Tätowierungen

Wenn Eltern ihre Kinder für immer auf der Haut tragen

Ein Babyfoto auf dem Schreibtisch war gestern: Warum Eltern sich Namen und Porträts ihrer Kinder als Tattoo auf den Körper stechen lassen.

Noch ist es Luis ziemlich egal, was da auf dem Arm seines Vaters steht. Viel interessanter ist dieses kleine Ding, das so merkwürdig surrt und Farbe auf Papas Arm verteilt. Das würde er sehr gern genauer untersuchen, wenn man ihn nur lassen würde. Aber ärgerlicherweise kommt er einfach nicht vorwärts, obwohl er mit seinen fast neun Monaten schon wirklich schnell krabbeln kann.

Alex Hoffmann hat seinen kleinen Sohn fest im Griff, damit der eben nicht an die Nadel kommt. Eigentlich hat er auf der Liege im Tätowierstudio ja auch gar nichts zu suchen, Tätowierer Ole Dobis lässt Luis nur für das Foto auf seinem Vater herumkrabbeln. Auf dem Bild darf Luis schließlich nicht fehlen, denn bei dem Schriftzug auf dem Arm geht es um ihn.

Im Mai 2012 ist Luis geboren, und seit Januar trägt sein Vater Name und Geburtsdatum auf dem Arm, schwarze Buchstaben in der Schrift „Old English“, darunter das Geburtsdatum. Eigentlich habe er sich seit vielen Jahren tätowieren lassen wollen, sagt Alex Hoffmann. Aber er konnte sich nie für ein Motiv entscheiden: „Nur weil ich jetzt etwas schön finde, heißt das ja nicht, dass ich es in 30 Jahren immer noch mag.“

Dann kam Luis’ großer Bruder Timo auf die Welt, und für Vater Alex war plötzlich alles klar: „Der Name meines Kindes wird für mich immer eine Bedeutung haben.“ Timos Name kam auf den rechten Oberarm, Luis landete jetzt auf dem linken, und mehr Kinder seien ohnehin nicht geplant, versichert der 27-Jährige.

Dobermann auf der Brust

Eltern, die sich den Namen ihres Kindes tätowieren lassen, habe es immer gegeben, sagt Tätowierer Ole Dobis, der seit fast 25 Jahren als Tätowierer arbeitet, seit 2007 in seinem eigenen Studio „Hauptstadt-Tattoo“ in Charlottenburg. Aber weil sich immer mehr, vor allem jüngere Menschen für eine Tätowierung entscheiden, gibt es auch immer mehr Eltern, die ihr eigenes Kind auf ihrem Körper verewigen wollen. Immerhin war laut einer Umfrage für die „Bild am Sonntag“ im Sommer 2012 jeder vierte 30- bis 39-Jährige in Deutschland tätowiert.

Dirk Hofmeister beobachtet die Szene seit Jahren. Der Diplom-Psychologe forscht in der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Uni Leipzig unter anderem zum Thema Tätowierungen und bestätigt, dass sich immer mehr mehr Eltern den Namen ihres Kindes tätowieren lassen. Dafür gebe es zwei Gründe, sagt er: „Zum einen ist die Beziehung zum eigenen Kind etwas ganz Besonderes.

Die Liebe hält ein Leben lang, und das will man auch nach außen dokumentieren. Früher hat man deshalb ein Foto des Kindes auf den Schreibtisch im Büro gestellt. Jetzt sagt man: Ich zeige ein Leben lang etwas von meinem Kind auf meinem Körper.“ Zum anderen gebe es bei Tätowierungen eine „starke Individualisierung“. In den 1990er Jahren seien Tribals besonders gefragt gewesen, die an Stammestätowierungen aus der Südsee erinnerten, erklärt er.

Inzwischen würden ganz persönliche Motive favorisiert, und da liege es natürlich auf der Hand, sich für ein Motiv aus dem engsten Umfeld zu entscheiden. „Übrigens muss das nicht unbedingt das Kind sein“, sagt Hofmeister: „Kürzlich habe ich einen Mann getroffen, der hat sich ein Bild seines Dobermanns auf die Brust tätowieren lassen.“

Lotti im „Püppi-Style“

Ein Bild dessen, was man am meisten liebt. Für Christiane Albrecht ist das ihre Tochter Liselotte, dreieinhalb Jahre alt, genannt Lotti. „Es war schon immer so ein Traum, mir meine Kleine tätowieren zu lassen“, sagt sie. Zum 30. Geburtstag legten Freunde zusammen und schenkten der BWL-Studentin einen Gutschein für das Studio „Glorious Ink“ in Prenzlauer Berg. „Meine Freundin hatte sich umgehört, das Studio hat einen guten Ruf“, erklärt die Mutter die Entscheidung.

Christiane Albrecht suchte ein Foto heraus, auf dem ihr Liselotte besonders gut gefiel: Die damals Zweijährige hatte gerade einen Osterhasen verspeist und guckte schokoladenverschmiert und glücklich aus ihren großen blauen Augen in die Kamera. Daraus machte Tätowiererin Christin einen Entwurf, eine Mischung aus Porträt und ,Püppi-Style’“, wie Christiane Albrecht das Motiv beschreibt, das mit den langen Wimpern und dem Schmetterling an asiatische Comics erinnert: „Da ist Lotti drin mit ihren blauen Augen und den Seitenzöpfchen. Aber ohne die Schokolade.“

Es folgten Diskussionen mit ihrem Freund über den richtigen Platz für das Tattoo. Sie war für den Rücken, er dagegen. Wieso, weiß sie gar nicht mehr so genau. Im November 2012 lag sie schließlich auf der Liege im Studio, um sich Liselotte auf den rechten Oberschenkel tätowieren zu lassen. Zweieinhalb Stunden dauerte der erste Termin, eineinhalb der zweite, bei dem das Bild ausgemalt wurde.

Und es tat weh, sagt Christiane Albrecht: „Oh ja – ich kann gar nicht sagen, was schmerzhafter war: die Entbindung oder das Tätowieren.“ Aber weil man sich, so versichert sie, weder nach der Geburt noch nach der Tätowierung so richtig daran erinnern könne, wie sehr es wehtat, will die inzwischen 31-Jährige beides noch mal: „Es kommt auf alle Fälle noch ein zweites Kind“, kündigt sie an, und Platz für ein zweites Tattoo sei auf dem linken Bein. „Es gehen auch noch mehr“, findet sie: Sie könne sich ja auch die Innenseite der Oberschenkel tätowieren lassen.

Erste Tätowierung Ende der 90er-Jahre

Liselottes Porträt auf dem Bein hat eine ganz besondere Bedeutung für Christiane Albrecht. Die Erinnerung an ihre erste Tätowierung Ende der 90er-Jahre wischt sie mit einer Handbewegung beiseite - „das typische Arschgeweih, was jeder hat“, sagt sie und will nicht weiter darüber reden. Ein paar Jahre später kam noch ein Tribal dazu, auf der Hüfte. Aber das Porträt sei etwas anderes: „Jetzt kommt Lotti immer mit mir mit“, sagt sie, „egal wohin ich gehe.“

Jede Menge Komplimente hat es ihr auch schon eingebracht. „Ich kenne keinen, der es nicht toll findet“, sagt sie und lacht: „Oder sie haben sich nicht getraut, es zu sagen.“ Liselotte jedenfalls umarmt ihr Ebenbild auf Mamas rechtem Bein begeistert. Christianes Eltern gefällt ihr Enkelkind in Tattoo-Tinte ebenfalls gut.

„Mein Vater würde sich am liebsten auch noch so eine Tätowierung machen lassen“, sagt Christiane Albrecht, „aber meine Mutter findet ihn zu alt dafür.“ Zweifel daran, ob Lottis Bild auch auf 20 Jahre älterer Haut noch gut aussieht, kennt Christiane Albrecht nicht. „Ganz im Gegenteil“, sagt sie: „Neulich habe ich einen Besenreiser entdeckt und dachte: Über so etwas lass’ ich einfach drüber tätowieren.“

„Eher Mittelschicht als sozial Schwache“

In Christiane Albrechts Freundeskreis ist eine Tätowierung nichts Ungewöhnliches. Auch viele ihrer Kommilitonen an der Uni sind tätowiert. Dass Tätowierungen „typisch Unterschicht“ sind, gelte schon längst nicht mehr, sagt Dirk Hofmeister. „Unsere Daten zeigen ein anderes Bild: Die jüngeren Tätowierten gehören vom Einkommen eher zur Mittelschicht als zu den sozial Schwachen.“ Ein aufwendiges Tattoo koste schließlich auch viel Geld. Alex Hoffmann hat für die Namen seiner beiden Jungs je etwa 100 Euro bezahlt, Christiane Albrecht für Liselottes Porträt sogar 500 Euro.

Für ein Kindermotiv entschieden sich jedenfalls eher Mitglieder der Mittelschicht, davon ist Dirk Hofmeister überzeugt: „ Das liegt sicher auch daran, dass gerade in der Mittelschicht meist die Familie das soziale Umfeld bestimmt.“ Außerdem müsse man ja ein Kind haben, um sich eine solche Tätowierung machen zu lassen, und Ende 20, Anfang 30 sei man häufig schon eher in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

„Ich hoffe, sie findet’s cool!“

Was Luis oder Liselotte wohl später über die Tätowierungen ihrer Eltern denken? Alex Hoffmann hebt die Schultern: Er hofft, dass seine Jungs auch als Jugendliche mit den Oberarmen ihres Vaters einverstanden sind. Christiane Albrecht ist sich ziemlich sicher, dass ihre Tochter keine Kritik äußern werde: „Ich bin ja noch eine junge Mutter, wenn sie im Teenie-Alter ist. Ich hoffe, sie findet’s cool!“

Dirk Hofmeister von der Uni Leipzig ist sich nicht ganz so sicher: Bei den Jüngeren stütze das zu Ehren des Kindes angefertigte Porträt den kindlichen Narzissmus, sagt er. Ein Teenager in der Rebellionsphase dagegen werde sich sicherlich zeitweise auch davon distanzieren.

Und noch später? Macht der Nachwuchs es den Eltern vielleicht nach. Etwas verhalten reagiert Alex Hoffmann auf diesen Gedanken: „Ich impfe meinen Jungs jetzt schon ein: Oberarm und nicht weiter“, sagt er und muss über sich selbst lachen. Christiane Albrecht ist bei der Frage, ob sich Lotti später selbst tätowieren lassen darf, ebenfalls nicht ganz so entspannt wie bei den Bildern auf ihrem eigenen Körper.

„Mit 18 darf sie Autofahren“, überlegt sie, „aber ob es dann schon eine Tätowierung sein muss? Nee, ich finde, sie sollte das selbst bezahlen können. Also muss sie ja schon einen Job haben.“ Sagt sie und ist sichtlich erleichtert, dass diese Entscheidung noch lange nicht ansteht.

Wenn es dann so weit ist, folgen Luis und Lotti vielleicht einem weiteren Tätowier-Trend, den Dirk Hofmeister beobachtet: Es trügen nicht nur Eltern den Namen oder das Porträt ihres Kindes auf der Haut, erzählt er, sondern das gelte auch umgekehrt. „Immer mehr junge Erwachsene lassen sich den Namen der Eltern tätowieren“, so Hofmeister. Vor Kurzem habe er in einem Tätowierstudio eine 22-Jährige getroffen, die schon Vater und Schwester auf ihrem Körper hatte verewigen lassen. Jetzt ist ein Schiff auf dem Oberschenkel dazu gekommen: „Und auf der Flagge steht Mutti“.

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