Franz Allert, der einst mächtige Präsident des viel gescholtenen Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) hat sich am Mittwochabend von seinen Aufgaben entbinden lassen.

Die Frage bleibt, was Berlin damit gewonnen hat und welche Vorteile sich für die Flüchtlinge, die zu Hunderten Tag für Tag vor der Behörde in der Kälte ausharren müssen, daraus ergeben.

Das nächtliche Chaos am Berliner Lageso

Flüchtlinge warten stundenlang in der Kälte. Erst wenige Minuten, bevor das Lageso öffnet, dürfen die Wartenden auf das Gelände. Dann heißt es weiter Geduld haben.
Flüchtlinge warten stundenlang in der Kälte. Erst wenige Minuten, bevor das Lageso öffnet, dürfen die Wartenden auf das Gelände. Dann heißt es weiter Geduld haben.© Glanze | Sergej Glanze
Manche von ihnen harren tagelang vor dem Lageso aus. Helfer versorgen die Menschen auch bei Nacht mit Essen und warmen Getränke.
Manche von ihnen harren tagelang vor dem Lageso aus. Helfer versorgen die Menschen auch bei Nacht mit Essen und warmen Getränke.© Massimo Rodari | Massimo Rodari
Oft ist das Smartphone für Flüchtlinge die einzige Verbindung zu ihren Familien.
Oft ist das Smartphone für Flüchtlinge die einzige Verbindung zu ihren Familien.© Massimo Rodari | Massimo Rodari
Stundenlang warten sie auf die angekündigten Busse, die zu Notunterkünften fahren. Diejenigen, die keinen Platz bekommen, müssen auf eine Unterbringung im Wärmebus oder in einer Turnhalle in Hohenschönhausen hoffen.
Stundenlang warten sie auf die angekündigten Busse, die zu Notunterkünften fahren. Diejenigen, die keinen Platz bekommen, müssen auf eine Unterbringung im Wärmebus oder in einer Turnhalle in Hohenschönhausen hoffen.© Glanze | Sergej Glanze
Eingehüllt in Decken und Schlafsäcke versuchen die Menschen die Nacht zu überstehen, um am nächsten Morgen in der Warteschlange möglichst weit vorne zu stehen.
Eingehüllt in Decken und Schlafsäcke versuchen die Menschen die Nacht zu überstehen, um am nächsten Morgen in der Warteschlange möglichst weit vorne zu stehen.© Glanze | Sergej Glanze
Mit knapp dreistündiger Verspätung erreichen die Busse das Lageso. Frauen und Familien dürfen als erste einsteigen.
Mit knapp dreistündiger Verspätung erreichen die Busse das Lageso. Frauen und Familien dürfen als erste einsteigen.© Massimo Rodari | Massimo Rodari
Die, die keinen Platz bekommen, harren weiter auf der Straße aus. Oft sind die Schutzsuchenden leicht bekleidet, Kinder sitzen in Herbstjacken auf dem kalten Boden.
Die, die keinen Platz bekommen, harren weiter auf der Straße aus. Oft sind die Schutzsuchenden leicht bekleidet, Kinder sitzen in Herbstjacken auf dem kalten Boden.© Massimo Rodari | Massimo Rodari
Es gibt "Gemüsegulasch". Viele Helfer sind hier, die Menschen freuen sich über eine warme Mahlzeit
Es gibt "Gemüsegulasch". Viele Helfer sind hier, die Menschen freuen sich über eine warme Mahlzeit© Massimo Rodari | Massimo Rodari
300 Menschen sollen in Hohenschönhausen Platz finden. Allerdings sind das nur die, die zwischen 6 bis 14 Uhr ein weißes Bändchen ergattern konnten.
300 Menschen sollen in Hohenschönhausen Platz finden. Allerdings sind das nur die, die zwischen 6 bis 14 Uhr ein weißes Bändchen ergattern konnten. © Massimo Rodari | Massimo Rodari
An der Darßer Straße ist eine Doppelsporthalle für die Aufnahme von 300 Flüchtlingen hergerichtet.
An der Darßer Straße ist eine Doppelsporthalle für die Aufnahme von 300 Flüchtlingen hergerichtet.© Steffen Pletl
Erschöpft und durchgefroren warten die Flüchtlinge auf die Abfahrt. Viel Schlaf werden sie nicht bekommen, denn in wenigen Stunden müssen sie sich wieder auf den Weg zum Lageso machen.
Erschöpft und durchgefroren warten die Flüchtlinge auf die Abfahrt. Viel Schlaf werden sie nicht bekommen, denn in wenigen Stunden müssen sie sich wieder auf den Weg zum Lageso machen. © Massimo Rodari | Massimo Rodari

Allerts Rücktritt ändert nichts am Lageso

Auf den ersten Blick ändert sich nichts. Durch Allerts Rückzug allein wird kein zusätzlicher Mitarbeiter geschaffen, der Asylsuchenden Taschengeld auszahlt oder die Verlängerung der Kostenübernahme des Amtes für einen Schlafplatz bearbeitet.

Auch das desolate „Wartesystem“ (was für ein Wort!) ist damit noch nicht beseitigt. Für beides hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Donnerstag im Abgeordnetenhaus Besserungen angekündigt.

Beheizte Zelte sollen nachts geöffnet werden. Anfang Januar soll zusätzliches Personal von externen Dienstleistern kommen. Aber musste dafür der Lageso-Präsident geschasst werden, wie es Müller am Mittwoch öffentlich forderte?

Reaktionen: "Öffentliche Hinrichtung", "Bauernopfer"

Bezeichnenderweise löste Müllers Vorstoß sowohl in der Union als auch bei der parlamentarischen Opposition kritische Reaktionen aus. CDU-Fraktionsvize Stefan Evers sprach von einer unnötigen „öffentlichen Hinrichtung“, Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop von einem unzureichenden „Bauernopfer“.

Die Chronik des Versagens in Berlin

2012

Wegen der Kriege im Nahen Osten und der Ausbreitung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in den Krisenregionen kommen immer mehr Flüchtlinge nach Europa. Als die Ankunftsorte in Griechenland und Italien überfüllt sind, machen sich Tausende von ihnen auf den Weg nach Europa. In Berlin sucht das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) dringend Gebäude.

Februar 2013

In den Bezirken gibt es Widerstand gegen die Bemühungen von Sozialsenator Mario Czaja (CDU), neue Flüchtlingsunterkünfte einrichten zu lassen.

März 2014

Erste Vorwürfe gegen Lageso-Chef Franz Allert werden laut. Er soll einen Verwandten begünstigt haben. Sozialsenator Czaja lässt die Vorgänge durch Externe prüfen. Das erste landeseigene Wohncontainerdorf in Köpenick eröffnet.

November 2014

Um der steigenden Zahl an Flüchtlingen Unterkünfte bieten zu können, werden die ersten beiden Traglufthallen am Poststadion in Moabit errichtet.

Januar 2015

Der Senat überlegt erstmals, ein Landesamt für Flüchtlinge einzurichten, um die Lage in den Griff zu bekommen. Erst im November kommt es zu einem entsprechenden Senatsbeschluss, das Amt soll 2016 eröffnen.

Mai 2015

Nach den offiziellen Zahlen des Bundesinnenministeriums werden in Berlin 26.000 Flüchtlinge im Jahr 2015 erwartet. Tatsächlich werden es bis Ende des Jahres mehr als 60.000 sein. 

Juni 2015

Senator Czaja entmachtet Lageso-Chef Allert. Um die Flüchtlingsheime kümmern sich fortan Stephan Herting und Petra Hildebrandt.

August 2015

Die Initiative „Moabit hilft“ droht damit, ihr Engagement einzustellen, wenn die hygienischen Bedingungen am Lageso nicht verbessert werden. Auch die Ärztekammer kritisiert, dass Flüchtlinge im Freien ohne jede Versorgung tagelang warten müssen. 

September 2015

Auf dem Gelände des Lageso kommt es zu Tumulten. Mehrere Hundert Flüchtlinge haben die Polizeiabsperrungen überwunden und versucht, in das Gebäude einzudringen.

Oktober 2015

Am 1. Oktober wird der vierjährige Mohamed vom Lageso-Gelände entführt – und von einem Täter aus Brandenburg ermordet. Erst vier Wochen später wird der Fall aufgeklärt. In der Bundesallee in Berlin eröffnet eine weitere Registrierungsstelle, um die Lage am Lageso zu entschärfen.

November 2015

Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes auf dem Lageso-Gelände hetzen öffentlich gegen Flüchtlinge. In den ersten elf Monaten des Jahres sind in Berlin 50.000 Flüchtlinge angekommen. Der Senat beschließt, Flüchtlinge in den Hangars des Flughafens Tempelhof unterzubringen.

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Andererseits warfen Oppositionspolitiker in der Plenardebatte am Donnerstag die Frage auf, ob denn nun das von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) projektierte Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten überhaupt noch nötig ist.

Sei es doch offenbar dazu gedacht, eine Organisation aufzubauen, in der Franz Allert nach seiner Teilentmachtung im Sommer gar nichts mehr mit Registrierung, Unterbringung und Versorgung der Asylbewerber zu tun hat. Die Frage ließe sich auch umgekehrt formulieren: Wenn das neue Landesamt etabliert wird, hätte dann Franz Allert nicht bleiben können?

Lageso-Spitze muss Veränderungen aktiv mitentwickeln

Bei allem Für und Wider: Nein. Auch wenn die Kompetenzen des Präsidenten schon gestutzt wurden, hatte er immer noch großen Einfluss. Die Treue vieler langjähriger Mitarbeiter zu ihm ist sprichwörtlich.

Trotz Eiseskälte harren die Flüchtlinge vor dem Lageso aus

Die Temperaturen sind in Berlin fast auf den Gefrierpunkt gesunken. Die Flüchtlinge, die am Lageso warten, frieren. Die Kälte setzt vor allem den Kindern zu.
Die Temperaturen sind in Berlin fast auf den Gefrierpunkt gesunken. Die Flüchtlinge, die am Lageso warten, frieren. Die Kälte setzt vor allem den Kindern zu.© dpa | Kay Nietfeld
Die Menschen warten auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) auf die Registrierung und die Zuweisung eines Schlafplatzes.
Die Menschen warten auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) auf die Registrierung und die Zuweisung eines Schlafplatzes.© dpa | Kay Nietfeld
Ein Flüchtling aus dem Irak versucht, sich mit Pullover und Mütze gegen die Kälte zu schützen.
Ein Flüchtling aus dem Irak versucht, sich mit Pullover und Mütze gegen die Kälte zu schützen.© dpa | Kay Nietfeld
Eine Mutter hat ihr Kind in eine Decke gewickelt.
Eine Mutter hat ihr Kind in eine Decke gewickelt.© dpa | Kay Nietfeld
Zelte bieten notdürftigen Schutz gegen Wind und Wetter.
Zelte bieten notdürftigen Schutz gegen Wind und Wetter.© dpa | Kay Nietfeld
Kaffee wird an die Wartenden verteilt und wärmt sie wenigstens ein bisschen auf.
Kaffee wird an die Wartenden verteilt und wärmt sie wenigstens ein bisschen auf.© dpa | Kay Nietfeld
Die Kinder leiden am meisten unter dem kalten Herbstwetter.
Die Kinder leiden am meisten unter dem kalten Herbstwetter.© dpa | Kay Nietfeld
Kontakt halten mit Familie und Freunden ist für die geflüchteten Menschen wichtig.
Kontakt halten mit Familie und Freunden ist für die geflüchteten Menschen wichtig.© dpa | Kay Nietfeld
Diese Mutter wärmt notdürftig ihre Kinder, die Kleinen weinen.
Diese Mutter wärmt notdürftig ihre Kinder, die Kleinen weinen.© dpa | Kay Nietfeld
Der Winter ist in Berlin nicht mehr fern. Dann wird die Not noch größer sein.
Der Winter ist in Berlin nicht mehr fern. Dann wird die Not noch größer sein.© dpa | Kay Nietfeld

An der Spitze einer Behörde muss jemand stehen, der die notwendigen Strukturveränderungen aktiv mitentwickelt und mitträgt und nicht Skepsis verbreitet oder gar querschießt. Jemand, der die Missstände erkennt und vehement Verbesserungen einfordert und nicht weitgehend tatenlos zusieht.

Neues Flüchtlingsamt längst nicht arbeitsbereit

Der Zeitpunkt für einen Wechsel an der Spitze mag angesichts der überbordenden Probleme im Lageso ungünstig sein. Aber letztlich wäre es ungünstiger, noch monatelang zu warten.

Bis das neue Flüchtlingsamt seine Arbeit aufnehmen kann, ist es, selbst wohlwollend gerechnet, vermutlich Juni. Müller wollte nicht mehr warten – und hat damit den Rücktritt des Präsidenten erzwungen.

Flüchtlinge am Lageso
Flüchtlinge am Lageso© Massimo Rodari | Massimo Rodari

Ein Schritt, den viele Beobachter von Allert nicht erwartet hätten. Denn der ist kein politischer Beamter. Ihn zu entlassen oder gegen seinen Willen zu versetzen, ist rechtlich schwer, manche sagen sogar unmöglich.

Veränderungen am Lageso kosten Zeit

Ob die Entwicklung Mario Czaja hilft, ist fraglich. Am Lageso müssen viele Prozesse verändert werden, das kostet allerdings Zeit. Zusätzliches Personal ist bewilligt, doch es muss rekrutiert und eingearbeitet werden.

Die Gesundheitskarte für Asylbewerber soll nun endlich kommen, aber erst im Januar. Ein neues Auszahlungssystem für Taschengeld und Sozialhilfe wird vorbereitet, ist aber noch nicht startklar. Strukturelle Verbesserungen werden also nicht von heute auf morgen greifen.

Überraschungen sind nicht ausgeschlossen

Hat der Regierende Bürgermeister die Geduld, das abzuwarten? Oder erhöht er jetzt den Druck auf den Sozialsenator? Und was tut Mario Czaja dann? Wie reagiert seine Partei? Bislang scheint gesetzt, dass Müller die Koalition nicht platzen lassen will. Doch Überraschungen sind in dieser Regierung nicht ausgeschlossen.