Schellhammer ist Gast bei der Präsentation des neuen Mercedes Pullman. Sein Aufstieg zum Meister der Monarchen begann aber viel früher, mit der Premiere des 600ers, den Mercedes 1963 auf der IAA in Frankfurt zeigte. Insbesondere in der auf 6,24 Meter gestreckten Pullman-Version begeisterte das Flaggschiff Könige, Potentaten und Prominente rund um den Globus.
Doch steckte die 63.500 Mark teure Luxuslimousine so voll neuer Technik von der Luftfederung bis zur Komforthydraulik, dass man in Stuttgart Sorge um die Servicequalität hatte, vor allem in Afrika, Arabien und in Asien. Dort gibt es den Pullman auch in einer schusssicheren Ausführung. Diese Autos können nur eingeschränkt außerhalb Deutschlands repariert werden.
Schon während der Entwicklung werden vier Mechaniker mit jeder Schraube des Luxusliners vertraut gemacht. Sobald ein Auto verkauft wird, sollen sie vorausfliegen, das Personal in den Niederlassungen schulen und die Mechaniker am Fahrzeug einweisen. "Und weil ich gut Englisch konnte, hatte ich plötzlich Afrika und Asien unter den Fittichen“, sagt Schellhammer.
Jeweils rund zwei Wochen lang war er, "immer mit drei Holzkisten voller Spezialwerkzeug“, im Land und hat die einheimischen Mechaniker unterrichtet. "Rund ein Dutzend gekrönte Häupter hat die Schlüssel aus meiner Hand bekommen“, sagt Schellhammer. "Zwei Stunden lang war ich dafür in der Residenz des äthiopischen Kaisers Haile Selassie und hatte am Schluss seinen Enkel auf dem Schoß.“
Allerdings schwingt bei dieser Übergabe auch eine gewisse Spannung mit. "Als das Auto in Stuttgart verschifft wurde, waren die Insignien des Kaisers noch nicht fertig.“ Also hat Schellhammer gewartet, bis die Wappen poliert waren, hat sie beim Juwelier in Empfang genommen und ist mit den Preziosen in der Hosentasche nach Äthiopien geflogen, um sie kurz vor der Übergabe noch schnell zu montieren.
Bei einer Übergabe in Bahrain legte die Entourage des Scheichs gesteigerten Wert auf eine Standarte auf dem Dach der Limousine. "Am Abend bevor ich den Wagen zum Palast bringen sollte, habe ich mit der Bohrmaschine auf dem 600er gehockt und Löcher gebohrt.“ Diese Aktion ging gut, doch Schellhammer hat auch Pleiten erlebt: "Auto 194, das erste, das wir 1965 nach Bahrain gebracht haben, wurde in einer Kiste verschifft. Der Transport klappte, aber beim Abschlagen der Kiste krachte der Deckel aufs Dach“, erzählt Schellhammer – die Windschutzscheibe war kaputt.
Mit einem Bündel Bargeld in der Tasche um die Welt
Der Mechaniker wurde zum Weltenbummler. 120 Länder hat er in seinem Berufsleben bereist. Probleme wegen seiner Werkzeugkisten und der Ersatzteile gab es oft. "Natürlich hatten wir für alles die nötigen Dokumente. Und dazu ein paar Bündel Bargeld.“
Bei der Arbeit am 600er hat Schellhammer oft Zeit und Raum vergessen. Selbst am Tag als der erste Golfkrieg ausbrach, stand der Mechaniker in einer Garage in Bagdad und schraubte. Zwar ist Schellhammer, der kürzlich 70 wurde, seit mehr als zehn Jahren im Ruhestand.
Doch auch heute klingelt regelmäßig sein Telefon, und die Kunden von einst verlangen nach ihrem besten Mann. Ein paar Tage in die Garage eines Freundes in Hongkong, eine Stippvisite beim 600er-Club von Amerika, zwischendurch eine Oldtimerdurchsicht in Malaysia und ein kleiner Service in Indonesien – weil bis heute rund ein Drittel der insgesamt 2677 gebauten 600er noch auf der Straße sind, ist Schellhammer weiter viel unterwegs.
Um den Nachfolger seines 600ers wird er sich allerdings nicht mehr kümmern. Den neuen Pullman mit der schier endlosen Flanke, dem um sechs Zentimeter angehobenen Dach und der steiler stehenden Heckscheibe findet er imposant und "auf jeden Fall mit Abstand das beste Sonderschutzfahrzeug, das Mercedes-Benz je gemacht“ hat. Besser als sein geliebter 600er? Da muss Schellhammer dann doch kurz schlucken. "Na ja, das zweitbeste zumindest.“




