Messe-Rundgang

Schwarz-grüne Visionen beim Genfer Autosalon

| Lesedauer: 7 Minuten
Thomas Geiger
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Öko-Luxuskarrossen in Genf

In diesem Jahr setzen auch die Hersteller von Luxusmarken ganz auf Öko. Hybrid-Fahrzeuge sind der Hit beim Genfer Autosalon.

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Die Branche übt beim ersten großen Treff der Saison den Spagat: Zwischen Absatzrückgang und Hoffnungsschimmer dominieren umweltfreundliche Studien und konservative Attraktionen den Genfer Autosalon. Wer zwischen diesen Polen nach dem Auto von morgen sucht, hat die Qual der Wahl.

Der Rausch der Abwrackprämie ist vorbei, doch der große Kater bleibt aus. Denn auch wenn die Autoindustrie schweren Zeiten entgegen fährt, mischt sich zum Auftakt des Genfer Salons verhaltener Optimismus ins Krisengerede: Saubere Studien, attraktive Neuheiten für Normalverdiener und die übliche Mischung aus Exoten und Traumwagen schüren die Hoffnung auf bessere Zeiten, in denen selbst vergnügungssteuerpflichtige Supersportwagen die Vernunft entdecken und auch Träumer ein wenig Bodenhaftung beweisen.

Kein Auto zeigt diesen Spagat besser als der Porsche 918, mit dem Vorstand Michael Macht und Rallye-Ikone Walter Röhrl die Messegäste überrascht haben. Schließlich ist der messerscharfe Spyder mit über 700 PS und mehr als 325 km/h nicht nur stärker und schneller als der legendäre Carrera GT, sondern er verbraucht dank seines Plug-In-Hybrids mit drei Litern auch weniger als ein VW Polo. Zwar wirkt der Tiefflieger ziemlich abgehoben. Doch dürfen sich Schnellfahrer durchaus Hoffnungen machen: „Wir haben noch nie eine Studie gezeigt, die dann nicht gebaut wurde“, sagt Porsche-Chef Macht und gibt dem Traumwagen damit die nötige Erdung.

Die haben diesmal in Genf auch ungewöhnlich viele andere Studien: Egal ob Mercedes F-800 Style mit Plug-In-Hybrid, die Teilzeitstromer von Audi A8, Lotus Evora und BMW 5er oder sogar der i-Flow von Hyundai– all diese Schaustücke werden zumindest in Teilen oder in ihrer Technik schon bald vom Wunsch zur Wirklichkeit. Selbst der nur am Rande der Messe gezeigte Bugatti Galibier hat gute Chancen, in ein, zwei Jahren durch Dubai oder Los Angeles zu rollen. Und an Autos wie dem Citroen High-Rider, oder dem 5 by Peugeot klebt das Etikett „Studie“ nur noch der Form halber.

Auch wenn die Zukunftsforscher diesmal in Genf etwas kurzsichtig wirken, mangelt es natürlich nicht an Visionen für die Zeit nach dem Hybriden, wenn Batterien einmal bezahlbar und Reichweiten realistischer werden. Dann schlägt die große Stunde von Elektroautos wie dem kleinen Coupé Seat IBE. Und bis es soweit ist, muss der Range-Extender weiterhelfen. Er arbeitet nach dem Ampera-Prinzip mit einem konventionellen Benziner im messerscharfen Opel Flextreme GT/E ebenso wie im Audi A1 E-tron, für den die Bayern allerdings einen Exoten reaktiviert haben – den längst tot geglaubten Wankelmotor.

Weil die Musik aber in den nächsten Jahren ganz sicher noch von normalen Motoren gespielt wird, haben die Hersteller ihre Kunden im Hier und Heute nicht vergessen. VW-Chef Martin Winterkorn etwa will zwar die elektrische Marktführerschaft erringen, geht jedoch für das Jahr 2018 von nicht mehr als drei Prozent Produktionsanteil für die Stromer aus. „Wir werden unsere Kunden nicht aus den Augen verlieren und die Bodenhaftung behalten“, sagt Winterkorn und lenkt deshalb den Blick auf bodenständige Real-Neuheiten wie den VW Sharan, der nach 15 Jahren jetzt endlich in die zweite Generation geht.

Dazu gibt es aus dem Großkonzern den neuen A1, mit dem Audi laut Firmenchef Rupert Stadler beweisen will, „dass Premium keine Frage der Größe ist“, sowie die gelifteten Skoda-Modelle Fabia und Roomster, den Pick-up Amarok und für die Besserverdiener den Lamborghini Gallardo als Superleggera oder den Bentley Continental als Supersports. Ach ja, und natürlich feiern in Genf auch die neuen VW Touareg und Porsche Cayenne Premiere.

Zwar hat der VW-Konzern mit diesen Premieren den mit Abstand größten Anteil an Neuheiten. Aber die Konkurrenz müht sich redlich. So lockt Mercedes mit dem Cabrio der E-Klasse, Ford mit dem neuen Focus, der jetzt auch als Kombi gezeigt wird, und Opel mit dem Meriva, bei dem die Portaltüren von Rolls-Royce nun zum bürgerlichen Vergnügen werden. Nur bei BMW gibt es außer der Hybrid-Studie des neuen Fünfers nichts Neues. Dafür allerdings fährt Mini buchstäblich groß auf und durchstößt mit dem Countryman zum ersten Mal die Vier-Meter- und die Vier-Türen-Marke.

Selbst die Japaner bedienen in diesem Jahr eher die Vernunft als das Vergnügen: Bei Mazda dreht sich alles um den neuen Fünfer, der mit seinen Schiebetüren und dem versenkbaren Sitzsystem ein veritabler Sharan-Konkurrent bleibt. Nissan backt mit dem neuen Micra und dem ebenso witzigen wie winzigen Cross-Over Juke kleinere Brötchen, und Toyota reitet mit dem elektrisierten Auris und dem vornehmen CT 200h der Tochter Lexus weiter die selbst losgetretene Hybrid-Welle, auf der auch Honda mit dem neuen CR-Z surft.

Neues gibt es auch mal wieder aus Italien: Bei Fiat spielt die Rückkehr des Zweizylinders die Hauptrolle und bei Alfa setzt man große Hoffnungen auf den schmucken Golf-Gegner Guiletta, der im Sommer an den Start geht. Nur bei Lancia herrscht seltsame Stille. Doch weil die Marke letztes Jahr noch immer mehr als 100. 000 Autos verkauft hat, halten die Italiener in Treue fest zur Nobelmarke und rücken sie nun näher an die neue Tochter Chrysler. Und das nicht nur auf dem Messestand, sondern auch bei den Produkten: Den Lancia Musa gibt es jetzt mit Strassgrill als „5th Avenue“ und der Chrysler 300C wird mit italienischem Leder ausgestattet – immerhin ein Anfang einer vielleicht noch fruchtbarer werdenden Partnerschaft.

Selbst die Krisenmarken aus den europäischen Randgebieten senden in Genf vorsichtige Lebenssignale. Zwar gibt es bei Land Rover gar nichts Neues und bei Jaguar nur ein auf 280 km/h angehobenes Tempolimit für den XKR. Doch Saab beweist mit dem neuen 9-5 noch einen Rest Vitalität und Volvo macht sich mit dem neuen S60 schön für die anvisierte chinesische Hochzeit.

Die Rolle der Traumtänzer übernehmen am Fuß des Mont Blanc in diesem Jahr einmal mehr die Kleinserienhersteller, Sportwagenschmieden und Designbüros. Befreit von Kostendruck und Serienvorgaben präsentieren sie Supersportwagen, Luxuslimousinen und Studien, die wie der prunkvolle Bufori aus Malaysia oder die Alfa-Jubiläumsstudie von Bertone nicht selten hart an der Grenze des guten Geschmacks liegen. Doch egal ob schön oder schrill, schnell oder sauber – sie alle haben ein verbindendes Element: Sie sind selten und – wenn überhaupt verkäuflich – sehr, sehr teuer.

Allerdings gibt es auch hier ein paar Ausreißer – allen voran den französischen Karosseriebauer Heuliez. Er hat gemeinsam mit dem ehemaligen VW-Designchef Murat Günak den elektrischen Kleinwagen Mia entwickelt. Wie eine liegende Telefonzelle gezeichnet, mit Lithium-Akkus bestückt und 110 km/h schnell ist er zwar nicht ganz so spektakulär wie das letzte Günak-Projekt Mindset. Doch anders als diesen Luxusgleiter und viele andere Strom-Studien in Genf, kann man den Mia schon in wenigen Wochen kaufen – für vergleichsweise erschwingliche 15.000 Euro. Denn auch die Visionäre mühen sich in diesem Jahr um Bodenhaftung.

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