Kombis tragen bei BMW den Namen Touring. Das ist auch beim 5er-Modell so, selbst wenn das Auto den Zusatz „M“ trägt. Mit der ureigenen Bedeutung der Kombis als Lastenträger haben M-Autos aber nicht mehr viel zu tun. Der neue BMW M5 Touring mit 507 PS ist eher ein Hightech-Sportwagen. Er ist gleichermaßen begehrtes Spielzeug für unvernünftige Familienväter wie auch für eilige Handlungsreisende.
Gerhard Richter ist Entwicklungschef der Eliteabteilung des Münchner Automobilherstellers BMW, er verantwortet die Sportwagen mit wettkampffähigen Möglichkeiten. Diese Autos blieben „auch dann automobile Athleten, wenn sie im Alltagskleid einer Limousine oder eines Kombi daherkommen". BMW-Fans geben ihm recht. Die hochmotorisierten Spitzenversionen der M3- und M5-Baureihe stehen oben auf ihrer Wunschliste. Insbesondere junge Leute dürsten nach ihnen, auch wenn sie sich in der Regel aus finanziellen Gründen vorerst noch mit einem BMW 318 oder einem BMW 520 begnügen.
Ein böses Grollen umweht die Ohren des Piloten
Ob ein 507 PS starkes Alltagsautomobil mit 1650 Liter Ladevolumen und 535 Kilo Zuladung zeitgemäß ist, soll an dieser Stelle nicht geklärt werden. Tatsache ist: Die Konkurrenz baut auch so etwas, das T-Modell des Mercedes E 63 AMG ist mit 514 PS sogar noch ein bisschen stärker. Und teurer. Gegen den 100.020 Euro schweren Mercedes wirkt der M5 Touring, der am 26. Mai in den handel kommt, beinahe wie ein Sonderangebot. Mit seinen 91.600 Euro unterbietet der BMW den Benz deutlich, liegt aber genauso spürbar über dem Audi S6 Avant (435 PS, 84.500 Euro).
Mit Druck auf den derzeit so modischen Starterknopf, der neben der Lenksäule liegt, erwacht der fünf Liter große V10-Motor, und der Fahrer erlebt, woraus die BMW M GmbH ihr elitäres Selbstverständnis speist. Böses Grollen aus zwei Doppelendrohren umweht die Ohren des Piloten. Er fühlt sich wie eingeschlossen von dem Geräuschpegel von außen.
Das Triebwerk markiert den Gipfel der bayerischen Motorenbaukunst. Es erreicht seine Leistungsspitze bei 8250 Umdrehungen in der Minute – Vergleichbares schaffen fast nur Sportwagentriebwerke. Mehrfach haben Motoren der M GmbH den von einer internationalen Jury verliehenen Titel „Engine of the Year“ eingefahren.
Wer den M5 Touring mit diesem Wissen in den Verkehrsalltag lenkt, kommt in den Genuss eines Kombis, der hervorragend am Gas hängt, dessen Lenkung Gokart-Qualität besitzt und der etwas mehr Fahrgeräusche zulässt als schwächere BMW-Schwestermodelle. Doch anziehend auf weibliche Fußgänger wirkt das Auto nicht. Von außen bleibt im Großen und Ganzen auch der M5 Touring eben ein Kombi. Aber vielleicht liegt darin sogar sein besonderer Reiz.
Technisch gibt es ebenfalls nur einen Punkt zu bemängeln: Im Automatikmodus des sequenziellen Siebengang-Getriebes missfällt das Nicken der Karosserie in den Schaltpausen. Beim Herunterschalten hingegen macht das automatisch zugeschaltete Zwischengas den Piloten schmunzeln. Weil er sich an die Akustik von Bergrennwagen früher Jahre erinnert. Dabei soll das Zwischengas hauptsächlich als Komfort- und Sicherheitsmerkmal verstanden werden. Denn es entschärft die Bremswirkung des Motors beim Wechseln in den kleineren Gang.
Die volle Leistung gibt es nur nach Druck auf die Power-Taste
Unerfahrene Kunden wird dieser Service womöglich sogar stören. Sie dürften auch nach wenigen Kilometern schon glauben, den Reiz des neuen M5 Touring erfahren zu haben. Doch sie irren. Erstens liegt die volle Motorleistung von 507 PS nur nach Freigabe über eine Powertaste an. Und dann erhalten M5-Fahrer erst mit Hilfe des „iDrive“ genannten Drehknopfes in der Mittelkonsole Zugriff auf zahlreiche Assistenzsysteme. Um die auf seine persönlichen Wünsche einzustellen, sollte sich ein neuer M5-Besitzer für ein Wochenende in eine Garage zurückziehen.
Die elektronische Dämpferregelung (mit Luftfederung hinten), die Schaltzeiten des Getriebes und die Grenzen des elektronisch gesteuerten Schleuderverhinderers, den BMW „DSC“ (Dynamische Stabilitätskontrolle) nennt, können mehrstufig dem persönlichen Fahrstil angepasst werden. Lieblingseinstellungen lassen sich auf spezielle Tasten ablegen. Und dann kommen Kombifahrer im M5 nachhaltig auf ihre Kosten. Dabei fasziniert weniger das Sprintvermögen des Fahrzeugs, das es in 4,8 Sekunden auf Tempo 100 schafft. Auch das schnelle Erreichen der Höchstgeschwindigkeit von Tempo 250 (ohne elektronische Begrenzung sollen 322 Stundenkilometer möglich sein) ist nicht das Entscheidende. Vielmehr ist die Präzision beeindruckend, mit der das Auto dem Willen des Fahrers folgt.
Dass der stärkste Touring aller Zeiten ganz nebenbei auch das Urlaubsgepäck einer Familie aufnimmt oder sperriges Gerät von Freizeitsportlern, ist willkommene Zugabe zu einem übergeordneten Ziel. Und das Ziel lautet, das faszinierende M5-Hochleistungspaket mit einer fünftürigen Kombi-Karosserie zu verkleiden, um es vor neidvollen Blicken anderer zu verstecken. So jedenfalls könnte man die Arbeit der BMW-Ingenieure deuten.





