So ein Auto kann man gar nicht verstecken. Üblicherweise werden neue Modelle bei der Vorserienerprobung mit allerlei Camouflage und Klebeband bis zur Unkenntlichkeit getarnt. Doch als Mercedes jetzt mit den Testfahrten für die mutmaßlich letzte und spektakulärste Sonderserie des Supersportwagens SLR begonnen hat, dauerte es nur ein paar Tage, schon war der Erlkönig erlegt und das Geheimnis enträtselt.
Denn auch die schwarzweiße Klebefolie lässt an diesem Projekt keinen Zweifel mehr: Zum Ende seiner Laufzeit dreht der SLR noch einmal richtig auf und sucht als radikaler Speedster jene Nähe zu den klassischen Rennwagen der legendären Silberpfeil-Piloten Stirling Moss und Juan Manuel Fangio, die von den Skeptikern unter den superreichen Autofans immer wieder vermisst wurde.
Statt des mittlerweile nur noch auf besondern Wunsch gebauten Coupés und des im letzten Herbst vorgestellten Roadsters wird es also im nächsten Jahr einen Zweisitzer geben, mit dem Mercedes die Millionäre tatsächlich an die frische Luft setzt. Lediglich zwei kleine Windabweiser sollen Fahrer und Beifahrer vor Sturm und Steinschlag schützen. Wo früher die Heckscheibe war, stehen nun zwei riesige Höcker, die den Insassen aerodynamisch den Rücken frei halten. Und auf Nebensächlichkeiten wie ein Verdeck oder die Seitenscheiben in den bekannten Flügeltüren haben die Ingenieure kurzerhand ganz verzichtet. Außerdem sieht es ganz danach aus, als würden die bekannte Formel1-Nase ein wenig gestutzt und die Scheinwerfer etwas geglättet.
Das alles dient nicht nur der schärferen Optik, sondern vor allem der höheren Geschwindigkeit: Obwohl der Motor dem Vernehmen nach unverändert aus der spezielln 722er-Edition des letzten Jahres übernommen wird, soll der Speedster mit geringerem Luftwiderstand und vor allem 200 Kilogramm weniger Kampfgewicht deutlich schneller sein: Nicht mehr 337 sondern künftig 350 km/h sind das Limit, wenn man dem 5,5 Liter großen V8 die Sporen gibt und seine 650 Pferde ungehindert traben lässt. Und den Sprint auf Tempo 300 soll der Bolide angeblich in 26 Sekunden schaffen.
Zwar gibt es bislang bis auf ein paar ungewöhnlich halbherzige Dementis und den gestochen scharfen Prototypen-Fotos noch keine offizielle Bestätigung für den Speedster. Doch ist die auf 75 Exemplare limitierte Sonderserie angeblich bereits ausverkauft. Und dass, obwohl jedes Auto 750.000 Euro plus Steuern kosten soll. Für das gleiche Geld gäbe es auch 90 Smarts, fast 30 C-Klassen oder elf Mercedes SL. Und zwar schon ohne Mengenrabatt.
Dass man ihnen die Silberpfeile der Neuzeit förmlich aus der Hand reißt, ist für die Mercedes Verkäufer eine völlig neue Erfahrung. Denn zu einem echten Renner ist der Rennwagen mit Straßenzulassung in seinen bisher vier Jahren nicht geworden. Trotzdem liegt es nicht allein an der Kaufzurückhaltung der Reichen und Schönen, dass im nächsten Jahr der letzte SLR gebaut wird. Sondern angeblich sind es vor allem die strengen Regeln zum Fußgängerschutz, die den Tiefflieger zur Landung zwingen. Von einer Bruchlandung allerdings kann keine Rede sein, heißt es im Mercedes:-Marketing: "Mit rund 1400 Zulassungen allein bis Ende 2007 war der SLR das erfolgreichste Auto in diesem Preissegment.“




