Die Streiks der Tänzer des Staatsballetts hat in Berlin viele ratlos gemacht. Warum nur verweigern sich ausgerechnet jene Künstler, die für das Schöne im Kulturbetrieb zuständig sind? Zuständig für den Spitzentanz, für Schwäne, Prinzen und große Gefühle. Acht Vorstellungen in den drei Opernhäusern fielen aus, das Publikum stand verärgert vor verschlossenen Türen, und das Staatsballett hatte Hunderttausende Euro Verlust zu verbuchen. Inzwischen wissen wir, dass noch kein Ende der Konfrontationen in Sicht ist. Der Ballettvorstand ist unbemerkt zurückgetreten, weil er sich nicht weiter in die Verhandlungen hineinziehen lassen will. Seit Monaten geht es um einen neuen Haustarifvertrag. Die Streiks werden weitergehen. Das ist das Recht der Tänzer.

Das Verrückte ist, eigentlich sind sich alle Beteiligten darüber einig, dass sich für die Spitzentänzer etwas verändern muss. Der neue Tarifvertrag könnte längst ausverhandelt sein. Aber in der Berliner Opernstiftung, zu der das Staatsballett gehört, ist es etwas durcheinander geraten. Normalerweise tanzen Tänzer, führen Geschäftsführer und fordern Gewerkschaften. Es herrscht Uneinigkeit darüber, welche Gewerkschaft den Vertrag unterzeichnen darf. Die Tänzer haben sich mit großer Mehrheit für Verdi entschieden. Die starke Gewerkschaft will Verhandlungen erzwingen, um die Berliner Tänzer vom geltenden Flächentarifvertrag in einen eigenen Haustarifvertrag zu überführen. Darin geht es um eine nachvollziehbare Gagenstaffelung, Arbeitszeit, Ruhezeit, Gastierurlaub und vor allem Gesundheitsschutz.

Die Opernstiftung will sich aber nicht mit Verdi an den Verhandlungstisch setzen. Für die rund 800 Künstler des Opernimperiums sind zwei kleinere Künstlergewerkschaften zuständig. Davon will man für die 80 Tänzer nicht abgehen. Ausgerechnet diesen Gewerkschaften vertrauen die Tänzer nicht, weil es in der Vergangenheit kein gutes Miteinander gab. Und so setzen sich die Verhandlungspartner weiterhin gegenseitig unter Druck. Es kostet das Vertrauen der verunsicherten Tänzer. Gute Verhandlungen können nur stattfinden, wenn alle begreifen, dass die Tänzer mit Gefühl streiken. Was, zugegeben, tarifrechtlich nur schwer zu verstehen ist.