Für ganz Reiche

Rolls-Royce – Mehr Luxus passt nicht in ein Auto

Rolls-Royce-Fahrer sind ein ganz spezieller Schlag Mensch. 70 Prozent von ihnen besitzen ein Privatflugzeug und mindestens eine Yacht. Sie haben es gar nicht mehr nötig, mit ihrem Auto die Nachbarn zu beeindrucken. Sie kaufen sich das neue Rolls-Royce Phantom Coupé aus ganz anderen Gründen.



Es gibt Automobile, die wie Schmuckstücke jenseits gängiger Funktionalitäten gedeihen. Ein Rolls-Royce gehört dazu. Er wird nicht als Transportmittel gekauft, auch nicht, um dem Nachbarn zu imponieren. Weil Rolls-Royce-Kunden über einen Fuhrpark mit mindestens acht Autos verfügen und 70 Prozent darüber hinaus ein Privatflugzeug und mindestens eine Yacht besitzen, spielt ein Rolls-Royce in ihrem Leben eine völlig andere Rolle als der Volkswagen Golf in den Händen – sagen wir, eines Journalisten. Zudem liegt das Anwesen eines Rolls-Royce Kunden zweifellos außer Sichtweite seines Nachbarn.

Wenn vermögende Menschen zu einem Auto der britischen Königsklasse greifen, möchten sie sich für ihr Tagwerk belohnen. Was ihnen nicht allzu schwer fallen dürfte, denn sie verfügen durchschnittlich über 30 Millionen Euro liquide Mittel. Sie kaufen einen Rolls-Royce wie ein Appartement in Manhattan, eine Yacht für Monaco und die Mitgliedschaft im legendären Golfclub Shadow Creek in Las Vegas.

Luxus muss was wiegen


Mindestens 433.460 Euro sollte dabei haben, wer das jüngste Juwel aus der Manufaktur im südenglischen Goodwood ins Auge fasst, ein zweitüriges Coupé von monumentaler Größe. Es basiert auf der eigens verkürzten Bodengruppe der von BMW in München entwickelten und im Jahre 2003 vorgestellten Limousine Rolls-Royce Phantom, misst aber noch immer 5,61 Meter in der Länge und wiegt trotz Aluminium-Leichtbauweise 2,59 Tonnen. Was ausdrücklich gewünscht ist, denn neben dem stattlichen Auftritt sollen die Räumlichkeiten für Reisende und der gebotene Fahrkomfort auf allerhöchstem Niveau liegen. Und dafür leistet die Masse eines Autos bekanntlich einen entscheidenden Beitrag.

Mit diesem Phantom Coupé setzt die seit 1998 zu BMW gehörende Marke Rolls-Royce die ehrwürdige Ahnengalerie der Zweitürer des Hauses fort. Nicht mit retrogestalteter Karosserie, sondern mit atemberaubenden Proportionen und modernen Details. Traditionell wirkt der Bug gediegen repräsentativ, das Mittelschiff schnittig-elegant.

Sein wie aus dem Vollen gemeißelter Kühler bildet einen dorischen Tempel nach. Obenauf beugt sich die „Spirit of Ecstasy“ zum Wind. Die verchromte Lady, von der kaum jemand nachvollziehen kann, warum sie im deutschen Sprachraum „Emily“ heißt, kann beim Parken auf Knopfdruck eingefahren werden, um sie vor Langfingern zu schützen. Sie kostet als Ersatzteil heute etwa 1300 Euro. Ihre vor 1950 nach dem Verfahren mit verlorener Form hergestellten „Geschwister“, werden heute für das Zehnfache gehandelt.


Die der Limousine mit Lichtkanonen und -schlitzen baugleiche Vorderfront des neuen Phantom Coupé erreicht die Brusthöhe eines Erwachsenen, das anschließende Motorabteil misst so lang wie das Interieur einer Mittelklasse-Limousine. Es wird gedeckelt von einer Stahlblech-Haube, die man gegen Aufpreis bürsten lassen kann. Sie geht in den (ebenfalls gebürstet erhältlichen) Stahlrahmen der Windschutzscheibe über und steigert die Expressivität des ohnehin dominanten Auftritts.


Die beiden Clubsessel vorn und das Zweisitzer-Chaiselongue im Fond werden von einem vergleichsweise flachen Coupédach überspannt, an dessen Innenhimmel rund 1500 Sterne leuchten. Diese im Automobilbau ebenfalls einzigartige Ausstattung besteht aus Lichtleitern, die von Hand in die Lederverkleidung eingebracht werden. Sie lassen sich dämmen und erzeugen eine Lichtstimmung, die als romantischer Auftakt einer abendlichen Ausfahrt unweigerlich in ein filmreifes Szenario münden dürfte. Wie hier verführt wird, ahnt man bereits beim Einsteigen.


Gewichtig wie Tresortüren schwenken die nicht wie üblich vorn, sondern hinten angeschlagenen Tore auf und geben den Blick frei auf einen mit Bullenleder (Kuhleder könnte unerwünschte Schwangerschaftsstreifen aufweisen) und Edelholz üppig ausgekleideten Salon. Man sitzt elegant ab, die Türen schwenken per Knopfdruck elektromotorisch zu und man findet sich in einem mobilen Wellness-Bereich wieder, der insbesondere mit dem Zweisitzer-Sofa hinten von einzigartiger Klasse zeugt.


Sollte Madonna einmal zusteigen, muss der Fahrer nicht fürchten, einen Menschenauflauf zu provozieren. Im Fond, tief in den Zweisitzer geschmiegt und vom niedrigen Heckfenster und breiten C-Säulen vor neugierigen Blicken geschützt, bliebe die Sängerin unerkannt. Der Fahrer kostet derweil vom seidenweichen Zwölfzylindermotor, der außergewöhnlich leichtgängigen Lenkung und genießt den Blick auf den beflügelten Rücken der Kühlerfigur.

Aus 6,75 Liter Hubraum schöpft der Motor nahezu lautlos 460 PS, die eine Sechsgang-Automatik portioniert. Ihn als „Antrieb“ zu beschreiben, ist zu banal. Vielmehr trägt das Automobil seine Passagiere einem Luftkissen gleich sanft übers Land. So leise, dass man längst in Vergessenheit geratene Fahrgeräusche wahrnimmt. Nicht das Abrollen der gewaltigen 21-Zoll-Räder ist zu vernehmen oder Fahrtwind. Nein, ganz leise singt bei niedriger Geschwindigkeit der Antriebsstrang, der zusammen mit sämtlichen Kabeln im Zwischenraum des doppelten Unterbodens wohnt. Bei höherem Tempo hört man nichts. Das von der Fahrphysik gänzlich entkoppelte Reisen in diesem Coupé trägt dann surreale Züge.


So wird das Erlebnis des neuen Rolls-Royce Phantom Coupé nicht von Fahreindrücken bestimmt, die irdische Automobile liefern. Auch die Frage, ob 395 Liter Kofferraum und 250 km/h Höchstgeschwindigkeit angemessen seien, stellt ein Kunde nicht. Er beschäftigt sich mit der Farbwahl und individuellen Ausstattung entschieden länger als der Käufer eines VW Golf, weiß Rolls-Royce Chefdesigner Ian Cameron: „Grundsätzlich bieten wir neun Standardfarben an. Anspruchsvolle Kunden können aus rund 44.000 Farbkombinationen wählen.“ Die Übernachtungen während der Kundenberatung im englischen Werk Goodwood zahlt der Kunde übrigens selbst.

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