Ist das hier nicht eine deutsche Organisation? Von der deutschesten aller deutschen Firmen überhaupt? Aber nein, ich muss warten, weil sich alles verzögert. Mein Slot, so sagen wir in der Rennfahrersprache, wäre schon um 14.30 Uhr gewesen. Nun aber ist es 15 Uhr durch, und ich werde wieder und wieder vertröstet.

Wie ein Tiger im Käfig wandere ich durch die Boxengasse, den Leihhelm fest umklammert, damit ihn mir niemand nehmen kann. Ich habe einen großen Kopf, Größe 62, da gibt es nicht viel Auswahl.

Ein Brummen unterbricht meine Rastlosigkeit, leise ist auch das Quietschen von Reifen zu hören. Die Glücklichen, die vor mir dran sind, nähern sich der letzten Kurve vor der Zielgeraden. Dann sind sie da: drei AMG SLS hintereinander, dreimal der neue Flügeltürer von Mercedes im Formationsflug. Das Brummen wächst sich zum Dröhnen aus, und neben mir sehe ich Dieter Zetsche, den Daimler-Chef, und Volker Mornhinweg, den Kopf der Mercedes-Tochter AMG. „So ein großer Sauger“, sagt Zetsche mit Kennermiene, „klingt schon unverwechselbar.“

Mornhinweg nickt und lacht. Er ist sichtbar stolz. Der SLS ist die erste AMG-Eigenentwicklung, vielleicht wird es eine eigene Rennserie dafür geben, einen SLS-Cup oder etwas in der Art, und der Verkauf läuft so gut, dass der 177.310 Euro teure Wagen bis Ende 2010 ausverkauft ist. Alles richtig gemacht also, auch das mit dem Sauger – das ist ein Motor ohne Turbolader. 6,3 Liter Hubraum hat der V8-Zylinder, 571 PS machen das Auto 317 km/h schnell und bringen es in 3,8 Sekunden auf Tempo 100. Wann bin ich endlich dran?

Wieder kommt die Dreiergruppe vorbei. Vorn liegt immer derselbe Wagen, er darf nicht überholt werden, und wahrscheinlich könnte das auch niemand, denn am Steuer sitzen abwechselnd Bernd Schneider, der mehrfache DTM-Champion, und Bernd Mayländer, der Fahrer des Safety-Cars in der Formel 1.

Zuletzt war er im November hier, als auf dieser Strecke Weltpremiere war. Wir befinden uns in Abu Dhabi, und exklusiver kann so eine Probefahrt nicht sein: Das Auto wird erst ab März 2010 ausgeliefert, und wer weiß, ob man es überhaupt je wieder auf dieser Strecke wird bewegen dürfen. Und wenn doch: Niemand wird sich später rühmen können, ausgerechnet in Abu Dhabi auf langsam abtrocknendem Asphalt unterwegs gewesen zu sein: Von den vier Regentagen, die es hier pro Jahr gibt, lagen drei direkt vor dem Probefahrttermin. Noch immer tropft es von den Balkonen der Logen, manches Dach hat den Sturzbächen nicht standgehalten, in der Zeitung ist von sechs Todesopfern im Regenschwall zu lesen.

15.48 Uhr. Endlich darf ich fahren. Nur noch vier statt wie geplant sechs Runden – der Zeitplan. Umso verbissener versuche ich, hinter Bernd Mayländer zu bleiben. Aber seine 571 PS sind besser in Form als meine. In der ersten Runde lasse ich das Auto zweimal mit der Hinterachse wegrutschen, während Mayländer vor mir schneller ist und trotzdem stur seine Bahn zieht.

Vielleicht bin ich unkonzentriert, weil das hier so ein teures Auto ist. 177.310 Euro setzt man nicht mal so eben in die Auslaufzone, das wäre peinlich. Und hier in der Gegend ist es mit dem Listenpreis ohnehin nicht getan. Die Scheichs bestellen gerne „fully loaded“, voll ausgestattet mit allen Extras, das ist ihnen wichtig. Sitzheizung nehmen sie auch. Und sicher ebenso gern die neue Farbe „Desert Gold“, die ich gerade noch gesehen habe, als das Foto von Rosberg und Zetsche gemacht werden sollte.

IAuf der Dubai Motor Show, knapp 150 Kilometer von der Rennstrecke entfernt, hatte die Farbe offizielle Weltpremiere. Wer den seidenmatt glänzenden Lack bestellt, zahlt etwa 10.000 Euro Aufpreis – wahrscheinlich braucht es dazu wirklich die „Fully-Loaded“-Mentalität. AMG-Chef Volker Mornhinweg jedenfalls sagt, die neue Lackierung sei „eine Verneigung vor dem Mittleren Osten“. Die Golfregion ist für die Mercedes-Tochterfirma, die nicht nur den SLS baut, sondern auch so etwas wie der offizielle Haustuner für nahezu alle Mercedes-Modelle ist, nach den USA, Deutschland und Japan der viertwichtigste Markt.

ch bin hier also völlig richtig, auch wenn es mir unwirklich vorkommt, Mitte Dezember bei 28 Grad Außentemperatur im T-Shirt am Steuer eines solchen Autos zu sitzen. Zweite Runde, ich fahre konzentrierter, langsamer, besser. Dritte Runde, ich kenne schon fast die Linie, werde wieder schneller. Ich genieße das sehr flott schaltende Doppelkupplungsgetriebe (sitzt an der Hinterachse), die perfekte Gewichtsverteilung (53 Prozent hinten, 47 vorn) und die kaum enden wollende Kraft.

Endlich will ich den Wagen auf der langen Geraden auf 260 km/h bringen, um am Ende vor der Kurve auf Tempo 60 herunterzubremsen – Bernd Schneider hatte davon gesprochen, dass dann selbst die Keramikbremsen heiß würden. Aber ach, mein Führungsfahrzeug hält inne, wir warten auf SLS Nummer drei, der es etwas hat abreißen lassen. Wie schade. Aber es tut natürlich gut, schneller gewesen zu sein.