Das Wetter ist schön. Viel zu schön für diese Jahreszeit, viel zu schön für den Beginn der Motorradsaison. Die Biker sind zu schnell, weil es zwar die Straßenverhältnisse, nicht aber ihre nach dem langen Winter eingerosteten Fahrfähigkeiten zulassen. Und die Autofahrer sind wiederum noch nicht wieder an Fahrzeuge gewöhnt, von denen die meisten doppelt, oft dreimal so schnell beschleunigen wie ihre eigenen. Nun verkündet die Motorradabteilung von BMW die Entwicklung eines Assistenzsystems namens ConnectedRide, das Kradler und Autofahrer aufeinander aufmerksam machen soll.
Es gibt wohl kaum einen günstigeren Zeitpunkt für die Mitteilung solch eines Forschungsprojekts als die erste, zum Teil traumhaft schöne Aprilhälfte. Als das Wetter sich vor zwei Jahren ähnlich sprunghaft schön gestaltete, verdoppelte sich in einigen Regionen Deutschlands kurzerhand die Zahl der schweren Unfälle mit Motorradbeteiligung. Ein Grund: Motorräder werden an Kreuzungen häufig übersehen. „Analysen haben ergeben, dass die häufigste Unfallursache bei Kreuzungsunfällen die Unaufmerksamkeit und Fehleinschätzung der Autofahrer ist“, sagt BMW-Sprecherin Beata Telingo.
Ist der Autofahrer erst vorschnell in die Kreuzung eingefahren, hat der Motorradfahrer kaum eine Chance mehr. „Ein Motorrad braucht rund dreimal so lange zum Ausweichen wie ein Auto“, sagt Bernt Spiegel, der Autor des Standardwerkes „Die obere Hälfte des Motorrads“, das gerade zum neunten Mal aufgelegt wurde. Hat der Autofahrer also den Motorradfahrer auch nur kurzzeitig übersehen, ist der Schaden kaum noch abwendbar. Dem soll ConnectedRide künftig entgegenwirken. Dieses Assistenzsystem befindet sich bei BMW derzeit ebenso in der Testphase wie das auf die Autos bezogene ConnectedDrive. In beiden Fällen sollen die Fahrzeuge untereinander kommunizieren und aufeinander aufmerksam machen.
„Am Motorrad wird bei zunehmender Kollisionsgefahr schrittweise das Fahrlicht moduliert, die Fahrlichtintensität erhöht, und es werden zusätzliche LED-Warnleuchten an der Fahrzeugseite zur Verbreiterung der Silhouette aktiviert“, erklärt Beata Telingo. „Bei akuter Kollisionsgefahr ertönt zudem die Hupe des Motorrades.“ Als Versuchsträger dient augenblicklich der neue Sporttourer K1300 S mit 175 PS. Ausgerüstet mit Schaltautomat, hat dieses wuchtige Bike gerade im Test von Europas größter Fachzeitschrift „Motorrad“ von 0 auf 100 km/h in 2,9 Sekunden beschleunigt. Vergleicht man diesen Wert mit dem eines 420 PS starken Porsche 911 4S (0-100 km/h in 4,9 s), lässt sich leicht ausmalen, wie schnell Motorräder aus dem Stand über die Kreuzung huschen.
„Das höhere Beschleunigungsverhalten ist der größte Unterschied bei der Versuchsanordnung Motorrad zu Auto“, sagt Felix Klanner, der für ConnectedDrive zuständige Ingenieur bei BMW. Außerdem habe man bei Motorrädern nicht alle Möglichkeiten der Vorwarnung. So sei im Auto auch eine automatisch ausgelöste kurze Bremsung möglich, um den Fahrer aufzurütteln – dies könnte beim Motorradfahrer zum Sturz führen. Das Einspiegeln einer Warnmeldung in die Windschutzscheibe bleibt ebenso fürs Auto reserviert.
Es sind also noch viele Probleme zu lösen, doch mit der serienmäßigen Einführung ist nach Aussagen des BMW-Ingenieurs ohnehin erst in fünf bis zehn Jahren zu rechnen. ConnectedDrive und ConnectedRide in Serie ergeben nur Sinn, wenn sich die neuen Sicherheitssysteme zur Kommunikation zwischen Fahrzeugen weithin durchsetzen lassen. Schließlich müssen Informationen wie Straßendaten, Position und Tempo über Protokolle und Frequenzen, die von der herstellerübergreifenden Arbeitsgruppe „Car 2 Car Communication Consortium“ standardisiert worden sind, in Sekundenbruchteilen ausgetauscht werden. Besitzt nur eins von zwei Fahrzeugen Sender und Empfänger, bleibt alles beim Alten: erhöhte Unfallgefahr.





