Neuer Autokonzern

Was Fiat mit Chrysler, Dodge und Jeep alles plant

Daimler ist damals grandios an Chrysler gescheitert. Jetzt startet Fiat einen neuen Versuch, den kranken Riesen aufzurichten. Die Italiener prognostizieren vollmundig eine glänzende gemeinsame Zukunft. Doch ihre Pläne sprechen eher für ein ungewisses Abenteuer und irritieren die Analysten.

Als die Vorstandchefs Jürgen Schrempp und Bob Eaton Daimler und Chrysler im Winter 1997/1998 zusammenführten, sprachen sie noch von der „Hochzeit im Himmel“. Doch gelandet ist das ungleiche Paar in der Hölle. Zwei Jahre nach dem Ende dieser Ehe hat der Mercedes-Stern deshalb noch immer tiefe Schrammen, und Chrysler ist kaum mehr als ein Häufchen Elend. Also sucht der kleinste der großen drei amerikanischen Autobauer sein Glück nun in einer neuen Liaison: Nach Jürgen Schrempp und Dieter Zetsche kommt jetzt Fiat-Boss Sergio Marchionne als Retter in der Not mit viel Geld und noch mehr Technik nach Detroit.

Zwar haben die Italiener bei Chrysler schon seit Sommer das Sagen, doch herrschte am Stammsitz in Auburn Hills bislang vollkommenes Schweigen. Und auch aus Turin war nichts zu den künftigen Plänen zu hören. Doch vor zwei Wochen haben die neuen Herren in einer sage und schreibe acht Stunden und über 300 Powerpoint-Seiten langen Präsentation die Katze aus dem Sack gelassen und mit berufsmäßigem Optimismus den Weg in eine ungewisse Zukunft vorgezeichnet:

In nur vier Jahren will Marchionne den Chrysler-Konzern komplett umkrempeln, Plattformen verschmelzen, Technologien synchronisieren und die Produktion in neue Höhen führen: Bis 2014 wollen die Amerikaner ihren weltweiten Absatz auf 2,8 Millionen Fahrzeuge pro Jahr verdoppeln und statt neuer Schulden drei Milliarden Dollar gewinn machen.

Ob die Strategie die Italiener richtig ist, darüber streiten sich die Experten noch. Doch „dass Fiat mit so viel Begeisterung, vielen praktischen Plänen und einem absolut geeigneten Chef bei Chrysler antritt, ist ein sehr gutes Zeichen“, lobt Nick Margetts, Chef das Analysedienstes Jato Dynamics, den Auftritt des wie eh und je in einen Strickpullover gekleideten Fiat-Chefs in Detroit.

Damit dessen Pläne aufgehen, darf in Detroit kaum ein Stein auf dem anderen bleiben. Die Zahl der Plattformen sinkt von derzeit elf auf sieben, jedes zweite Auto der Amerikaner nutzt künftig Technik der Italiener und das Modellprogramm wird spürbar umgekrempelt. „Schon im nächsten Jahr sind drei Viertel aller Modelle erneuert oder gründlich aufgefrischt, 2012 dann sogar 100 Prozent“, verspricht Produktplaner Joe Veltri.

Am wenigsten ändert sich nach diesen Plänen zunächst am Programm von Jeep: Im nächsten Jahr bekommen Patriot, Compass und Wrangler eine gründliche Modellpflege, und als wichtigste Premiere steht der nagelneue Grand Cherokee ins Haus, der den Rückstand zu Importmodellen wie der Mercedes M-Klasse oder dem BMW X5 etwas verringern soll. Erst 2013 starten auf Fiat-Plattformen die Nachfolger von Patriot, Compass und Cherokee. Und ein kleiner Kraxler soll das Programm nach unten abrunden, kündigte der neue Markenchef Mike Manley an.

Chrysler sehen die neuen Herren auf einem Niveau mit Lancia und vergleichen den 300C deshalb mit dem Thesis. Zwar meinen sie damit eigentlich nur das Image, doch gibt es auch Parallelen beim Absatz. Denn so wie die italienische Edelmarke ist auch die Kernmarke der Amerikaner außerhalb der Heimat quasi kaum existent. Um das zu ändern, stellt Produktplaner Joe Veltri neben einem neuen Marken-Logo bereits für nächstes Jahr die Neuauflage des Bestsellers 300C sowie gründliche Pflegemaßnahmen für Sebring und Voyager in Aussicht.

Außerdem sollen auf Plattformen aus Italien 2012 der Nachfolger für den Sebring, und 2013 dann eine kleine Limousine und ein Crossover für die Mittelklasse im Stil des Chrysler Aspen kommen, bevor 2014 dann mit amerikischen Wurzeln der nächste Voyager startet. Für Exoten wie den PT Retro-Kombi Cruiser oder den Sportwagen Crossfire ist in diesem Plan aber kein Platz mehr.

Dodge ist der grosse Verlierer

Großer Verlierer der Neuordnung ist die Marke Dodge, die künftig zwei Ikonen einbüßen wird. Denn sowohl der legendäre Sportwagen Viper wie auch der beliebte Pick-Up Dakota werden eingestellt, ohne dass die Frage nach dem Nachfolger beantwortet ist. Erst 2012 stehen diese Fahrzeuge mit einem dicken Fragezeichen wieder in den Folien von Makenchef Ralph Gilles. Und für die Modelle Caliber und Nitro wird es wohl gar keinen Ersatz geben. Dafür verspricht Gilles für 2010 den Nachfolger des Charger und einen großen Geländewagen und ab 2012 drei Paar kleinere Modelle auf Fiat-Plattformen.

Die Lücken im Modellprogramm will Marchionne bis dahin mit Exporten aus Italien füllen: Bereits Ende nächsten Jahres meldet sich deshalb Fiat mit dem 500er auf dem US-Markt zurück und will damit vor allem europäischen Erfolgsmodellen wie dem Mini, dem Smart und dem Ford Fiesta ans Leder. Kurz darauf folgt dann als erster US-Alfa der Neuzeit der kleine Mito, der den Weg auch für größere und sportliche Fahrzeuge ebnen soll.

Unter dem Blech allerdings wird es viel mehr Fiat-Technik sein, die ihren Weg über den Atlantik findet. Neben Plattformen will der neue Powertrain-Chef Paolo Ferrero vor allem die MultiAir-Technologie bei den Benzinern, die modernen Common-Rail-Diesel, die fertig entwickelte Doppelkupplung und das Know-How für Erdgasfahrzeuge und alternative Antriebe von Fiat übernehmen. Aber auch Chrysler habe der neuen Allianz etwas zu bieten, sagt Ferrero mit Blick auf billige Benziner und die passenden Getriebe für Hybridfahrzeuge.

Weil Fiat und Chrysler bislang nur mit Fakten und Folien jonglieren, in denen künftige Autos zu bunten Kästchen schrumpfen, müssen die Formen von Morgen von anderen kommen – zum Beispiel von den Studenten des „Istituto Europeo di Design“ (IED) in Turin, die pünktlich zur großen Hochzeitsfeier schon mal ihre Ideen für den gemeinsamen Nachwuchs zusammen getragen haben: Ein Dutzend Entwürfe, in denen die verschiede Werte und Positionierungen von Fiat auf der einen und Chrysler auf der anderen Seite des Atlantiks zusammen finden sollen. Darunter sind der Entwurf für einen kleinen Jeep unterhalb des Compass, ein schmuckes Sportcoupé für Alfa und Chrysler oder einen kleinen Stadtflitzer als Antwort auf den Smart.

Bei Analysten herrscht Skepsis

Während die Manager in Turin und Detroit von der großen Zukunft schwärmen und die Designer viele neue Aufträge wittern, werten Analysten die Hochzeit längst nicht als himmlische Lösung: Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen schätzt die Chancen für den transatlantischen Riesen deshalb eher gering: „Chrysler, Dodge und Jeep degenerieren bei Marchionne zu Wurmfortsätzen von Fiat“, urteilt der Automobilwirtschaftler. Mit Badge-Engineering, also alten Produkten mit neuen Markenzeichen, habe General Motors über Jahrzehnte seine Marken heruntergewirtschaftet, und jetzt mache Marchionne das mit Chrysler genauso: „ Das ist der Ansatz mit den denkbar niedrigsten Investments in Produkte. Weniger kann man nicht machen“, schimpft der Experte.

Auch Nick Margetts von Jato Dynamics hat seine Zweifel am Erfolg des Plans. Zwar ist er davon überzeugt, dass Fiat den frischen Wind bringen kann, den viele Chrysler-Baureihen so dringend brauchen: „Aber für mich stellt sich die simple Frage, ob nordamerikanische Käufer bis 2012 so weit sein werden, dass sie mit den zwangsläufig kleineren Autos umgehen können, die dann im Plan stehen.

„Subkompakt“ als automobile Konfektionsgröße werde in den USA nach wie vor eher belächelt als begriffen oder bestellt und selbst die schwankenden Spritpreise mit teilweise hohen Ausschlägen übten nur einen zeitlich sehr begrenzten Einfluss auf das US-Käuferverhalten aus. „Während man in das in Europa als langfristige Gewissheit sieht, hat der amerikanische Autokäufer da nur ein Kurzzeitgedächtnis“, sagt Margetts: Wird Benzin billiger, werden die Autos wieder größer.

Trotzdem kann die Rechnung aufgehen, glaubt Analyst Aaron Bragman vom Branchendienst IHS Global Insight: „Der Plan greift das wichtigste Problem von Chrysler an: Den eklatanten Mangel an wichtigen und wettbewerbsfähigen Fahrzeugen,“ fasst er das Strategiepapier zusammen und lobt das enorme Tempo, mit dem es umgesetzt werden soll. „Wenn Marchionne und seine Kollegen dieses Versprechen tatsächlich einhalten, kann der Plan tatsächlich funktionieren“, ist Bragman überzeugt.

Fiat-Fans in den USA begeistert

„Allerdings gibt es auch dann noch ein Problem“, hebt er den Zeigefinger: Die Strategen kalkulieren mit ausgesprochen optimistischen Zahlen. Weder 14,5 statt heute gut zehn Millionen Neuwagen, auf die Marchionne den genesenen US-Markt im Jahr 2014 taxiert, noch einen Marktanteil von etwa 14 Prozent für Chrysler & Co hält er für realistisch. Bleiben die Zahlen allerdings darunter, fehlt dem Konzern das Geld für die Erneuerung – schließlich müsse Chrysler pro Jahr im Schnitt 4,5 Milliarden Dollar ausgeben, um den Plan mit Produkten zu untermauern.

Fans italienischer Autos in den USA wittern hingegen schon heute Morgenluft. Augie Cavalli vom Alfa-Club in Atlanta zum Beispiel hat sein Herz schon in der Jugend ans die kleinen Italiener verloren und kann es gar nicht erwarten, bis die 1994 vom Markt genommenen Alfas wieder offiziell in den USA angeboten werden. „Wir wünschen uns natürlich vor allem den 159, den Spider und den Mito“, sagt Cavalli. Und auch den Fiat 500 könnte er sich prima in den USA vorstellen. „Ab aufs Schiff mit den Autos und her zu uns“, fordern die Clubmitglieder ungeduldig.