Kommentar

Was tun bei Zwangsheirat

570 Fälle von versuchter oder erfolgter Zwangsverheiratung hat es 2017 von Berliner Jugendlichen gegeben - die Dunkelziffer ist höher.

Redakteurin Susanne Leinemann

Redakteurin Susanne Leinemann

Foto: Reto Klar

Wenn der letzte Schultag vor den Sommerferien kommt, hat ein Lehrer von einer Neuköllner Sekundarschule mal erzählt, dann schaut er seine Schülerinnen in der Oberstufe nochmal genau an. Die arabischen Mädchen mit ihren prächtigen, bunten Kopftüchern, und die türkischen Mädchen, wo alles farblich viel zurückhaltender ist, auch das Kopftuch. Und er denkt: Ob sie alle nach dem Sommer wiederkommen, um den Abschluss zu machen? Oder wird eine von ihnen verheiratet werden?

570 Fälle von versuchter oder erfolgter Zwangsverheiratung hat es 2017 von Berliner Jugendlichen gegeben, doch man geht davon aus, dass die Dunkelziffer höher ist. Überwiegend betroffen sind junge Mädchen zwischen 16 und 21 Jahren, die gegen ihren Willen verheiratet werden. Wer aufbegehrt, läuft Gefahr, den Zorn und die Gewalt des Vaters, der Brüder oder anderer Verwandter zu spüren zu kriegen. Was tun?

Natürlich können alle aufmerksam sein – in Schulen, in Freizeiteinrichtungen, in der Nachbarschaft. Natürlich sind Angebote wichtig, um den betroffenen Mädchen eine Alternative zu zeigen. Um sie zu retten.

Doch wer sich der Zwangsheirat entzieht, zahlt einen hohen Preis: den vollkommenen Bruch mit der Familie. Und die Wahrheit ist – der Übergang zwischen Zwangsheirat und arrangierter Hochzeit ist fließend. Arrangierte Ehen gehören in manchen Kulturen dazu. In Pakistan, in Afghanistan, in Teilen Syriens. Es wundert also kaum, dass ein Teil der bekannt gewordenen Fälle aus Flüchtlingsfamilien stammt.

Was dagegen überrascht: Auch arabische und türkische Familien, die in dritter Generation hier leben, entscheiden teilweise noch so über das Glück ihrer Töchter. „Es gibt da kein Unrechtsbewusstsein“, sagt Falko Liecke (CDU), Bezirksstadtrat aus Neukölln. Drei Generationen in Berlin und alles wie am Anfang. Das sollte uns zu denken geben.

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