Leitartikel

Bettina Jarasch – Die Kompromisskandidatin

Die Grünen entscheiden sich für Bettina Jarasch als Spitzenkandidatin. Überzeugen kann die Personalie nicht, meint Christine Richter.

Berlin. Die Überraschung ist den Berliner Grünen gelungen: Bettina Jarasch, 51 Jahre alt, Abgeordnete und ehemalige Landesvorsitzende der Berliner Grünen in den Jahren 2011 bis 2016, wird Spitzenkandidatin der Grünen für die Abgeordnetenhauswahl im kommenden Jahr. Nicht Ramona Pop, die Wirtschaftssenatorin, nicht Antje Kapek, die Fraktionsvorsitzende. Beide wollten den Job haben, beide haben verzichtet oder wurden zum Verzicht gedrängt. Wer bei der live übertragenen Pressekonferenz während Jaraschs Rede auch Pop und Kapek beobachtete, sah, wie sehr sie sich zusammenreißen mussten, um halbwegs gute Miene zum Spiel zu machen.

Bettina Jarasch ist also, das wurde schon an ihrem Auftritt am Montag deutlich, die personifizierte Kompromisskandidatin. Zwischen dem Realoflügel, der auf Pop gesetzt hatte, und dem starken linken Flügel bei den Grünen, der Kapek an der Spitze sehen wollte. Es mag ja sein, dass die Grünen, wie sie behaupteten, seit einem Jahr um die beste Aufstellung für die Abgeordnetenhauswahl ringen. Aber auch wenn keiner den Namen Jarasch auf dem Zettel hatte, überzeugen kann diese Personalie nicht.

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Grüne liegen in Umfragen deutlich vor anderen Parteien

Denn die Ausgangslage ist doch klar: Noch nie waren die Chancen der Grünen so groß, das Rote Rathaus zu erobern. In Umfragen liegen sie deutlich vor den anderen Parteien und kommen derzeit auf 26 Prozent der Stimmen. Doch statt nun auf eine ihrer bekannten Persönlichkeiten zu setzen – eben auf Pop oder Kapek –, rücken sie Bettina Jarasch an die Spitze.

Das ist, gelinde gesagt, auch deshalb überraschend, weil Bettina Jarasch in der Stadt kaum bekannt ist. Den Grünen, klar, auch im politischen Berlin weiß man sie einzuschätzen. Aber erinnert sei nur an ihren Versuch, für die Bundestagswahl im Jahr 2017 nominiert zu werden. Da fiel sie beim Kampf um Listenplatz 1 auf der Mitgliederversammlung der Grünen gegen Lisa Paus durch und gab dann auf, um nicht gegen Renate Künast antreten zu müssen – gegen ihre ehemalige Mentorin, die Jarasch zuliebe auf Platz 1 verzichtete hatte.

Anders als Pop oder Kapek hat Bettina Jarasch derzeit kein Führungsamt inne, sie hat keine Senatserfahrung, sie ist in der Corona-Krise, die uns leider noch bis ins nächste Jahr hinein beschäftigen wird, überhaupt nicht präsent. Sie kann sich noch nicht einmal mit guten Taten oder politischen Entscheidungen beweisen.

Andere Parteien überrascht aber wenig alarmiert

Die Grünen haben am Montag auf ihrer Pressekonferenz gleich mehrfach betont, dass ihr Ziel sei, dass Berlin besser regiert werde. Verdutzt fragte man sich, wer denn seit vier Jahren mitregiert. Aber vielleicht braucht es ja diese Zielbeschreibung, damit Bettina Jarasch als Spitzenkandidatin frei sagen kann, was sie anders machen möchte. Ihre Themenfelder beschrieb sie klar und erwartbar: Verkehrswende und Klimaschutz, bezahlbares Wohnen, Transformation der Arbeit, Bündnis für Demokratie und Vielfalt.

Die anderen Parteien, die im Abgeordnetenhaus als Bündnispartner in Betracht kommen, reagierten am Montag überrascht, aber wenig alarmiert auf die Personalie. Die SPD, die voll auf Franziska Giffey setzt – mit deren Erfahrung als Bundesfamilienministerin und ehemalige Neuköllner Bezirksbürgermeisterin –, braucht sich jedenfalls keine Sorgen zu machen. Und für die CDU ist Jarasch, die sich als Landesvorsitzende offen für Schwarz-Grün zeigte, allemal angenehmer als Pop oder Kapek.

Die Grünen, sie haben am Montag einen langen Wahlkampf eröffnet – und sich mit ihrer Kompromisskandidatin selbst Fesseln angelegt. Schade eigentlich.