Ach, das ist in Berlin? – Zugegeben, das habe ich mich gefragt, als ich die ersten Elendsbilder von der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Moabit sah. Männer, dicht gedrängt hinter Absperrgittern. Verschüchterte Mütter. Weinende Kinder. Die Aufnahmen erinnerten an die Flüchtlingslager am Mittelmeer oder die Grenze Ungarns. Aber: Ja, dieses Chaos war in Berlin. Und nun, zwei Monate später, ist es nur noch schlimmer geworden. Ich verstehe es nicht.

Menschen, die wochenlang auf der Flucht waren, tage- und wochenlang lang anstehen zu lassen für eine Wartenummer – das ist kein sehr würdiger Willkommensakt. Andererseits könnte man einwenden: Wie hätten wir vorbereitet sein sollen auf diesen Ansturm?

Ja, wie? Inzwischen ist es zwei Monate her, dass diese Bilder aus Moabit an die Öffentlichkeit drangen. Davon, wie Menschen, die bei uns Schutz suchen, wochenlang unter freiem Himmel auf Wartenummern warten müssen, unter unwürdigsten Bedingungen. Woche für Woche mehrte sich das Chaos, es gab keine Toiletten, nichts zu essen und trotz Hochsommer nicht mal Wasser. Dafür aber immer längere Wartezeiten.

Seit Wochen hören wir andererseits auch Erfolgsmeldungen. Ja, es gibt jetzt zwei Toilettenwagen auf dem Gelände. Ja, die Wasserbetriebe spenden kostenlos Trinkwasser. Und sogar Essen wird auf Landeskosten geliefert. Allerdings müssen Freiwillige es verteilen. Schließlich war man so freundlich, die aufgerufenen Wartenummern der Anträge auf einer Leuchttafel anzuzeigen, im Freien, damit die Menschen es auch mitbekamen, wenn sie vorgelassen wurden. Seit dieser Woche verstärken außerdem 15 Soldaten die Arbeit der Beamten, die mit der Bearbeitung der Anträge seit Wochen am Limit sind.

Die Lage wird weiter eskalieren

Was in den Meldungen nicht stand: All das passiert immer nur, wenn Helfer und Medien auf die Missstände aufmerksam machen. Auch die neueste Meldung kam so zustande. Tische und Bänke für zwei große Zelte auf dem Gelände, die allerdings schon letzte Woche dort standen. Mehr Wachleute und Polizisten sollen für Ordnung sorgen – jetzt, nachdem es inzwischen fast täglich zu Rangeleien und Gewalt kam. Warum nicht vorher?

Ich verstehe es nicht. Es ist, als ob selbst die Verantwortlichen die Bilder und Meldungen vom Lageso mit demselben ungläubigen Gefühl wahrnehmen wie ich damals: Ach, das ist bei uns? Und die Lage eskaliert weiter, das ist abzusehen. Denn ein simpler Grund für die Wut der Wartenden ist die mangelnde Information. Zwar arbeitet im Innern des Lageso eine Abteilung für Kommunikation, doch die spricht nur Deutsch und nur mit den Medien. Informationen an die wartende Menge kommen meist nur von den Wachleuten. Deren schwierige Aufgabe es eigentlich ist, das Gedränge in Schach zu halten. Sie sind aber auch die Einzigen am Platz, die Arabisch sprechen, Farsi, Paschtu, Urdu oder auch Serbokroatisch. Deshalb liegt es bei ihnen, die tausend Fragen der Flüchtlinge zu beantworten. Und das Behördenchaos zu erklären, das inzwischen niemand mehr versteht.

Kann es sein, dass Berlin die Flüchtlingsversorgung privaten Wachleuten überlassen muss, freiwilligen Helfern, ehrenamtlichen Ärzten? Oder den Busfahren, die am Lageso Abend für Abend verzweifelt versuchen zu erklären, dass der nächste Bus in die Notunterkunft gleich kommt? Ich verstehe es nicht.

Wenn am Wochenende das Olympiastadion ausverkauft ist, gelingt es Berlin, bis zu 70.000 Fans binnen kurzer Zeit durch die Stadt zu dirigieren. Zu Großveranstaltungen wie dem Marathon werden an jeder Ecke Wasser und Müsliriegel verteilt, damit bloß niemand umkippt. Am Lageso sind es täglich nur einige Hundert Menschen, die Hilfe brauchen. Werden es mehr? Woher soll man das wissen? Ein Blick in die Abendnachrichten genügt, um der Tatsache ins Auge zu sehen: Ja, es werden noch viel mehr. In Europa, Deutschland und Berlin. Lässt sich das wirklich nicht organisieren? Ich verstehe es nicht.