Die rot-schwarze Ehe in Berlin ist zerrüttet. Nach dem, was an diesem Donnerstag im Preußischen Landtag geschah, ist wohl dem letzten Beobachter klar geworden: Sozialdemokraten und Christdemokraten in Berlin sind so gut wie geschiedene Leute. Die Koalitionspartner von der CDU verweigern dem eigenen Regierenden Bürgermeister bei einer Rede zu einem zentralen Schicksalsthema der Politik jeden Applaus. Als Retourkutsche schweigen die SPD-Abgeordneten kurz darauf auch dann, als der CDU-Fraktionschef genau das Gleiche sagt, wie kurz davor sein SPD-Kollege. Ein Zweckbündnis, und mehr war es nie zwischen SPD und CDU, hat seine Gemeinsamkeiten zehn Monate vor der Wahl aufgebraucht.

Die Stimmung sei intern noch schlechter als an diesem Tag im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses, bestätigen beide Seiten unter der Hand. Denn der Ärger begann nicht erst jetzt.

In einem Kraftakt hatten SPD und CDU im Senat diese Woche den offenen Bruch vermieden und sich beim wichtigen Strukturthema auf einen Kompromiss verständigt, mit dem niemand zufrieden ist. Schon bei der Präsentation dieses Resultats war mit Händen zu greifen, wie genervt Michael Müller von seinem Koalitionspartner ist. Nicht wenige in der SPD spekulieren darauf, dass man die Umsetzung der Beschlüsse zum Gas- und Stromnetz und einer kommunalen Energiewende-Plattform lieber gleich so lange verschleppen sollte, um nach der Wahl im nächsten Herbst aus der Energiewende-Offensive ein echtes rot-grünes Projekt zu schmieden. Und wenn es nicht reicht, dann nimmt man eben die Linken mit dazu. Oder man macht gleich Rot-Rot, sollte es dafür eine Option geben.

Dass Michael Müller sich noch einmal mit Frank Henkel an einen Regierungstisch setzt, scheint jedenfalls ausgeschlossen. In der Flüchtlingsfrage, die auch die nächsten Jahre bestimmen wird, liegen SPD und CDU in Berlin einfach nicht auf einer Wellenlänge. Henkel schlug sich proaktiv und ohne Rücksicht auf die ihm bekannten Befindlichkeiten des Partners in der bundespolitischen Frage einer Einschränkung des Familiennachzugs für Syrer auf die Seite der Hardliner. Das spricht nicht dafür, dass der Innensenator große Hoffnungen auf eine Fortsetzung von Rot-Schwarz in Berlin setzt. Die Bedeutung von Abschiebungen zu betonen, nachdem Müller gerade gemahnt hatte, dieses Instrument nicht als Allheilmittel zu verkaufen und richtig einzuordnen, ist ein weiteres Indiz: Hier hat einer den Glauben an eine gemeinsame Zukunft im Senat verloren.

Dass Henkel an diesem wichtigen Tag für die Stadt nicht im Parlament war, sieht aus wie eine Flucht. Was er so Wichtiges bei der Konferenz der Sportminister in Köln zu diskutieren hatte, konnten seine Leute jedenfalls am Donnerstag nicht erklären. Vielleicht ging es ihm auch darum, eine Eskalation zu vermeiden, um nicht den vorzeitigen Bruch des Bündnisses zu riskieren. Wäre er da gewesen, hätte er womöglich öffentliche Widerworte geben müssen, nachdem Müller den Koalitionspartner zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate scharf angegangen war. Schon Müllers Rede zur Homo-Ehe im Sommer hatten viele CDU-Leute als Affront empfunden, der zwischen Koalitionspartnern nicht vorkommen sollte.

Aber auch unter Sozialdemokraten löste die forsche Attacke des Regierenden Bürgermeisters Nachdenklichkeit aus. Was ist der nächste Schritt, fragen sich viele. Ein Koalitionsbruch wegen der sensiblen Flüchtlingsfrage zehn Monate vor der Wahl scheint allem Zwist zum Trotz nicht vermittelbar. Und so wird Rot-Schwarz noch die letzten Haushaltsmillionen verteilen und danach in den Wahlkampfmodus schalten. Gleichzeitig muss der Flüchtlingszuzug viel besser gemanagt werden. Nach seiner ehrlichen, fordernden Rede ist klar: Künftig sind die Flüchtlinge vor allem das Problem Müllers und seiner SPD. Der Regierende geht damit ein hohes politisches Risiko ein.