Nun ist es also passiert: Die Red Bulls aus Leipzig sind Tabellenführer der Bundesliga. Ausgerechnet die Roten Bullen: diese Neureichen, Emporkömmlinge. An Beleidigungen mangelt es nicht, um das eigene Versagen zu kaschieren. Immer wieder wird als Argument ins Feld geführt, RB Leipzig habe bessere Voraussetzungen als andere Klubs. Bessere als Dortmund, wo zwei- bis dreimal so viele Zuschauer ins Stadion gehen? Bessere als die Bayern, wo Adidas, Audi und Telekom Millionen reinbuttern?
Ja, RB Leipzig hat einen alternativen Weg zur Refinanzierung von Profifußball gefunden. Einen Geldgeber wie Dietrich Mateschitz zu haben, hat große Vorteile. Fehlgriffe auf dem Transfermarkt sind besser zu kompensieren. Wer weiß das besser als der HSV, dessen Mateschitz Klaus-Michael Kühne heißt. Oder Schalke, wo Gazprom die Kassenlage ausbalanciert. Ja, RB Leipzig hat keine Tradition. Es ist ein Leichtes, das Neue abzulehnen und als Alibi dafür zu benutzen, dass die eigene Kreativität nicht für eine bessere Platzierung reicht. HSV, Bremen, Wolfsburg: Ihr aktuelles Versagen hat nichts mit Leipzig zu tun. Oder will jemand behaupten: Gäbe es Leipzig nicht, würde der HSV um die Meisterschaft mitspielen?
Trotzdem werden Fans und vor allem Ultras nicht müde, gegen die Roten Bullen zu schimpfen. Erst recht, wenn die oben stehen und sie selbst unten. Mateschitz, Kühne und bei Hoffenheim Dietmar Hopp: Der Fanwut geben sie ein Gesicht. Bestenfalls ist vom Umgehen der Mehrheitsregeln 50+1 die Rede. Im schlimmsten Fall von Betrug an Tradition und Fair Play. Tatsache ist: Niemand hat dem HSV verboten, zu Hause gegen Ingolstadt oder Frankfurt zu gewinnen. Oder Auswärts in Freiburg oder Berlin.
Jahrelang haben alle über die Übermacht der Bayern gemotzt. Jetzt rüttelt wieder jemand daran. Reflexartig wird wieder gemotzt. Ein bisschen ist es wie bei Donald Trump in den USA: Ist erst die Wut über das Ungeheuerliche verflogen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, werden alle mit der Situation umzugehen lernen. Und lernen müssen.


