Auf den ersten Blick sieht der Vorschlag gut aus: Patienten sollen von dem Mediziner, der sie am besten kennt, durch das Gesundheitssystem gelenkt werden. Sie würden nicht von Facharzt zu Facharzt ziehen, Wartezimmer verstopfen und die Behandlungskosten unnötig steigern. So stellt sich der Chef der Kassenärzte das vor. Gute Idee, aber die Wirklichkeit ist komplizierter.
Sie beginnt mit dem Befund, dass nicht alle Kassenpatienten wahllos Termine bei Fachärzten vereinbaren. Die allermeisten von ihnen gehen schon jetzt nur dann zum Arzt, wenn sie wirklich müssen. Mehr als die Hälfte aller Arztbesuche geht auf das Konto von weniger als einem Fünftel der Patienten. Das sind oft Schwerkranke, die ohnehin in besonderen Behandlungsprogrammen versorgt werden. Auch die These, dass die Deutschen besonders häufig – vielleicht zu oft – zum Arzt gehen, ist wackelig.
Richtig ist, dass Patienten etwa in Schweden viel seltener einen Doktor aufsuchen. Aber: In anderen Ländern hat das nicht ärztliche Personal in den Praxen oft mehr Befugnisse und kann die Ärzte entlasten. Und schließlich zeigen die sogenannten Hausarztverträge, die Krankenkassen seit mehr als zehn Jahren anbieten, dass Vorteile und Einsparungen durch vorgegebene Behandlungswege minimal sind, wenn sie überhaupt nachweisbar waren.
Das einzige Mittel, das Patienten dazu bringen würde, ihr Verhalten zu ändern, wären spürbare finanzielle Anreize und Sanktionen. Der Haken: Gutverdiener würden die Extrakosten verkraften können, sozial Schwachen dagegen würden sie finanziell stark schmerzen. Politisch heikel wären solche Extragebühren allemal.
Nach Einführung der Praxisgebühr erhielt die damalige Gesundheitsministerin Morddrohungen. Die Ärzte haben diese – in ihrer damaligen Form unwirksame – Gebühr nie gemocht. Sollten sie jetzt anders darüber denken, müssten sie ihren aktuellen Vorschlag deutlich nachbessern. Ist er ein politisches Ablenkungsmanöver, wonach es aussieht, dann gehört er in den Papierkorb.


