Man weiß noch nicht so richtig viel. Doch die wenigen Fakten reichen aus, um zu ermessen, dass die letzten Stunden der 71 Menschen in dem in Österreich abgestellten Lkw unfassbar grausam gewesen sein müssen. Unerträglich wird das Unglück, wenn man weiß, dass auch Kinder unter den Toten sind. Drei Jungs und ein Mädchen, das vielleicht gerade mal zwei Jahre alt war. Die 71 Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um Frieden zu finden. Syrische Papiere sind unter den Fundstücken, was müssen diese Menschen erlebt haben? Und jetzt endet alles auf einer Ladefläche in einer Pannenbucht.

Oder vielleicht schon früher. Noch auf dem Weg nach Österreich auf der sogenannten Balkanroute. Während die Schleuser den Wagen fuhren und ignoriert haben müssen, was hinter ihnen passierte. Haben sie die Schreie nicht gehört oder das Klopfen? Sind sie mehrere Stunden oder gar Tage durchgefahren, um das Geschäft möglichst schnell abzuschließen? Hatten sie gar den Auftrag, niemals anzuhalten? Konnten sie das Risiko für die Menschen in ihrem Wagen vielleicht nicht einschätzen, waren sie zu dumm, um zu verstehen, dass ein luftdichter Kühlwagen keine Klimaanlage wie ein Reisebus hat?

Zum jetzigen Stand gibt es keine Entschuldigung, welche den Tod der Menschen erklären könnte. Außer dem Versagen, dem skrupellosen, mörderischen Verhalten der Schleuser und ihrer Netzwerke. Versagen, weil bei ihnen alles Menschliche ausgesetzt haben muss. Skrupellos sind sie, weil sie offenbar nur ihr Geschäft gesehen haben, nicht, dass es sich dabei um Menschen handelt, die bei zu wenig Luft ersticken.

Die EU muss jetzt alles dafür tun, dass so etwas nicht noch einmal passiert, viel zu lange wurde zu wenig gegen die Schleuserbanden getan. 800.000 Flüchtlinge sollen 2015 allein Deutschland erreichen. Helfen wir ihnen, sicher hier anzukommen.

Mag sein, dass es viele Schleuser gibt, die mit ihrer Arbeit helfen wollen. Die die Bezeichnung Fluchthelfer verdienen und denen man unter bestimmten Bedingungen dankbar sein kann.

Nach Paragraf 96 des deutschen Aufenthaltsgesetzes macht sich strafbar, wer einem anderen hilft, unerlaubt nach Deutschland einzureisen. Allein für die Mitgliedschaft in einer Bande kann es zehn Jahre Gefängnis geben. Und wer dabei den Tod eines Flüchtlings verursacht, wird „mit einer Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren bestraft“. Doch die Gesetze schrecken die Schleuser nicht, die Nachfrage ist hoch und das damit verbundene Geschäft zu lukrativ.

Die EU muss ihren Militäreinsatz ausweiten

Umso wichtiger ist es, den EU-Militäreinsatz gegen Schleuser im Mittelmeer auszuweiten. Denn seit Beginn des Jahres haben nach UN-Angaben 300.000 Flüchtlinge den Weg über das Meer nach Europa genommen. 2500 Menschen sind dabei gestorben.

Und es ist auch verständlich, wenn Ungarns Botschafter in Deutschland eine engere Zusammenarbeit in Europa anmahnt und effektivere Grenzkontrollen fordert. Wer jetzt allerdings wieder Grenzzäune zwischen Ländern ziehen will, um so den Flüchtlingsstrom aufzuhalten, der verabschiedet sich erstens vom Gedanken der europäischen Gemeinschaft, und zweitens löst er das Problem damit nicht.

Alle künftigen Maßnahmen müssen dazu führen, die kriminellen Schleuserbanden zu fassen und das Risiko für die Flüchtlinge zu minimieren. Zäune und Grenzen sind die Geschäftsgrundlage für Schleuser. Warum entziehen wir ihnen nicht einen Großteil ihres mitunter tödlichen Marktes, indem Flüchtlinge ihre Asylgründe nicht erst an deutschen Grenzen, sondern auch außerhalb des Landes bei deutschen Stellen vorbringen können? Und sichern für viele so eine legale Einreise? Das ist ein aktueller Vorschlag der Gewerkschaft der Polizei. Ein durchaus pragmatischer.

Vielleicht kann so eine Maßnahme helfen, den Schleusern das skrupellose Handwerk zu legen. Das bringt die 71 Menschen nicht mehr zurück, aber es rettet vielleicht in Zukunft Leben.