Die Deutschen machen sich Sorgen. Das tun sie zwar grundsätzlich gerne, doch am Ende dieses Jahres sind aus den Sorgen bei vielen echte Ängste geworden: Jeder zweite Deutsche hat einer neuen Umfrage zufolge seine Zuversicht verloren und blickt mit Zukunftsangst auf das nächste Jahr. Kein Wunder, oder? Im Dezember 2015 sieht die Welt der Deutschen anders aus als im Dezember 2014.

Eine Million Flüchtlinge sind seitdem ins Land gekommen – und niemand weiß, ob das auf Dauer gut geht: Die allermeisten Deutschen hießen die Neuankömmlinge willkommen, doch viele ahnen, wie schnell die Stimmung kippen kann, sobald aus Flüchtlingen scheinbar Konkurrenten werden – bei Wohnungen, Jobs oder Kitaplätzen. Bereits jetzt vergeht keine Woche ohne Brandanschläge, Hassmails, Protestdemos und steigende Umfragewerte für die Rechtspopulisten der AfD. Bei den letzten Landtagswahlen ging jeder Zweite nicht mehr zur Wahl. Und in der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GfK rechnen neun von zehn Deutschen damit, dass die etablierte Politik weiter an Vertrauen verlieren werde.

Die EU schlingert

Dazu kommt der Terror: Die Anschläge von Paris, die Drohung von Hannover, die islamistischen Schläfer irgendwo im Land. Und der Krieg: Deutschland schickt Tornados nach Syrien und stellt sich damit endgültig ins Fadenkreuz des IS. Der Gedanke an Europa hilft da wenig: Was die Finanzkrise vorbereitet hat, droht die Flüchtlingskrise zu vollenden. Die EU schlingert, europafeindliche Parteien gewinnen ein Land nach dem anderen. Mehr als zwei Drittel der Deutschen gehen laut Umfrage davon aus, dass Europa weiter auseinanderdriften wird.

Das ist das eine. Das andere ist: Den Deutschen geht es gut. Was nicht bedeutet, dass jeder Einzelne dauerhaft glücklich ist. Ein solches Versprechen können nur totalitäre Regime abgeben, freie Gesellschaften können nur die Bedingungen dazu liefern. Wie gut das in Deutschland gelingt, lässt sich allein daran erkennen, wie gerne die Menschen hierherkommen – oder hierhin zurückkommen. Nicht nur die Flüchtlinge, auch die jungen Akademiker aus Südeuropa und sogar das Spitzenpersonal aus Wirtschaft und Wissenschaft, das vor Jahren Deutschland noch lieber dauerhaft den Rücken kehren wollte. Es ist kein Zufall: Im Jahr 2015 steht Deutschland mit den USA an der Spitze der beliebtesten Einwanderungsländer.

Manchmal hilft es, das Land mit dem Blick eines Fremden zu sehen: Das Klima ist mild, die Straßen sind sicher und die Müllabfuhr kommt regelmäßig. Die öffentlichen Schulen sind selten chic, aber meistens solide. Es gibt einen Mindestlohn, es gibt Krankengeld, Elterngeld und fast 200 Euro Kindergeld pro Kind und Monat. Die Geburtenrate steigt, die Ehen halten länger, die Zahl der Scheidungen geht zurück. Es gibt viele Gründe für Zuversicht.

Wer viel zu verlieren hat, reagiert mit Verlustangst

Angst aber ist immer auch eine Frage der Fallhöhe: Wohlstand, Sicherheit und politische Stabilität sind einerseits die besten Mittel gegen Angst – andererseits aber auch ein Aktivposten des Angsthaushalts. Wer viel zu verlieren hat, reagiert auf Krisenzeichen schnell mit Verlustängsten: Acht von zehn Deutschen erwarten laut Umfrage, dass die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands größer werden. Am pessimistischsten ist die mittlere Generation im Alter von 35 bis 54 Jahren.

Ist die neue Angst der Deutschen also die logische Folge einer realistischen Einschätzung der Lage? Oder nicht doch auch die Rückkehr zur „German Angst“, zum reflexhaften Credo, dass Veränderungen Unheil bringen und früher alles besser war? Es ist – wie so oft – eine Mischung. Wer jetzt Ängste schüren will, hat es da leicht. Genau das Gegenteil ist aber nötig: Die Kanzlerin muss den Menschen deutlich erklären, dass Deutschland handlungsfähig und nicht ferngesteuert ist – auch nicht von der eigenen Furcht. Wer sich handlungsfähig fühlt, muss keine Angst vor der Zukunft haben.