Kommentar

Warum es dem IS gar nicht um unseren Lebensstil geht

Den Terroristen geht es um Rache, nicht aber um einen Kulturkampf, meint Ulrich Kraetzer. Ihre Taktik ist perfide.

Bewaffnete IS-Anhänger in einem Propaganda-Video

Bewaffnete IS-Anhänger in einem Propaganda-Video

Foto: dpa Picture-Alliance / ABACA / picture alliance / abaca

Wenn die Welt aus den Fugen zu geraten scheint und das scheinbar Selbstverständliche, unsere Sicherheit, nicht mehr als selbstverständlich gelten kann, wenn Gesellschaften also angesichts einer kaum kontrollierbaren Aggression von außen ihre Orientierung zu verlieren drohen, dann sehnen wir uns nach Gesten der Einigkeit, nach Zusammenhalt und nach klaren Aussagen. Das ist verständlich – und so dürften es viele als wohltuend empfunden haben, dass sich die meisten Politiker und Medien bei der Bewertung der grausamen Anschläge von Paris weitgehend einig waren.

Sie waren demnach ein Angriff auf uns alle, auf die westliche Welt, ein Angriff auf unsere Werte, unseren Lebensstil, auf unsere Freiheit. Diese Analyse schweißt zusammen und ist ein starkes Zeichen der Solidarität, die Frankreich als unser engster Verbündeter mehr als verdient hat.

Dennoch: Eine Woche nach den Terroranschlägen in Paris ist es Zeit innezuhalten, die Emotionen zurückzunehmen und sich beim Versuch einer Analyse nicht davon leiten zu lassen, mit welchen Worten die verletzten Seelen der Europäer wieder zu reparieren sind. Um wirkungsvolle und angemessene Antworten auf den Terror zu finden, gilt es vielmehr, mit nüchternem Blick zu prüfen, ob die Einschätzungen der ersten Tage zutreffend sind.

Um es vorwegzunehmen: Sie sind es nicht. Denn die Mörder von Paris mordeten nicht, um uns unsere Freiheit zu nehmen, unsere säkulare Gesellschaftsordnung zu beseitigen oder uns unseren Lebensstil zu nehmen.

Vor Paris-Anschlag 40 Menschen in Beirut erschossen

Ein Blick auf die Liste der jüngsten Angriffsziele des IS lässt für die These eines Angriffs auf die vermeintlich sündhafte westliche Welt keinen Platz. So erschossen die Schergen des selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi nur einen Tag, bevor sie in Paris losschlugen, mehr als 40 Menschen in Beirut. Zuvor töteten Selbstmordattentäter mehr als 100 Menschen in der türkischen Hauptstadt Ankara und ließen, so der jetzige Stand, ein russisches Passagierflugzeug über dem Sinai explodieren. Libanon, Türkei, Russland – eine Achse westlicher Lasterhaftigkeit und demokratisch-gottloser Dekadenz ist das sicher nicht.

Mit Frankreich verbindet diese Länder vielmehr eine andere Gemeinsamkeit. Sie kämpfen an vorderster Front gegen den IS. Nein, dem IS geht es nicht um einen mit militärischen Mitteln ausgetragenen globalen Kulturkampf. Es geht um Rache und Vergeltung. So einfach ist das – und so sinnlos und brutal.

Mit den Angriffen gegen die Zivilbevölkerung sollen die Massen in Frankreich und anderswo zudem dazu gebracht werden, sich dem Anti-IS-Kampf ihrer Regierungen zu widersetzen. Ob dieses Kalkül aufgeht, darf man getrost bezweifeln. Neu ist es jedenfalls nicht. Man kannte es von al-Qaida.

Die Taktik von Osama bin Laden lässt grüßen

Ein weiteres Ziel hat der IS erst kürzlich in seinem Propagandamagazin „Dabiq“ benannt. Auch hier lässt die Taktik des einstigen al-Qaida-Führers Osama bin Laden grüßen. Der Terror und erhoffte Überreaktionen der angegriffenen Staaten sollen die Fronten zwischen Muslimen und Nichtmuslimen verhärten. Wir gegen Euch: Einen solchen Streit können nicht nur Islamisten, sondern auch „besorgte Bürger“ und sogenannte Islamkritiker befeuern.

Dem IS kann das nur recht sein. Denn wenn immer mehr ach so aufgeklärte selbst ernannte Retter des Abendlandes „den Islam“ und „die Muslime“ nicht mehr haben wollen, dann werden sich – so das Kalkül des IS – immer mehr Muslime frustriert von der Mehrheitsgesellschaft abwenden und sich den Dschihadisten anschließen.

Man mag das Kalkül der Terroristen als abenteuerlich erachten. Mit einem Angriff auf „unsere Freiheit“ und unseren Lebensstil hat es aber wenig zu tun. Die Anschläge werden durch diese Erkenntnis nicht weniger grausam. Doch wer seinen Gegner bekämpfen oder wenigstens eindämmen will, sollte zumindest seine Motive kennen – und die vom Feind ausgelegte Falle erkennen.