Die Bundesrepublik verändert sich. Und das ist beunruhigend. Denn Veränderungen, die wir nicht beeinflussen können, sind belastend, Nachteil und Überforderung. Die Folge: Wir rebellieren. Wir streiten. Die Stimmung kippt.
Denken wir kurz zurück. 2013 befragte die BBC 26.000 Menschen aus 22 Nationen, welches Land einen positiven Einfluss auf die Welt habe. Und welche Nation wurde auf den ersten Platz gewählt? Deutschland. Gelobt wurden wir für den Klima- und Umweltschutz, für unser Wirtschafts- und Sozialsystem, außerdem hatten wir längst gezeigt, dass der Deutsche nicht nur pflichtbewusst ist, sondern auch feiern kann. Dann wurden wir 2014 auch noch Fußball-Weltmeister. Was sollte da noch kommen? Kurz: Deutschland hatte keine Probleme. Alles lief, wir waren die Merkel-Konsens-Republik. Die Stimmung gut, ohne Ausschläge.
Nur knapp zwei Jahre später: Wirtschaftlich geht es uns immer noch bestens, aber die Stimmung ist überreizt. Auf der einen Seite stehen die Flüchtlingsapplaudierer, auf der anderen die AfD-ler und die Pegida-Geher. Am äußeren Rand erleben wir Gewalt gegen Flüchtlinge und sexuelle Übergriffe von Ausländern gegen Frauen wie in Köln. Der Ton auf beiden Seiten hat sich verschärft, vor allem im Internet. Doch auch im Privaten werden inzwischen Parolen vertreten, die man 20 Jahre lang nicht gehört hat. Die Bilder von Flüchtlingen, wie sie in unsicheren Booten über das Mittelmeer fliehen, sind unfassbar. Tote Kinder am Strand von Lesbos lösen Verzweiflung aus. Manchmal möchte man bei so viel Leid nur laut „Stopp“ rufen. Auf der anderen Seite bepöbeln 100 Menschen in Clausnitz einen Bus mit Flüchtlingen. Jubeln und johlen Bautzener beim Anblick eines brennenden Flüchtlingsheims.
Die einen haben Angst vor den Flüchtlingen, die anderen vor der AfD
Kurz: Jetzt haben wir Probleme. Und Angst: die einen vor einer weiteren Million Flüchtlinge, die anderen vor einer neuen, starken Partei, der AfD. Für beide Seiten ist die Flüchtlingsfrage zum Ventil für alle übrigen Probleme geworden. Und der Merkel-Konsens? Weg. Er existiert weder in der Politik, noch in den Familien, noch unter Freunden. Die Flüchtlingsfrage spaltet das Land.
Eine Forsa-Umfrage zu den Ängsten der Deutschen ergab, dass 51 Prozent meinen, es dürfen noch weitere Flüchtlinge kommen. 49 Prozent sagen, es ist genug. Hinter der AfD versammeln sich jetzt viele, die vordergründig gegen Merkels Flüchtlingspolitik sind. Die Partei wird dafür wahrscheinlich zweistellige Erfolge bei den drei Landtagswahlen am „Super-Sonntag“ einfahren. Mit der Wahl entsteht eine andere Parteienlandschaft. Davor sollten wir keine Angst haben. Wir sollten aber versuchen, die Probleme der jeweils anderen Seiten zu verstehen. Und die Politiker täten gut daran, sich genau das vorzunehmen. Sich mit den Anhängern der AfD auseinanderzusetzen, zu verstehen, was die Ängste, was die Themen sind – hinter der Flüchtlingsfrage. Der Soziologe Heinz Bude schreibt in seinem neuen Buch über die „Macht der Stimmungen“. Er sagt, dass das Gefühl des Abgehängtseins nicht nur bei Hartz-IV-Empfängern und prekär Beschäftigten auftritt, sondern auch in Teilen der Mittelklasse. Dieses Gefühl, diese Stimmung gilt es ernst zu nehmen, denn nichts Geringes als die Art, wie wir leben wollen, wie die nächsten 10,20 Jahre in Deutschland aussehen sollen, verhandeln wir gerade.
Schon jetzt kann man die Flüchtlingskrise als erste wirkliche Zäsur, als erste Prüfung nach der Wiedervereinigung verstehen. Es ist die Zeit der Veränderung. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, dass wir diese Krise nicht bewältigen können. Die Wiedervereinigung war die größere Herausforderung.
Und was die AfD angeht, es gab schon viele Parteien wie die Republikaner, die DVU oder die Schill-Partei, die auftauchten und nach einer gewissen Zeit der Selbstdemontage vom Wähler abgestraft wurden. Wir können vertrauen in unsere Demokratie – auch in ungewohnt stürmischen Zeiten.


