Verrückte Oldtimerevents gibt es viele. Doch keines ist so schrill und schräg wie das "Goodwood Revival Festival" in den Parks des Earl of March, wo sich am Wochenende mehr als 100.000 Fans des klassischen Motorsports vor allem selbst gefeiert haben. Denn wo das Publikum sonst brav auf den Rängen sitzt, den heißen Duft von Benzin und verbranntem Gummi inhaliert und die Grand-Prix-Serien der vergangenen Jahrzehnte vorbei ziehen lässt, hat der Earl zur Mitmachparty geladen und so das vielleicht größte Kostümfest auf die Beine gestellt, das im Königreich je gefeiert wurde.
Die Mechaniker legen ihre weißen Overalls an, die Damen flanieren im Cocktailkleid durch die Boxengasse, die Grid-Girls tragen noch Petticoat und überall sieht man Uniformen, Anzüge und vor allem Hüte aus den Fünfzigern und Sechzigern. Selbst die Ordner und die Streckenmarshalls sind verkleidet.
„So etwas kann man einfach nur auf der Insel sehen“, sagt Jochen aus Hamburg, der am Ausgang des Paddock-Clubs über ein kleines Armeelager gestolpert ist. „Die spinnen doch, die Briten“, schüttelt er den Kopf und meint das durchaus als Lob. Denn so konsequent wie hier wirft sonst wohl keiner die Zeitmaschine an – nicht umsonst bittet die Heimatfront zum Five-O-Clock-Tea, während nebenan ein Trupp Soldaten zur Parade aufläuft und auf dem Airfield innerhalb des Rennkurses alle paar Minuten ein neuer kampfflieger startet, um den Battle of Britain nachzuspielen
Doch natürlich spielt die Musik vor allem auf der Rennstrecke: Auf dem Rundkurs im Schlosspark des PS-verrückten Gastgebers treten in mehr als einem Dutzend Rennen mehr als 400 historische Boliden an, die sich bei ihren Wertungsläufen nichts schenken.
„Hier wird auf Sieg und nicht auf Show gefahren“, sagt ein Zuschauer, der eigens aus Österreich eingeflogen ist. Dass dabei bisweilen mal ein Klassiker buchstäblich auf der Strecke bleibt, scheint viele Teilnehmer nicht zu stören. „Dann wird der Wagen wieder repariert“, sagen sie lapidar und steigen einfach ins nächste Cockpit. Manche Sammler haben gleich mehrere Renner am Start.
Nur reich zu sein und ein altes aber schnelles Auto zu besitzen, reicht aber für die Startberechtigung in Goodwood nicht aus: „Auf die Strecke dürfen nur Autos, die hier auch zwischen 1948 und 1967 gefahren sind, als der Kurs noch offiziell genutzt wurde“, erläutert BMW-Classic-Sprecher Manfred Grunert das Reglement. „Und vor allem braucht man den Segen des Grafen“. Er und seine Experten wählen unter den Bewerbern die Teilnehmer aus und füllen die Lücken mit persönlichen Einladungen auf, die einem Ritterschlag für Fahrer und Fahrzeug gleich kommen.
So entsteht eine ebenso exquisite wie exklusive Mischung aus legendären Briten-Boliden von Aston Martin, Bentely, Jaguar, MG, Morgan oder Lotus und eiligen Klassikern vom Kontinent die mit Maserati und Ferrari natürlich vor allem aus Italien kommen. Aber auch ein paar Porsche, Mercedes und BMW sowie eine Handvoll Bugatti sind mit dabei. Und immer wieder dazwischen gestreut findet man eine Reihe von Autos, die auf der Insel zwar einen Ruf haben wie Donnerhall, diesseits des Kanals aber nur Experten und PS-Historikern vertraut sind.
Zu den größten Stars zählt in diesem Jahr das kleinste Auto auf dem Kurs. Der Mini. Er feiert noch immer seinen 50. Geburtstag und wird in Goodwood gleich doppelt geehrt: Zum einen dürfen bei der „St. Marys Trophy“ gleich 30 Cooper S auf die Strecke, und dafür drehen ziemlich genau 50 kunterbunte und grundverschiedene Minis eine Ehrenrunde, die von einem prominenten Stargast angeführt wird. Als Tribut an den Klassiker hat es sich Autofan Rowan Atkinson nicht nehmen lassen, als Mr. Bean seinen Film-Mini durch Goodwood zu chauffieren – und zwar vom Lehnstuhl aus, der bei dem zum Umzugswagen umfunktionierten Stadtflitzers aufs Dach gebunden war.
Mehr Applaus von den mehr als 100.000 Zuschauern bekam an diesem Tag nur Rennlegende Stirling Moss. Zwar war er unter PS-Profis wie Jackie Stewart, Rauno Aaltonen oder Prinz Leopold von Bayern nicht der einzige Star am Steuer. Doch kein anderer hat den Motorsport auf der Insel derart geprägt wie der Grand-Prix und Mille-Miglia-Sieger.
Und vor allem feiert keiner von ihnen in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag. Der war den Organisatoren von Goodwood so wichtig, dass sie dem Jubilar gleich 80 Rennwagen hingestellt haben, die seine Karriere prägten. Und natürlich fuhr das Geburtstagskind dem Pulk im Silberpfeil voraus. Nach seinen drei Runden strahlt Moss wie ein kleiner Junge am Schaufenster eines Spielwarenladens: „Das ist besser als jede Geburtstagstorte.“




