Mobilität

Elektrofahrzeuge verzweifelt gesucht

Nachts Strom tanken, tagsüber mit elektrischer Energie Auto fahren: So stellen sich die großen Energiekonzerne die Zukunft vor. Umweltschützer halten jedoch wenig von Autos mit Batteriebetrieb, auch wenn sie aus erneuerbaren Energien gespeist würden. Greenpeace setzt eher auf kleine Benzinmotoren.

Waschmaschine an, Wäschetrockner an, Geschirrspüler an – Sicherung raus. So oder ähnlich spielt es sich selbst in Deutschland häufig ab, wenn zu viele elektrische Geräte gleichzeitig ans Netz gehen. Da mag man sich gar nicht ausmalen, wie es wird, wenn 2020 – wie von der Bundesregierung gewünscht – eine Million Elektroautos regelmäßig Strom zapfen.

Doch Befürchtungen dieser Art sind unbegründet, heißt es bei den Energieunternehmen. Im Gegenteil, sie warten dringend auf den Boom der batteriebetriebenen Autos. Wegen der Einspeisung von erneuerbaren Energien gibt es heute oft das Problem, dass nachts nicht genug Strom abgerufen wird, was zur Überlastung der Netze führt.

"Im vergangenen Jahr ist teilweise an der Börse sogar Geld dafür gezahlt worden, dass Strom abgenommen wurde“, sagt RWE-Sprecher Harald Fletcher. "Solche Stromspitzen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien könnten hier insbesondere nachts durch das Laden von Elektroautos geglättet werden.“

Auch Karl-Josef Junglas, technischer Geschäftsführer der auf die elektrische Vernetzung von Haushalten spezialisierten SAG GmbH, bestätigt die Einschätzung, dass elektrisch betriebene Fahrzeuge "selbst als Stromspeicher benutzt werden können. Momentan muss vor allem Strom aus erneuerbaren Energien oft günstig ins Ausland abgegeben werden, weil er sonst das Netz überlasten würde. Künftig könnten Millionen Elektroautos diese Energie aufnehmen.“

Dabei lesen sich die absoluten Zahlen, die für den Stromverbrauch von einer Million solcher Fahrzeuge anfallen würden, auf den ersten Blick beeindruckend: Nach Berechnungen der E.on Energie AG werden jährlich für eine Million Elektroautos etwa vier Milliarden Kilowattstunden benötigt. Allerdings wurden in Deutschland 2008 knapp 640 Milliarden Kilowattstunden Strom aus unterschiedlichen Quellen erzeugt, was das Ganze relativiert. Für eine Million Elektroautos hätten da schon zehn Prozent der Energie gereicht, die hierzulande aus Wind gewonnen wird.

"In den Szenarien, die die höchste zu erwartende Zahl von Elektroautos voraussagen, benötigt man etwa 100 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr, also weniger als 20 Prozent des heute in Deutschland erzeugten Stroms“, rechnet E.on-Sprecher Alexander Ihl vor. "Auch in diesem Fall wäre für Elektroautos kein neues Kraftwerk nötig, denn die Energiewirtschaft hat die Chance, die Energie für Elektromobilität dann zu liefern, wenn die bestehenden Kraftwerke nicht voll ausgelastet sind, zum Beispiel für die Beladung während der Nachtstunden.“

Mit Strom fahren, und das alles nur mithilfe erneuerbarer Energien? "Die Ansätze sind ja grundsätzlich und langfristig richtig“, sagt Wolfgang Lohbeck, Verkehrsexperte bei Greenpeace, bevor er die Gegenrechnung aufmacht: Eine Million Elektrofahrzeuge 2020 bedeuten nach dem heutigen Verkehrsaufkommen in der Bundesrepublik praktisch – nichts.

Gemessen an den mehr als 41 Millionen Karossen im Augenblick wäre die prognostizierte Million der „e-mobility“ gut zwei Prozent des Gesamtbestandes. "Doch solche Autos werden eher geringe Fahrleistungen an der Gesamtsumme übernehmen“, sagt Lohbeck. "Wir würden also in elf Jahren nach derzeitigen Prognosen vielleicht ein Prozent aller gefahrenen Kilometer per Strom abspulen. Das ist keine Lösung, sondern Ablenkung von den wirklichen Problemen bei der Mobilität.“

Bei Greenpeace setzt man deshalb eher auf Downsizing, also Verkleinerung der Verbrennungsmotoren und konsequenten Leichtbau, zumal überhaupt nicht klar sei, ob Elektroautos von Menschen nicht ein komplettes Umdenken bei der Beweglichkeit fordern. Ein Punkt, dem auch der studierte Energietechniker Junglas von der SAG zustimmen muss. "Die elektrische Mobilität wird unser Leben stark verändern. Wir werden unsere Beweglichkeit vorausschauender planen müssen.“

Das gelte selbst dann, wenn es intelligente Systeme in Autos gebe, die über die Reichweite des Akkus informieren. So gehört zur Planung der Mobilität auch der Aufbau einer Infrastruktur mit Stromtankstellen für alle, die nicht über den Luxus eines ebenerdigen Eigenheims verfügen oder denen der Saft unterwegs auszugehen droht.

Doch sogar die SAG, mit einem Umsatz von mehr als 800 Millionen Euro 2008 Marktführer in ihrem Bereich in Deutschland und an der Vernetzung der Stromtankstellen interessiert, wartet mit einem größeren Einsatz noch ab. Erst ab 2012/13 rechnet das Unternehmen mit einer Menge an Elektroautos, die größeres Engagement lohnt.

So wird es noch einige Zeit dauern, bis Stromtankstellen tatsächlich zum Alltag gehören. Bis dahin behelfen sich entsprechende Projekte wie "e-mobility“ in Berlin mit jenen Orten, wo Stromversorgung ohnehin in ausreichendem Maße vorhanden ist. So können etwa die Stromflitzer künftig während des Einkaufs in 20 Parkgaragen aufgeladen werden, etwa am Alexanderplatz oder am Brandenburger Tor.

Dort sollen die elektrisch betriebenen Smart Energie nachtanken, die in einem Gemeinschaftsprojekt von Daimler und Energieversorger RWE Ende des Jahres ihre Alltagstauglichkeit beweisen müssen. Es handelt sich um 100 Autos.