Kommentar

Schulen in der Corona-Krise: Es fehlt an Augenmaß

Berlins Schulen müssen in der Corona-Krise viel leisten – mit wenig Schutz, findet Susanne Leinemann.

In den Briefkästen der Berliner findet sich aktuell ein Brief des Regierenden Bürgermeisters Müller, in welchem er – aufgrund der steigenden Coronazahlen – an jeden Einzelnen appelliert. Nur wenn sich alle vorsichtig und umsichtig verhielten, Kontakte verringerten oder gar vermieden, sei das Virus zu stoppen. „Der November ist der Monat der Eigenverantwortung“, betont Müller.

Diese Eigenverantwortung mag zwar für die Bürger gelten – den Schulleitern wird sie nicht zugetraut. Selbst dort, wo offensichtlich das Virus durch die Flure tobt und sich in verschiedenen Jahrgangsstufen ausbreitet, dürfen Schulleitungen nicht die Reißleine ziehen. Zwar hatte man in Mitte einem Gymnasium eine Woche lang erlaubt, ins Alternativszenario zu gehen. Zu besorgniserregend waren offenbar dort die Zahlen. Also wurden an der Schule die Klassen halbiert, ein Teil der Schüler wurde digital unterrichtet, was wohl gut klappte. Doch ab Freitag soll damit Schluss sein, sagt nun die zuständige regionale Schulaufsicht.

Dann müssen alle Schüler, die nicht in Quarantäne sind, in die Schule zurückkehren. Dicht an dicht werden sie in den völlig unterkühlten Klassenräumen sitzen und können nur hoffen, dass die noch ausstehenden Testergebnisse ihrer Mitschüler nicht positiv ausfallen. Ein Wahnsinn! Warum muss der sein? Weil die Senatsbildungsverwaltung die Zahl der Schulen auf Rot, die sich offiziell im Alternativszenario befinden, künstlich klein halten will. Auch dieses Gymnasium in Mitte machte ihren Hybridunterricht unter der Tarnfarbe Orange, rot eingestuft war es nie. „Die Schulen müssen offen bleiben“, das wird immer mehr zum Dogma, an dem betonköpfig festgehalten wird – egal wie stark die Infektionen steigen.

Zeit, den Schulleitungen ihre Eigenverantwortung zurückzugeben. Damit sie umsichtig handeln können – für eine ganze Schulgemeinschaft. Zumindest in diesem gefährlichen November.

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