Kommentar

Mühlendamm bleibt ein Unort

Der Neubau der Mühlendammbrücke löst die städtebaulichen Probleme in Berlin nicht, meint Verkehrsredakteur Christian Latz.

Foto: dpa/Montage BM

Das Monstrum Mühlendammbrücke wegen ihres schlechten Zustands abzureißen, muss aus städtebaulicher Sicht keine schlechte Nachricht sein. Doch was der Senat als Neubau plant, kann in keiner Weise überzeugen. Zwar soll die Brücke künftig eine separate Tramtrasse und Radwege bekommen. Weil dazwischen jedoch weiterhin zwei Kfz-Spuren bleiben, wird der Bau noch immer 39 Meter breit. Es bleibt ein Betontrümmer voller Widersprüche.

Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) hat sich zum Ziel gesetzt, den Autoverkehr im Zentrum deutlich zu reduzieren. Wie passt das zusammen, wenn laut Planung über die zwei Richtungsspuren der Brücke bei ihrer Fertigstellung Ende der 2020er immer noch 60.000 Auto am Tag fahren sollen? Wenn diese Fahrzeuge wenige hundert Meter weiter westlich auf der Leipziger Straße gemeinsam mit der neuen Straßenbahn auf einer Spur fahren, sind im Stau steckende Trams absehbar.

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Ähnlich schwer wiegt die städtebauliche Perspektive. Durch Mühlendammbrücke und die breite Autotrasse ist Berlins historischer Kern heute ein Unort. Die nun ohne Bürgerbeteiligung durchgezogene Planung für den Ersatzneubau verspielt die Chance, daraus ein lebendigeres Stadtquartier zu machen.

Die Verkehrsverwaltung steckt in der Zwickmühle. Damit die geplante Tram vom Alexanderplatz Richtung Kulturforum und Hallesches Tor einst rollen kann, muss erst die Brücke neu gebaut werden. Die Neukonstruktion mit Planfeststellung würde auf dem Weg dahin weitere Jahre kosten. Der Preis ist eine Lösung, mit der niemand zufrieden sein kann. Damit reiht sie sich ein in die vielen schlechten Entscheidungen rund um Berlins historische Mitte. Es fehlt ein Konzept, das alle Teilräume des Stadtkerns gemeinsam betrachtet. So leidet jede Planung unter den Mängeln der benachbarten.