Das Neonlicht in der Werkstatt macht sie noch etwas blasser, als sie ohnehin gerade wirkt. „Ich bin froh, dass der Stress jetzt vorbei ist“, sagt Anja Schramm. Die Berlinerin darf seit dieser Woche von sich behaupten, die beste Nachwuchsschrauberin der Bundesrepublik zu sein. Im diesjährigen gemischten Finale, das vom Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe im thüringischen Rohr-Kloster ausgerichtet wurde, konnten es nur fünf Kerle besser als sie. Wer jetzt aber glaubt, dass bald Mädels die besseren Mechaniker sein werden, dürfte sich getäuscht haben: Anja Schramm wird wenigstens mittelfristig eine Ausnahme bleiben.

Grund sind nach wie vor in erster Linie die körperlichen Herausforderungen, denen die meisten jungen Frauen auf Dauer nicht gewachsen sind. Oder sich nicht gewachsen fühlen. „Wenn sie sich aber durchgebissen haben, sind sie super – nur: Das müssen sie wollen“, sagt Thorsten Beutler. Schramms Werkstattleiter beaufsichtigt bei BMW in der Huttenstraße knapp 100 Angestellte. Er hat schon viele kommen und gehen sehen, auch Mädchen und junge Frauen. Einen Trend weg vom Männerberuf konnte er in der Kfz-Branche dabei aber nicht feststellen.

Nur zwei Prozent Frauen als Azubis

Die Zahlen geben ihm recht. Zwar wurde 2003 der zunehmenden Veränderung des Berufsbildes von Kfz-Mechanikern Rechnung getragen. Außer anderen Inhalten in der Ausbildung gab es für die ganze Sache dabei auch einen neuen Namen. Doch nur weil die Azubis jetzt Mechatroniker und Mechatronikerinnen heißen, etwas mehr Köpfchen als zuvor brauchen und dank verschiedener Hebevorrichtungen in Werkstätten etwas weniger Kraft benötigen, ist der Beruf für junge Frauen kaum attraktiver geworden. Bundesweit hat sich der Durchschnitt in den vergangenen zehn Jahren zwischen 1,7 und 2 Prozent eingependelt. In Berlin lag der Anteil der weiblichen Auszubildenden stets etwas höher: 2005 fand er sich bei 2,7 Prozent, erlebte 2007 ein kurzes Zwischenhoch mit 3,8 Prozent, bevor der Anteil wieder auf aktuell 2,7 Prozent zurückging.

„An uns liegt es nicht“, sagt Thomas Lundt. „Wir würden gern den weiblichen Anteil unserer Auszubildenden erhöhen, aber wir können ja niemanden zwingen.“ Lundt ist in dieser Hinsicht chauvinistischer Tendenzen völlig unverdächtig. Allein schon aus persönlichen Gründen. Die eigene Tochter des Obermeisters der Kfz-Innung Berlin hat in seiner Porsche-Werkstatt das Handwerkszeug gelernt und schickt sich nun an, ihren Meister zu machen. „Die musste sich auch durchbeißen, und natürlich gab es manchmal den ein oder anderen Spruch von den Jungs“, sagt Lundt. „Aber so sind die Männer nun mal, das wird sich auch von heute auf morgen nicht ändern.“

Und das ändert sich auch nicht unbedingt durch einen Meistertitel. „Dann hat man es als Frau in einer Stadt wie Berlin immer noch mit einer Vielzahl von männlichen Mitarbeitern zu tun – etliche davon mit Migrationshintergrund“, führt Dieter Rau aus. Mitarbeiter aus anderen Kulturkreisen falle es laut dem Geschäftsführer der Kfz-Innung Berlin nicht immer leicht, eine Frau als Vorgesetzte zu respektieren. Schon gar nicht in einer traditionellen Männerdomäne.

Anja Schramm hat diesbezüglich deutlich bessere Erfahrungen gemacht. Die schnelle Anerkennung ihrer Kollegen und Vorgesetzten erwarb sie sich dabei weniger durch ein dickes Fell oder durch coole Sprüche. Dafür ist die 22-Jährige viel zu intelligent. Respekt verschaffte sie sich hingegen durch ihre überaus schnelle Auffassungsgabe. In Zeiten von Testern und Diagnosegeräten kommt es in den Werkstätten immer mehr aufs Köpfchen an.

Etwas, was Hochbegabte ganz nebenbei und spielerisch trainieren. Häufigster Begleiter von Anja Schramm ist etwa einer der Zauberwürfel aus ihrer Sammlung, mit denen sie sich die Zeit in Zügen, Wartezimmern oder an anderen mäßig interessanten Orten vertreibt. Der normale Rubik's Cube mit drei mal drei Flächen an der Seite interessiert sie dabei kaum noch. „Bis zu fünf mal fünf beherrsche ich schon ganz gut, darüber wird es schwierig“, verblüfft die einstige Abiturientin.

Ein ganzes Leben lang? Nein danke

Doch warum hat sich so ein schlaues Mädchen überhaupt die Ausbildung in solch einer Männerdomäne ausgesucht? Wird doch für Diagnosen im weißen Kittel deutlich mehr gezahlt als für die im Blaumann. Schramm zuckt mit den schmalen Schultern. „Das war eben das, was ich schon immer wollte“, sagt die Tochter eines Abschleppunternehmers aus dem Wedding. Dabei hatte sie vor ihrer Ausbildung noch nie selbst geschraubt. Und wird es wohl auch nicht in alle Ewigkeit tun. „Der Job ist körperlich sehr, sehr hart“, sagt sie. „Den hält kaum einer sein ganzes Leben durch – nicht mal Männer.“