Noch sind sie in vielen Ländern die Stars der Zulassungsstatistik. Doch in diesen Tagen erklingt aus allen Ecken der Welt der Abgesang auf die Geländewagen: In Europa diskutiert man Strafsteuern und CO2-Abgaben, und in den USA stürzen sie monatlich tiefer von ihrem einst so fest gemauerten Thron.

Uwe Ernstberger, den verantwortlichen Ingenieur für gleich vier Geländewagen-Baureihen, lassen diese Nachrichten kalt. Erstens hat die M-Klasse in den USA um 16 Prozent zugelegt dieses Jahr. Und zweitens weiß der Mercedes-Entwickler, womit er das Überleben seiner Geländewagen sichern kann: BlueTec. Das Kunstwort steht für eine neue Abgasreinigung, mit der die sogenannten SUV von Mercedes als erste Dieselautos überhaupt in allen 50 US-Staaten angeboten werden dürfen. Das ist besonders wichtig, weil dem Diesel so endlich auch Kalifornien und New York offenstehen – in diesen beiden Staaten verkauft Mercedes fast die Hälfte seiner US-Modelle.

Diesel ist in den USA teurer als Benzin

Zwar liegt der Preis für Dieselkraftstoff in den USA über dem Benzinpreis. Doch können die größere Reichweite und die von den Amerikanern so geschätzte bullige Kraftentfaltung der Autos diesen Mangel ausgleichen, glaubt Ernstberger. Wer mit dem ML 320 Bluetec an der roten Ampel steht, hat bei einer Kraft von 540 Newtonmetern in der Regel die Nase vorn. Nur 8,5 Sekunden vergehen bis Tempo 100, und wenn der große Wagen bei Tempo 215 Schluss macht, reicht das in den USA schon fast für eine Haftstrafe.

"Außerdem wird die Preisschere an der Tankstelle sich auch wieder schließen", sagt der Baureihenchef. Bluetec, so glaubt er, sichert die Zukunft für eine Fahrzeuggattung, die derzeit vom Aussterben bedroht scheint. "Was als vorsichtiger Comeback-Versuch begann, hat sich für uns inzwischen zu einer neuen Erfolgsstory entwickelt."


Der E320 Bluetec, mit dem die Diesel-Offensive vor zwei Jahren begonnen hat, kommt im amerikanischen E-Klasse-Verkauf auf einen Anteil von knapp zehn Prozent. Und auch ohne die Zulassung in den fünf Bundesstaaten mit besonders strenger Abgasnorm schafft der bisher in den Geländewagen angebotene Dieselmotor mehr als 20 Prozent. "Damit liegen wir schon heute über dem durchschnittlichen Diesel-Marktanteil von 14 Prozent, den J.D. Power für 2017 prognostiziert", sagt Ernstberger.

Mit den neuen Bluetec-Autos soll der Aufstieg weiter gehen, auch weil sie laut Entwicklungsvorstand Thomas Weber "20 bis 40 Prozent weniger verbrauchen als vergleichbare Benzinermodelle". Die Geländewagen benötigen allerdings einen größeren Aufwand für kleinere Emissionen. Statt des in der E-Klasse eingesetzten Stickoxid-Speicherkatalystors, der bei schweren Autos häufiger mit verbrauchsintensiver Verbrennung freigefahren werden müsste, kommt im ML 320 Bluetec eine Harnstoffeinspritzung zum Einsatz. Wegen des eher unangenehm klingenden Namens wird sie auch in Deutschland "AdBlue" genannt werden

Die Chemikalie wird in den Abgasstrom eingespritzt, bildet dort Ammoniak und wandelt mithilfe eines speziellen Katalysators Stickoxide in Stickstoff und Wasser um. Dafür brauchen die Autos rund 0,1 Liter Harnstofflösung auf 100 Kilometer – der nötige Vorratsbehälter reicht jeweils für die Strecke zwischen zwei Inspektionen.

In den USA wird Bluetec das Image der Dickschiffe nachhaltig verändern, glauben die Mercedes-Verantwortlichen. Doch in Europa hilft das bislang nicht. Denn dort wird es die Technik erst in gut einem Jahr geben. "Obwohl es technisch das identische System ist, müssen wir jetzt weiterentwickeln, damit wir den Segen der europäischen Zulassungsbehörden bekommen", schimpft Ernstberger. Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld: Rund 1000 Euro mehr wird das Bluetec-Paket für ML, GL und R-Klasse wohl kosten.

Der E300 Bluetec ist in Deutschland bislang ein Ladenhüter

Vielleicht ist die Wartezeit gar nicht so schlecht. Denn heute haben die Kunden vom "saubersten Diesel der Welt" außer dem reinen Gewissen keinen Vorteil. Der in Deutschland angebotene E300 Bluetec ist bislang ein Ladenhüter.

Für Mercedes-Ingenieur Christian Enderle ist die teure Bluetec-Entwicklung aber auch eine Investition ins Image des Unternehmens. Enderle glaubt zudem, die Regierung werde den Kauf eines besonders sauberen Dieselmodells bald mit einem Steuerbonus belohnen.

Bei aller Liebe zum Diesel treibt Mercedes auch die Entwicklung der Benziner weiter. "Ende nächsten Jahres bringen wir den ML 450 Hybrid", kündigt Entwickler Hubert Schneider an. Dem 272 PS starken V6-Benziner mit 3,5 Liter Hubraum wird ein Elektromotor beigegeben, der genügend Kraft für kurze Strecken im Alleingang hat. Zusammen kommen beide Antriebe auf 340 PS, und der Normverbrauch des Hybriden liegt mit 7,7 Litern um 1,5 Liter unter dem des sparsamsten Dieselmodells.

Zuvor frischt Mercedes die optische Erscheinung der M-Klasse auf. Nach den Werksferien wird der Geländewagen einen markanteren Gesichtsausdruck tragen, er bekommt größere Spiegel und eine neue Heckschürze. Außerdem wird der Innenraum feiner ausgeschlagen. Dafür allerdings steigt auch der Preis, das Basismodell ML 280 CDI wird 51.527 Euro kosten, ein künftiger ML 320 Bluetec jenseits von 55.000 Euro liegen. Was wieder beweist, dass man zum Sparen zunächst investieren muss.