Probefahrt

Der Golf ist und bleibt ein Freund, ein guter Freund

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Björn Engel

Seit vielen Jahren ist er das beliebteste Auto der Deutschen und kann sogar europaweit auf große Erfolge verweisen. Bei einer Fahrt mit dem Golf der sechsten Generation werden die Gründe sofort offensichtlich: Kein Auto der Kompaktklasse vereint mehr Funktionalität, Nützlich- und Verlässlichkeit auf sich.

Man kann sich kaum vorstellen, wie schwer das Leben für die VW-Ingenieure sein muss: Ständig nur das weiterzuentwickeln, was bereits auf hohem – in der Kompaktklasse gar auf höchstem – Niveau war, ständig sich nur an Nutzen und Verlässlichkeit zu orientieren statt an dem, was technisch möglich ist.

So ist auch der Golf der sechsten Generation das geblieben, was er schon immer war: ein geradezu irrwitzig funktionelles Auto.

Das zeigt sich schon beim Einsteigen. Sitz nach hinten? Einfach am Hebel unter dem Sitz ziehen. Lehne zurück- oder vorneigen? Einfach am Rad am Sitz schrauben. Starten? Einfach den Schlüssel ins Zündschloss stecken und umdrehen.

„Ob es am neuen Golf etwas Besonderes zu beachten gibt?“, hatte der Überbringungs-Fahrer zurückgefragt und den Kopf geschüttelt. „Nee, da ist alles einfach!“

Was stimmt. Und was verblüffend ist. Denn bei Sitzverstellungen und Möglichkeiten einen Wagen zu starten, gibt es mittlerweile fast unzählige und zumeist überflüssige Modifikationen, die einen zum Wahnsinn treiben können.

Gut. Genug. Gestartet. 140 PS trippeln auf die Straße, der Zwei-Liter-TDI hat leichtes Spiel mit den 1299 Kilo des Wolfsburgers. Gab es einerseits beim Testwagen einen Wahlschalter für ein komfortables oder sportliches Fahrwerk, kann dieser getrost unbeachtet bleiben: Das Fahrwerk schluckt auch so alles prächtig, hat nur eine geringe Tendenz zum Untersteuern.

Raus aus der Stadt, rauf auf die Autobahn. Bei 130 km/h dreht der Diesel gute 2000 Umdrehungen, wenn etwas überhaupt im Innenraum zu hören ist, dann eher Abroll- als Motor- oder Windgeräusche.

Nur unter 1500 Umdrehungen klingt der Motor ein wenig brummig, weshalb es subjektiv angenehmer erscheint, lieber einen tieferen Gang des leichtgängig und exakten Sechsgang-Schaltgetriebes zu wählen und die Drehzahl damit etwas anzuheben.

Wieder in der Stadt, irgendwo anhalten (irgendwo findet sich in jeder Straße ein Golf IV und V) und vergleichen. Zum Golf V: Kaum Unterschiede, hauptsächlich an den Lampen: vorne und hinten sind diese deutlich kantiger als beim Vorgänger. Im Vergleich zum Golf IV wirkt der aktuelle hingegen um einiges sportlicher und geduckter, während das Modell zwei Generationen zuvor einem plötzlich wie ein pummeliges Kleinkind vorkommt.

Doch das ist Geschmackssache. Was hingegen tatsächlich spürbar ist, ist der Slogan „Wertigkeit erleben“. Setzt man sich wieder ins Auto und streichelt über das Lederlenkrad, fühlt es sich tatsächlich auch nach Leder an. Wie früher eben. Wird der Zündschlüssel gedreht, muss dieser genauso deutlich gegen einen Widerstand anarbeiten wie der Blinkschalter. Alles wirkt qualitativ hochwertig und mechanisch, obwohl es doch viel leichter ginge. Aber solche Features flößen Vertrauen ein, ebenso wie Lenkung und Bremsen, die jeweils unauffällig im besten Sinne arbeiten.

Also nichts zu mäkeln bei der Probefahrt? Wenn’s denn sein muss: Im ganzen Golf-Interieur gibt es nicht eine einzige Ablagefläche. Natürlich lässt sich alles auf den wildlederähnlichen Kunststoff unter der Frontscheibe werfen, selbst Handys verrutschen dank der aufgerauten Oberfläche nur selten. Aber selbst eine CD-Hülle muss profilaktisch vor dem Schaltknüppel geparkt werden. Auch die nicht verschiebbare Rückbank zeugt nicht gerade von Variabilität bei der Innenraumgestaltung.

Sonst noch was? Vielleicht der Testverbrauch. 5,2 Liter auf 100 Kilometer. Wie sagte die Tankwartin unserer Wahl beim Kassieren? „Wie süß!“ Fanden wir auch. Denn sparsam ist dieser Golf nur im Verbrauch, in der Neuanschaffung kostet die Basisversion knackige 24.100 Euro.