Anita und Norbert Tillmann sind die Inhaber und Geschäftsführer der Modefachmesse Premium, die vom 29. und 31. Januar im ehemaligen Postgüterbahnhof am Gleisdreieck stattfindet. Alexandra Maschewski sprach mit ihnen über die 13. Auflage ihrer Messe, die drohende Wirtschaftskrise und ihre Vision für die Modestadt Berlin.

Morgenpost Online: Die Stimmung hier wirkt sehr entspannt, sehen Sie mit Zuversicht auf die kommende Mercedes-Benz Fashion Week?

Anita Tillmann: Auf jeden Fall. Was unsere eigene Veranstaltung angeht, so vereint die Premium erneut ein sensationelles Portfolio. Alle relevanten Marken sind vertreten. Das erforderliche Quantum Innovation ist auch vorhanden: die "Green Area" besteht weiterhin, wir haben einen neuen Bereich mit Accessoires und zeigen im neuen ,Gästezimmer' ausgewählte Kollektionen, die gut in den Messe-Kontext passen. Die Kooperation mit allen, die in die Mercedes-Benz Fashion Week involviert sind, funktioniert immer besser. Interessant ist: Alle, die einmal gesagt haben, Berlin sei tot, sagen jetzt ,Berlin is the place to be'. Hier ist das Leben echt und authentisch. Alles, was man in Trendbüchern findet, gibt es hier.

Morgenpost Online: Sie haben 2007 die Halle, in der die Premium stattfindet, gekauft, um dort auch andere Events stattfinden zu lassen - sind Sie zufrieden mit der Auslastung?

Norbert Tillmann: Die Auslastung lag über unseren Erwartungen, sodass wir überlegen, die Location noch auszuweiten, denn 2009 scheint sogar noch besser zu werden. Dabei machen wir eigentlich gar keine Werbung. 2008 hatten wir ungefähr 15 Großveranstaltungen auf dem Gelände, dazu kamen noch Workshops, Schulungen, Besprechungen - manchmal drei oder vier parallel. Viele Veranstalter suchen nach etwas, das Berlin verkörpert und das tut dieses Gelände, denn es ist gewachsen und nicht so emotionslos, wie eine neue Halle es wäre.

Morgenpost Online: Hört sich nicht nach Angst vor der drohenden Krise an.

Norbert Tillmann: Gerade durch unsere Event-Location, die verschiedenste Branchen buchen, haben wir einen guten Überblick. In solchen Zeiten muss sich die Industrie noch mehr bewegen und Werbung machen, um keine Rückgänge zu verzeichnen. Ich war gerade in Florenz zur Messe "Pitti Uomo" - die Messe war genauso voll wie immer, und erstaunlicherweise war die Stimmung sogar noch besser. Dafür waren weniger Touristen in Florenz.

Anita Tillmann: In solchen Zeiten ist das Bedürfnis nach Information und Austausch besonders groß. Natürlich wird eine Marktbereinigung im Bereich Handel und Industrie stattfinden. Es wird Gewinner und Verlierer geben, und wir haben nicht vor, zu den Verlierern zu gehören.

Morgenpost Online: Warum sind Sie da so zuversichtlich?

Anita Tillmann: Berlin befindet sich gewissermaßen in der Dauerrezession. Man versteht sich darauf, mit nichts alles zu schaffen. Deshalb wird es die Menschen hier mental nicht so stark treffen. Im Gegenteil: die Stadt ist so kreativ und so günstig, dass sie noch mehr Leute anziehen wird. Wir tun einfach das, was wir am besten können: rund um die Uhr arbeiten.

Morgenpost Online: Wie gefällt Ihnen der Schauenplan in diesem Januar?

Anita Tillmann: Michalsky, Boss, Joop - das sind alles große Zugpferde, und man muss einmal mehr Dankeschön sagen, dass sie zu Berlin stehen. Aber auch handelsrelevante Marken wie Schumacher sind enorm wichtig. Das Label ist ein Symbol für deutsche Damenkollektionen, und dass es hier gezeigt wird, ist ein klares Statement für die Stadt. Dazu noch junge deutsche Designer und so bedeutende Namen wie Bernhard Willhelm - eine große Bandbreite, die sehr vorzeigbar ist. Bernhard und Dirk Schönberger, Creative Director von Joop, haben schon 2003 ihre eigenen Labels bei uns auf der Premium gezeigt. Damals konnten sie sich noch nicht vorstellen, dass Berlin sich so entwickeln würde. Unsere Vision von Berlin war für sie nicht greifbar.

Morgenpost Online: Welche Designer wären Wunschkandidaten für Sie?

Anita Tillmann: Ein Name wie Wolfgang Joop mit seinem Label Wunderkind würde uns natürlich stolz machen, aber er zeigt in Paris, weil dort Prêt-à-porter zu Hause ist und der Termin passt. Aber Wolfgang glaubt trotzdem an die Stadt, hat immerhin zwei Läden hier. Warum nicht auch ein Raf Simons für Jil Sander oder Marken wie Aigner, Rena Lange und Escada? Es gibt so viele weitere große deutsche Unternehmen wie Marc O'Polo, St. Emile, René Lezard oder Marc Cain - hier ist für alle Platz.

Morgenpost Online: Wie wichtig sind die Jungdesigner?

Anita Tillmann: Ein unbeschreiblicher Wert für die Stadt, denn das hat sonst keine. Man muss behutsam mit diesem Kapital umgehen.

Norbert Tillmann: Es ist wunderbar, dass P & C nun einen Nachwuchspreis vergibt, nachdem Karstadt kurzfristig ausgestiegen ist. Ein gutes Zeichen, dass die Branche Verantwortung übernimmt.

Morgenpost Online: Ärgert es Sie, wenn junge Labels ihre Mode lieber in anderen Ländern zeigen?

Anita Tillmann: Nein, denn sie müssen Erfahrungen sammeln. Viele sind der Meinung, dass Internationalität zählt, da zeigen sie lieber in London auf einer U-Bahn-Toilette. Aber sie kommen alle wieder, denn hier gibt es auch noch die nötige Unterstützung. Der Nachname Berlin macht nun einmal viel aus.

Morgenpost Online: Es gibt Stimmen, die in Berlin noch das Fehlen von festen Showrooms bemängeln, in denen Kollektionen geordert werden können.

Norbert Tillmann: Man muss genau beobachten: Boss zum Beispiel hat verschiedene Showrooms in Deutschland geschlossen, doch der im Osthafen ist offen geblieben. Gerade dort siedeln sich auch immer mehr andere Firmen an. Der Trend geht nach Berlin, und das merkt man, selbst wenn diese Entwicklung ein wenig Zeit braucht. Das ist auch eine Generationsfrage - die Jungen lieben Berlin. Je besser die Fashion Week läuft, desto mehr Showrooms kommen auch.

Anita Tillmann: Wir selbst haben eigene Order-Veranstaltungen in München und Düsseldorf, planen ab Sommer noch eine weitere für den Bereich Nord-Ost. Von immenser Wichtigkeit ist aber die Messe selbst, denn dort bekommt man schnell alle wichtigen Informationen.

Norbert Tillmann: Und da sie so früh stattfindet, können Händler hier schon Wünsche anmelden, die später vielleicht nicht mehr berücksichtigt werden können. Als wir die Premium gründeten, haben wir zuerst nach einem so frühen Datum gesucht - und dazu glücklicherweise noch die richtige Stadt gefunden. Berlin ist mittlerweile die relevanteste Stadt für den Einzelhandel in Europa, denn sie liegt nun einmal mittendrin.

Morgenpost Online: Wie nachhaltig profitiert Berlins Wirtschaft von der Fashion Week?

Norbert Tillmann: Allein wir haben mit der Premium und unserer Event-Location mit Sicherheit 60 bis 80 feste Arbeitsplätze geschaffen, wenn man auch die Zulieferer dazurechnet.

Anita Tillmann: Wir arbeiten nur mit Berliner Unternehmen zusammen, weil wir ganzheitlich denken.

Morgenpost Online: Was sagen Sie jenen, die meinen, die Fashion Week entwickle sich nicht schnell genug?

Anita Tillmann: Wir haben in der kurzen Zeit schon wahnsinnig viel erreicht, und das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht. Am Ende kommen doch alle zu uns, auch die Nörgler.

Morgenpost Online: Auch Karl-Heinz Müller, Chef der Messe Bread & Butter, hat den Standort nach seinem Weggang nach Barcelona kritisiert. Jetzt will er zurückkommen.

Norbert Tillmann: Die große Gefahr ist, dass er sich wieder nur kurzfristig engagieren will. Das würde Berlin sehr schaden. Wichtig ist ein ergänzendes Konzept, das auch glaubwürdig ist.