Facebook-Post

Sexismus oder Kompliment? Debatte um Chebli-Beitrag

Staatssekretärin Sawsan Chebli prangert einen vermeintlich sexistischen Vorfall an. Das sagen zwei Morgenpost-Redakteurinnen.

Sawsan Chebli sorgte mit ihrem Beitrag auf Facebook für Diskussionen

Sawsan Chebli sorgte mit ihrem Beitrag auf Facebook für Diskussionen

Foto: dpa/Michael Kappeler

„Unter Schock – Sexismus.“ Mit diesen Worten beginnt der Beitrag, den Berlins Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, Sawsan Chebli, am 14. Oktober auf ihrer offiziellen Facebook-Seite veröffentlicht und über den die Berliner Morgenpost berichtet hat. Chebli schildert darin, wie ein ehemaliger Botschafter sie bei einer Diskussionsveranstaltung zwar öffentlich für ihre Jugend und Schönheit gelobt, sie aber nicht als Staatssekretärin erkannt habe. Für Chebli ist das ein klarer Fall von Sexismus.

Cheblis Beitrag fällt in eine Zeit, in der in den USA Schauspielerinnen wie Angelina Jolie die sexuellen Übergriffe von Hollywood-Produzent Harvey Weinstein anprangern. Weltweit geben sich in den sozialen Netzwerken zurzeit Frauen als Opfer sexueller Gewalt zu erkennen. Seit Cheblis Facebook-Post hat Berlin nun erneut eine eigene Sexismus-Debatte, nachdem sich vor einem Jahr schon der damalige Innensenator Frank Henkel (CDU) gegen entsprechende Vorwürfe wehren musste. Sind die Äußerungen des Botschafters völlig unangemessen oder einfach nur als Kompliment zu verstehen? Auch zwei Autorinnen der Berliner Morgenpost sind unterschiedlicher Meinung.

Paulina Czienskowski hält die Äußerung für sexistisch

Ich stehe in einem Fahrstuhl mit einem Kollegen, der über Personalien entscheidet. Er fragt, ob ich Fahrstühle nicht mag, ich würde so ängstlich aussehen. Unangenehm. Noch unangenehmer wird es, als er sagt, dass ich keine Angst zu haben brauche. Falls wir stecken bleiben, habe er Brezel und Buttermilch dabei, die teilt er gerne. Ich habe nicht darum gebeten. Zu einem Mann hätte er das niemals gesagt. Ich bin eine Frau. Das Stigma: zierlich, sanft, ihm physisch unterlegen. Dass ich das vielleicht gar nicht bin, nicht hilfebedürftig, ist egal. Ja, auch das ist Sexismus.

Sexismus nämlich hat so viele Facetten, dass es für viele schwer scheint, nicht nur den direkt feindseligen, sexuell aufgeladenen als Grund zu sehen, sich aufzuregen. Er kann nämlich auch wohlwollend verpackt sein. So wie im Fahrstuhl. Oder nun bei der Staatssekretärin Sawsan Chebli, die vom Botschafter a.D. öffentlich für schön befunden wurde.

Dabei wird hier ein Kompliment nicht mit Sexismus verwechselt, wie es oft heißt. Es ist nur so, dass solche Bemerkungen in so einem Kontext nichts zu suchen haben. Es spielt keine Rolle, ob Chebli jung und hübsch ist. Was kurz nett gemeint klingt, zeigt eigentlich, dass der Mann die Frau bloß als Beiwerk sieht. So wie es das verkrustete Rollenbild beschreibt. Und wer sagt überhaupt, dass Staatssekretärinnen alt und unattraktiv sein müssen? Plötzlich fühlt man sich in seiner Kompetenz herabgesetzt, muss beweisen, dass man mehr ist als „das“. Man fragt sich auch, ob man sich burschikos kleiden sollte, um endlich auf Augenhöhe zu sein. Ein Post von Chebli zeigt genau das: „Vorsichtshalber Pumps aus- und Turnschuhe angezogen.“

Diese versteckte Form des Sexismus’ ist fast die schlimmere, weil sie subtil passiert, nicht gleich für jeden als übergriffig identifizierbar ist. So wird nun wieder mal darüber diskutiert, ob ein Echauffieren berechtigt oder überzogen ist. Das ist verrückt, ein komplett veralteter Blick auf die Debatte, die wohl noch lange geführt werden muss. Rollenerwartungen sind in Teilen zwar aufgebrochen, aber offenbar noch immer nicht in modernem Gewand wieder zusammengewachsen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Chebli nun erneut die Diskussion befeuert.

Niemand übrigens kann einem vorschreiben, wie er sich in solch einer Situation zu fühlen hat. Gerade weil jeder seine ganz eigenen Erfahrungen dahingehend gemacht hat. Wer Sexismus selbst noch nicht erlebt hat, wird wohl auch nie wissen, wie es sich tatsächlich anfühlt. Es bleibt nur, an die Empathie von Mann und Frau zu appellieren, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen. Noch jedenfalls gibt es davon zu wenig.

Christine Richter meint, die Äußerung war als Kompliment gedacht

Sie hat die drastischsten Worte gewählt: „Unter Schock – Sexismus“ schrieb die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli über ihren Facebook-Beitrag, in dem sie den Vorfall bei der Jahreshauptversammlung der Deutsch-Indischen Gesellschaft, bei der sie als Rednerin vorgesehen war, schildert. Und erzählt, wie der Botschafter zu ihr gesagt hat: „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön.“ Chebli, schockiert darüber, schließt ihren Facebook-Post mit den Worten: „Klar, ich erlebe immer wieder Sexismus. Aber so etwas wie heute habe auch ich noch nicht erlebt.“

Ich war auch entsetzt. Aber nicht wegen des Botschafters, sondern wegen der Äußerungen der Staatssekretärin. Wie kann man einen solchen Satz bloß so missverstehen und mit solch drastischen Worten belegen? Der Botschafter, der die Staatssekretärin, die zu spät kam, die sich dadurch nicht vorstellen konnte und dann offensichtlich auch nicht auf den für sie reservierten Platz setzte, wollte nett sein, höflich. Er machte ein Kompliment, was natürlich ungeschickt war, weil man eine Frau natürlich nicht auf ihr Aussehen reduzieren sollte, aber es war ein Kompliment. Jung und schön, was ist daran schockierend?

Und was ist mit all den Frauen, die Sexismus in ihrem Alltag in der schlimmsten Form erleben? Die angefasst, die beleidigt oder verhöhnt, die körperlich missbraucht werden? Die Staatssekretärin, der ein Kompliment gemacht wird, stellt sich mit ihnen auf eine Stufe – und ich finde, sie würdigt die anderen Frauen damit herab.

Und noch mehr wundert mich, dass die Staatssekretärin meint, „so etwas“ noch nie erlebt zu haben. Durch diesen Satz wird eine Geschichte, die meiner Meinung gar nicht dramatisch war, nochmals zusätzlich dramatisiert. Ich glaube, dass jede Frau Sexismus aus dem eigenen Erleben, aus ihrem Alltag kennt. Aber es muss doch unterschieden werden, zwischen einer unbeholfenen Bemerkung und der Herabwürdigung als Frau. Ich habe in meinem Leben schon manchen unbeholfenen Spruch gehört und entsprechend reagiert. Aber ich habe nicht aufgeregt und laut „Schock“ und „Sexismus“ gerufen. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass die Berliner Staatssekretärin, die in den sozialen Netzwerken sehr aktiv ist, mit ihrem Beitrag wieder einmal mediale Aufmerksamkeit erreichen wollte.

Wenn dieser Vorfall zum Aufschrei, zu einer wilden Sexismus-Debatte in Deutschland führt, dann empfehle ich den Frauen und Männern den Blick nach Hollywood. Dort, wo Frauen jahrelang geschwiegen haben, obwohl sie sexuell belästigt und sogar vergewaltigt wurden, dort gibt es Grund, schockiert zu sein.

Mehr zum Thema:

Sexismus-Vorfall: DIG wirft Chebli Ungereimtheiten vor

Staatssekretärin Sawsan Chebli prangert Sexismus-Vorfall an

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.