"ICH fahre damit zur Arbeit", sagt meine Liebste.
Wir drehen eine Runde durch Kreuzberg, der 16-Jährige stellt sofort die Musik laut und schlägt in seriösem Schulhofton vor: "Komm, wir fahren ins Reichenviertel und drehen dort die Mucke auf!"
So ein BMW weckt irre Bedürfnisse. Ein paar Tage später hole ich das Kind ab, es streckt den Ellbogen aus dem Fenster und ruft zu zwei Mädchen an der Ampel: "Ey, Chicas". Ehrlich ergriffen darf ich sagen: Von mir hat er das nicht.
Mir ergeht es mit dem Wagen ganz anders. Ich bin skeptisch. Vieles von dem, was der Hersteller mir sagen möchte, verstehe ich nicht. Da ist etwa die "Echtholzausführung Fineline Wave" an den Türen und über dem Beifahrersitz. Sieht mehr wie Holzimitat aus. Wäre es mein Auto und würde also meine Frau wie üblich fahren, ich müsste ständig auf die "Fineline Wave"-Panele schauen, die wie billiges Ersatzmaterial wirken. Würde mir gar nicht gefallen. Die Liebste wiederum meint mit kritischem Blick, ein Familienauto mit hellen Ledersitzen sei vielleicht überambitioniert. Sie hat ja so recht. Wer "Ey, Chica" ruft, verschlingt auch Tütenchips und Schokolade und verteilt überall Sand aus den Schuhen.
Am Design stört mich die bullige Schnauze. Sieht aus wie für einen größeren Wagen geplant und dann irgendwie zurechtgedengelt. Das Aggressive der Front spricht mich wenig an, wiewohl ich den Tritt auf das Gaspedal und die anschließende Wirkung der 204 PS doch ziemlich fein finde. Außerdem überfordert mich die viele Technik. Das zentrale Steuerrad des X1 ist nicht mehr das Lenkrad, sondern rechts die Multimedia-Konsole. Sie wird in der Anleitung auch deutlich ausführlicher erklärt als der Rest.
Bis ich die Möglichkeit gefunden habe, die Navigationshilfenstimme abzuschalten, möchte ich schon aus dem Wagen aussteigen. Danke, die Brücke der Enterprise scheint mir bedienungsfreundlicher. Die 39.100 Euro für so ein Gefährt kommen mir recht surreal vor - das billigste Modell gibt es ab 27.200 Euro.
Nach einigen vorsichtigen Ausflügen innerhalb Berlins gewöhne ich mich an die Apparatur. Der Wagen fährt gut! Ich spüre den Genuss! Ich überlege, mein Tweedjackett anzuziehen. Ich denke an der Havelchaussee plötzlich über Shelley-Gedichte nach. Das muss der BMW sein. Ich mag das.
Wir beschließen, das Auto auszuführen. Es soll das Elbsandsteingebirge kennenlernen. Dabei teste ich gleich den Spritverbrauch. Als ich den X1 bekomme, wird als Durchschnittsverbrauch 9,6 Liter angezeigt. Nach mehr als 500 Kilometern ist der Verbrauch auf 8,4 Liter gesunken. Ich fahre sehr gemäßigt, nur einmal traue ich mich auf der Autobahn, kurz bis 180 Stundenkilometer zu beschleunigen. Der Dieseldurst des Wagens scheint mir hoch zu sein, vom Werk angegeben sind 6,3 Liter (Hubraum: 1995 Kubikzentimeter). Ich halte das für echte Heuchelei.
Im Elbsandsteingebirge fahre ich über die kleinen Straßen. Man möchte dort nicht tot überm Zaun hängen, doch im Vorbeifahren fühlt es sich gut an. Die Gegend ist wie für einen bayerischen Traditionswagen geschaffen, erst geht es durch Papstdorf, dann folgt Pfaffendorf. Hat nicht Caspar David Friedrich hier seine romantischen Bilder gemalt? (Antwortet: Ja.)
Pfaffendorf liegt lieblich im Tal, wie überhaupt alles vorhanden ist, was das Herz erfreut. Hügel. Ein Fluss. Bahngleise. Enge Straßen. Der Wagen brummt. Der Wagen zieht mich in die Landschaft hinein. Und dann wird mir klar, dass das hier gar keine Realität ist, sondern eine Ideal-Landschaft für eine Miniatureisenbahn, mit altertümlichen Bahnhöfen direkt am Wasser, mit engen Tälern und begrünten Tunneln. Die Menschen stehen unbewegt am Rand, wie festgeklebt. Und mittendrin der BMW und ich im gemeinsamen Stillstand.





