Wissen Sie, was „Emo“ ist? Es handelt sich weder um ein unbekanntes Tier noch um ein jüngst entwickeltes Fitnessgetränk. Der Begriff kursiert zwar auch in der Jugendsprache und bezeichnet dort Menschen, die gern ihre Gefühle, besonders Trauer, Verzweiflung und Schmerz, betonen.
Hier jedoch geht es um etwas völlig Emotionsloses: „Emo“ ist eine neue deutsche Fahrzeugklasse und steht für „elektrische Mobilitätshilfe“. Was leicht medizinisch klingt, könnte bald selbstverständlicher Bestandteil urbaner Mobilität sein. Bestes Beispiel: der E-Roller Segway. Die Entwicklung der amerikanischen Firma Segway hat schon vor vier Jahren den Weg nach Deutschland gefunden.
Benutzung von Straßen und Radwegen erlaubt
Allerdings waren „Emos“ bisher auf öffentlichen Straßen grundsätzlich nicht erlaubt. Mit der am 10. Juli vom Bundesrat verabschiedeten Verordnung wird sich das ändern. Nun dürfen elektrisch betriebene, bis zu 70 Zentimeter breite Zwei- oder Dreiräder auf Radwegen und, wo keine Radwege vorhanden sind, auf Straßen fahren.
In vielen Großstädten, so auch in Berlin, ist das eigentümliche Steh-Fahrzeug an den touristischen Brennpunkten schon jetzt ein gewohnter Anblick. Hier kann man schon seit Jahren Segway fahren - allerdings bislang nur in geführten Gruppen. Peer Pubben, Geschäftsführer von Mindways Segway Citytour ist überzeugt, dass die Segways bald deutlich präsenter in Berlin sein werden.
Der Preis von fast 8000 Euro könnte, so Pubben, deutlich sinken, wenn das Fahrzeug in größeren Mengen produziert wird. "Wir befinden uns hier am Anfang einer Entwicklung, ähnlich wie wir sie bei Computern oder Flachbildschirmen erlebt haben. Auch bei Segway wird es noch viel Bewegung in der Technologie und im Preis geben", sagte Pubben im Gespräch mit Morgenpost Online.
Alle Highlights von Berlin
Sein Unternehmen bietet täglich Touren durch Berlin an - sie führen die Teilnehmer zum Gendarmenmarkt, zur Museumsinsel, durchs Regierungsviertel bis zum Hauptbahnhof, Kanzleramt, Reichstag, Brandenburger Tor, Pariser Platz, Holocaust-Mahnmal, Ministergärten, Potsdamer Platz, Leipziger Platz bis zur Friedrichstraße. Die Fahrten, bei denen in Berlin 9 km/h nicht überschritten werden, sind im Internet buchbar. www.segway-citytour.de
Derzeit sind in Deutschland etwa 1000 Segways unterwegs, jeder mit einer einzelnen Sondergenehmigung oder auf geschlossenen Firmengeländen wie etwa bei Airbus in Hamburg. Touristische Angebote wie die Segway-Citytour bieten (z.B. in Hamburg und Berlin) Stadtrundfahrten auf dem Roller an: Kleine Gruppen von Touristen rollen geschlossen und unter der Leitung eines Führers durch die Straßen. In der Hansestadt wird bald der 10.000. Citytour-Teilnehmer begrüßt werden können.
Bundes-, Land- und Kreisstraßen sind auch künftig von der Benutzung ausgenommen, für Gehwege braucht man eine Sondergenehmigung. Gefährte wie der Segway müssen wie Mopeds mit einem Versicherungskennzeichen sowie mit Klingel und Licht ausgestattet werden. Die Fahrer müssen mindestens den Mofa-Führerschein besitzen.
Ideal für Behinderte
Mit der neuen Genehmigung wird der Segway nun noch interessanter für Firmen, die Boten- oder Hol- und Bringe-Dienste anbieten, vom Pizzaboten bis zum Arzneitransport. „Ein weiterer Markt“, sagt Peer Pubben, Mitgeschäftsführer von Segway-Citytour, „hat sich für den Segway im Bereich der Hilfsmittel für Behinderte eröffnet.“ Schon heute unterstützen die Ämter für die Wiedereingliederung ins Berufsleben Menschen mit Behinderung bei der Anschaffung eines Rollers.
Sollten Abgasverordnungen, wie jüngst in Italien, auch hierzulande weiter verschärft werden, dürften alternative Fortbewegungsmittel zudem begehrter werden. Nachdem in italienischen Städten Fahrverbote für Motorroller und Autos ausgesprochen wurden, kam es zu einem regelrechten Run auf Segways.
Der 68 Zentimeter breite, einachsige Roller mit Elektromotor ist mit Gyroskopen ausgestattet, die automatisch die Balance halten. Das integrierte Computersystem erkennt an der Körperhaltung des Fahrers, in welche Richtung er steuern will und ob gebremst oder beschleunigt werden soll. Das aktuelle Modell I-2 ist die zweite Generation des Segway. Es fährt bis zu 30 Grad bergan, arbeitet mit Energierückgewinnung beim Bremsen und Bergabfahren, hat eine Reichweite von bis zu 35 Kilometer und erreicht maximal Tempo 25.
Für die Version X-2 des Segway, eine Cross-Variante mit breiten Stollenreifen und veränderter Software, die eine höhere Beschleunigung erlaubt, ist nach wie vor eine Einzelgenehmigung erforderlich.
Den TÜV muss der Segway erst noch bestehen
Zwei Hürden hat der Segway allerdings in Deutschland noch zu nehmen. Das jetzt angelaufene Typisierungsverfahren beim TÜV, bei dem alle Bauteile auf Funktionstüchtigkeit und Sicherheit geprüft werden, wird noch etwa sechs Monate dauern. Danach erhält das Gefährt die allgemein gültigen COC-Papiere, die auch jedem Käufer ausgehändigt werden.
Auch seine Lautlosigkeit macht dem Segway, wie anderen Elektrofahrzeugen auch, zu schaffen. Schon heute wird in Soundlabors am Fahrgeräusch der Zukunft gebastelt. Denn völlig geräuschlos birgt ein Fahrzeug hohe Unfallgefahren – es wird besonders von Fußgängern nicht wahrgenommen.
Ein weiteres Vehikel aus dem Hause Midway, der Segway P.U.M.A., der in Zusammenarbeit mit General Motors entstand und auf der diesjährigen New Yorker Automesse Aufsehen erregte, ist bislang über das Versuchsstadium nicht hinausgekommen. Das Dreirad mit Lenker und Regenschutz wird im Sitzen gefahren und wurde in New York als futuristisches Stadtfahrzeug bejubelt.
Doch sollte der P.U.M.A. jemals in Serie gehen, wird er kaum weniger kosten als ein durchschnittlicher Kleinwagen. Fortschritt hat eben seinen Preis.





