Vorn geht es so steil abwärts, dass man über die Motorhaube des Jeeps fast auf den Boden blicken kann. Dazu hängt der Wagen in einer beängstigenden Schräglage. Alltag beim Rubicon Trail durch den kalifornischen El Dorado National Forest. Tom, „Trail Guide“ im gelben T-Shirt, dirigiert einen mit seiner beruhigenden Stimme Zentimeter für Zentimeter durch eine der schwersten Passagen der härtesten Geländestrecke der Welt. Ein bisschen nach rechts, langsam mit Gas und Bremse vorwärts schaukeln – endlich ist es geschafft. „You're doing a great job!“ grinst Tom und reckt den Daumen nach oben. Das gibt jedem wieder dieses Gefühl, der beste Offroad-Fahrer seit Daktari zu sein. Bis die nächste Horror-Passage kommt.

Tom, Ray und Eric sind Trail Guides bei der „Jeep Jamboree“, einer der legendärsten Veranstaltungen der weltweiten Offroad-Szene. „Manche Fahrer denken, dass hier sei ein Spiel – aber da liegen sie falsch“, sagt Tom. Einmal wurde ein Guide fast über den Haufen gefahren, weil der Offroad-Pilot nicht auf seine Kommandos gehört hat. „Aber wir bringen jeden Fahrer irgendwie durch“, erzählt Eric. Der Rubicon Trail ist keine künstlich angelegte Offroad-Strecke, sondern eine offizielle Straße, die mitten durch den El Dorado National Forest in Kalifornien führt. Im Wilden Westen waren dort Postkutschen unterwegs, später wurde die Straße nicht mehr benutzt und von der Wildnis zurückerobert. Heute sind an manchen Wochenenden Tausende Geländewagen-Fans unterwegs. Der Trail ist für Offroader eine geradezu mythische Strecke, die man wenigstens einmal im Leben gefahren sein muss.

Atemberaubende Gebirgspässe

Der unbefestigte Teil ist 35 Kilometer lang. Er führt über atemberaubende Gebirgspässe und ausgetrocknete Flussbetten, vorbei an stillen Seen und mitten durch dichte Wälder. Wer sich hier durchgeschlagen hat, fühlt sich wie ein Trapper der Pionierzeit, der während seiner Reise Bärentatzen und Indianerpfeilen haarscharf entkommen ist. Vor Bären muss man sich übrigens auch heute noch in Acht nehmen – vor allem, wenn man beim Übernachten im Camp Essensreste im Auto liegen lässt.

„Einmal hat ein Bär einen Fahrersitz herausgerissen, um an einen Schokoriegel zu kommen“, erzählt Linda Johnston. Die rundliche Amerikanerin mit den Lachfältchen im Gesicht sorgt dafür, dass die Offroader im „Jeep Jamboree“-Camp nach der schweißtreibenden Fahrt etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekommen: Saftige Steaks in Schuhsohlen-Größe, Omeletts mit reichlich Bacon und jede Menge Bratkartoffeln. Nachschub muss jedes Mal mit dem Hubschrauber herbeigeschafft werden: Das Camp ist meilenweit von öffentlichen Straßen entfernt.

Sie kommen immer wieder

Jedes Jahr pilgern zahllose Allrad-Jünger aus aller Welt in die Sierra Nevada. Zum Beispiel die sechs Manager aus Australien, die ihre Jeeps mit einem boxenden Stofftier-Känguru auf der Haube dekoriert haben. Oder Tim aus Canterbury in England, der mit seinen beiden Söhnen angereist ist. „Die Strecke ist verdammt hart, aber sie ist es wert. Das ist eine einmalige Erfahrung“, sagt Tim. Seinen 15-jährigen Sohn Oliver hat er schon mit dem Offroad-Virus infiziert: „Ich wusste vorher nicht, was für irre Sachen man mit einem Geländewagen machen kann“, sagt der Junge.

Längst nicht alle Offroader sind in organisierten Gruppen und mit Guides unterwegs. Es gibt auch die Familienausflügler, die Hardcore-Trailer, die Ausgeflippten. Sie fahren verbastelte Jeeps mit aberwitzig hoch gesetzten Fahrgestellen, verbeulte Ford Broncos ohne Türen oder abgenutzte Toyota-Pick-ups. In Shorts und mit nacktem Oberkörper sitzen sie in der prallen Sonne, eine Hand am Lenkrad, die andere an der Bierdose. Manch einer hat einen Colt griffbereit im Handschuhfach, heißt es. „Man kann ja nie wissen, wer oder was einem nachts mitten in der Wildnis begegnet“, sagt ein junger Mann, während er sich auf der ausgebleichten Motorhaube seines Ford Bronco sonnt. Auf Hilfe kann man unter Umständen lange warten, und Handyempfang gibt es nirgends. Vom Rubicon Trail hat sich der Wilde Westen nie ganz zurückgezogen.


Harte Fans haben sogar ihre Asche über dem Rubicon verstreuen und sich in symbolischen Gräbern am Rand der Strecke verewigen lassen. Komplett mit Grabbeigaben: Bierdosen der Lieblingsmarke, ein Stück der Antriebswelle des eigenen Jeeps oder die Kassetten, die der Verblichene am liebsten gehört hat. Das ist natürlich verrückt. Aber was soll man erwarten bei dieser Strecke?