Das Positive vorneweg: Nicht jede Berliner Schule bricht zusammen, einige strahlen sogar frisch saniert. Viele Kinder lernen ordentlich bei motivierten Lehrkräften. Die Leistungen sind in der Spitze auch nicht schlechter als anderswo. Die Berliner Schule ist keineswegs flächendeckend die Desaster-Zone, als die sie oft geschildert wird. Genauso gilt aber auch: Das Bildungswesen in der deutschen Hauptstadt ist insgesamt weit entfernt von einem akzeptablen Zustand.
Noch immer ist es in Berlin im Kompetenzstreit zwischen Senat und Bezirken nicht gelungen, die ganz dringenden Sanierungsfälle vorzuziehen und aus der Welt zu schaffen. Mal fällt in Spandau der Putz von der Decke, dann sperrt man in Wedding ganze Aufgänge wegen Schimmel. Die Segnungen des von Rot-Rot-Grün angekündigten Milliardenprogrammes für Sanierung und Neubau sind noch lange nicht bei Schülern, Lehrern und Eltern angekommen. Bisher merken sie nur, dass Schulhöfe mit Mobilbauten vollgestellt werden, um die vielen Schüler überhaupt unterbringen zu können.
Das politische Hickhack darüber, wer welche Projekte mit welcher Struktur bearbeiten darf, hält Schulleiter, Lehrer und Eltern weiter in Unsicherheit. Sie wissen immer noch nicht, welche Schule sich wann für wie lange in eine Baustelle verwandeln wird.
So kompliziert und unbefriedigend die bauliche Situation auch sein mag, die wahre Aufgabe wartet in den hoffentlich bald sanierten Klassenräumen. Die Probleme sind nicht neu. Jeder fünfte Viertklässler kann kaum lesen. Zehn Prozent eines Jahrgangs verlassen die Schule ohne Abschluss. Ob Kinder Erfolg haben in der Schule, hängt immer noch ganz maßgeblich vom Bildungsstand und Engagement der Eltern ab. Vor allem Migrantenkinder kommen nicht mit. Nach wie vor wird viel zu viel geschwänzt. Und massenweise Stunden fallen aus, werden nicht oder nicht qualitativ hochwertig vertreten. Die Klagen füllen seit Jahren Zeitungsseiten und private Gespräche von Eltern und Großeltern.
Schlimm ist, dass kaum Besserung in Sicht ist, obwohl der Senat schon lange nicht mehr an den Schulen spart, sondern jede Menge Geld ins System pumpt – zuletzt mit der im Vergleich zu anderen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes großzügigen Gehaltserhöhung für Lehrkräfte.
Über das Lückenstopfen vernachlässigt es die Berliner Bildungspolitik seit Jahren, die strukturellen Probleme anzugehen. Ob Schulen gut geführt werden oder nicht, ist Glückssache und hängt an einzelnen engagierten Schulleitern. Es fehlen Verwaltungsleiter und Hauswarte, die den Betrieb am Laufen halten und Pädagogen den Rücken frei halten für ihre Kernaufgaben: erziehen und Wissen vermitteln.
Dass sich gut bezahlte öffentliche Angestellte im 21. Jahrhundert noch weigern dürfen, E-Mail als normalen Weg des Austauschs mit Kollegen und Eltern zu nutzen, ist bizarr. Über die Digitalisierung der Schulen sollte man angesichts solcher Zustände lieber schweigen. An viel zu vielen Schulen sind die Lehrer wie seit grauen Vorzeiten als Einzelkämpfer unterwegs. Dabei könnten Arbeitsteilung und Kooperation viel Zeit und Aufwand sparen. Insofern kann es den Schulen guttun, wenn Quereinsteiger frischen Wind bringen. Das klappt aber nur, wenn es nicht zu viele sind und sie nicht an Problemschulen verheizt werden. Von einer individuellen Förderung für jedes Kind sind wir weit entfernt.
All das ist nicht gottgegeben. Andere Länder schaffen, woran Berlin scheitert: Die Schüler steigern mit der Zeit ihr Leistungsvermögen. Es ist eine Schande, dass ein solcher Trend in Berlin nicht zu beobachten ist.




