Mode-Industrie

Yves Saint Laurent schockt mit "Porno-Chic" und Magermodels

Klapperdünne Models, entwürdigende Posen: Die neue Werbekampagne des renommierten Modehauses YSL löst einen Sturm der Empörung aus.

Werbung für Yves Saint Laurent an einem Zeitungskiosk in Paris. Die neue Kampagne sei frauenverachtend und entwürdigend, lautet der Vorwurf an das Modehaus.

Werbung für Yves Saint Laurent an einem Zeitungskiosk in Paris. Die neue Kampagne sei frauenverachtend und entwürdigend, lautet der Vorwurf an das Modehaus.

Foto: CHARLES PLATIAU / REUTERS

Paris.  Dass das Modehaus Yves Saint Laurent (YSL) mit seiner jüngsten Werbekampagne – mal wieder – für Aufsehen sorgen wollte, ist im wahrsten Sinne des Wortes unübersehbar. Die seit einigen Tagen die Pariser Litfaßsäulen schmückenden Plakate, auf denen sich junge Frauen in Netzstrumpfhosen und mit auffälligen High-Heel-Rollschuhen in lasziven Posen räkeln, erinnern fatal an Fotostrecken aus jener Sorte von Männermagazinen, die eher unter als über der Theke vertrieben werden.

Celine S. gehört zu den zahlreichen Franzosen, denen "schlicht die Spucke weggeblieben ist", als ihr Blick auf eines dieser Plakate fiel. Es zeigt ein spindeldürres Mädchen in einem knappen Body, welches sich über einen Hocker beugt und devot ihren Po nach oben reckt. Für Celine, selber in der Modebranche tätig, ist das keine Werbung, sondern "aufwendig inszenierte Pornografie".

Grund genug für die 27-Jährige, sich der unter dem Motto "Yves Saint Laurent, zieh deine entwürdigende Werbung zurück!" lancierten Gegenkampagne anzuschließen. Doch diese Gegenkampagne ist nur die Spitze eines Eisbergs von empörten Kommentaren, die sich durch die sozialen Netzwerke ziehen.

Anorexie als Markenzeichen

"Coco Chanel sagte, dass Luxus nicht das Gegenteil von Armut, sondern von Vulgarität ist", heißt es da etwa. Doch die meisten der mittlerweile zahllosen Anmerkungen fallen ungleich wütender aus. "Dekadenz, Anorexie, Submission, Dummheit – sind das die Markenzeichen von YSL?" fragt eine Frau.

Tatsächlich sind es nicht nur die unterwürfigen, von einigen sogar als "Aufruf zur Vergewaltigung" angesehenen Posen der Models, die einen Sturm des Protests ausgelöst haben. Genauso heftige Reaktionen ruft das erschreckende Untergewicht der abgebildeten Mannequins hervor.

Saint Laurent auf der Pariser Fashion Week

Etwas scheu zeigte sich der Modedesigner Anthony Vaccarello am Ende der Show am Dienstag. Kurz zuvor hatte er noch die Models im Namen der neuen Herbst/Winter Kollektion 2017/18 vom Luxus Label Saint Laurent über den recht rauen Laufsteg geschickt. Das Ambiente für eine der ersten Modenschauen im Rahmen der Paris Fashion Week wirkte, als sei hier etwas noch nicht richtig fertig geworden. Kein Wunder, denn die Show fand im Hof eines noch im Bau befindlichen Appartementblocks in Paris statt. Ein punkiger Look auch bei den Models. Verfolgt wurde die neue Mode nicht nur von Yves Saint Laurents langjährigem Partner Pierre Berge, sondern auch von der berühmten Schauspielerin Catherine Deneuve und dem Supermodel Kate Moss sowie Eva Herzigova. Das Modelabel Yves Saint Laurent wurde bereits 1961 gegründet und gilt als eins der berühmtesten Modehäuser der Welt.
Saint Laurent auf der Pariser Fashion Week

YSL sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, den Schlankheitswahn in einem Land zu befeuern, in dem an die 40.000 Mädchen und junge Frauen an Magersucht leiden. Ein Vorwurf, der durchaus ein juristisches Nachspiel haben könnte. Ende 2015 nämlich hat der französische Gesetzgeber die Anstiftung zur Magersucht als Gesundheitsgefährdung eingestuft und unter Strafe gestellt.

Provokation als Werbemittel

Weil bei den Behörden inzwischen rund 50 Beschwerden gegen die von der Frauenrechtsgruppe "Osez le féminisme" (Feminismus wagen) als "sexistisch und extrem gewalttätig" angeprangerten YSL-Kampagne eingereicht wurden, schaltete sich jetzt staatliche Werbeaufsicht ARPP ein.

Im Falle einer abwertenden oder demütigenden Darstellung von Menschen kann sie von den Verantwortlichen verlangen, die beanstandete Werbung einzustellen. In den Augen von ARPP-Chef Stéphane Martin hat YSL die geltenden Regeln "eindeutig" verletzt. Doch eine Entscheidung über ein Verbot will er erst nach einem Gespräch mit der Direktion des Modehauses fällen, das am Freitag stattfinden soll.

"Porno-Chic" – mal wieder

Es ist keineswegs das erste Mal, dass YSL die gezielte Provokation als Werbemittel einsetzt und deswegen Ärger mit den Behörden bekommt. Schon 1971 sorgte die Sommerkollektion des Hauses für einen Skandal, weil deren kurze Röcke in Kombination mit breitschultrigen Jacketts und Plateau-Schuhen allzu auffällig an die Mode zur Zeit der Nazi-Besatzung erinnerte. Für einen weiteren Skandal sorgte noch im gleichen Jahr Markengründer Yves Saint Laurent höchstpersönlich, als er sich nackt auf einem Werbefoto für das erste von ihm kreierte Herrenparfum ablichten ließ.

Auch auf den sogenannten "Porno-Chic" greift YSL nicht zum ersten Mal zurück. Bereits Anfang der 2000er Jahre sorgten Kampagnen mit kopflosen nackten Frauen in aufreizenden Posen für Wirbel, die sich als Feigenblattersatz ein Parfumflakon vor das Schambein hielten. Zur Rücknahme "anstößiger" Kampagnen aber wurde YSL bislang nur zwei Mal gezwungen, und zwar in Großbritannien. 2012 traf das Verbot ein Plakat, auf dem das mit gespreizten Beinen nackt auf dem Rücken liegende Model Sophie Dahl für das Parfum "Opium" warb; 2014 ein Modefoto mit einem besonders mageren Mannequin.

Glänzender Auftakt bei der Pariser Fashion Week

Ein Hingucker, gleich zu Beginn der Pariser Fashion Week. Anthony Vaccarello feierte am Dienstag sein Debüt als Designer bei Saint Laurent. Da durfte natürlich auch eines der Markenzeichen des Modelabels nicht fehlen: Der Smoking, hier mit hautenger Hose und Kummerbund präsentiert. Unter den Augen des langjährigen Lebensgefährten von Yves Saint Laurent, Pierre Bergé. Die Tradition des französischen Modehauses führt Vaccarello mit einer Kollektion fort, die cool und sexy daher kommt. Und - von ein paar schimmernden Ausnahmen ein mal abgesehen - fast komplett in Schwarz. Der 34-Jährige Belgier hatte den Job des Chefdesigners bei Saint Laurent im April von Hedi Slimane übernommen. Seine eigene Modelinie legte Vaccarello auf Eis, um sich ganz seiner neuen Aufgabe widmen zu können. Zum Gesicht seiner ersten Kollektion hat er das polnische Model Anja Rubik auserkoren. Vaccarellos Auftritt ist nicht das einzige Debüt auf der Fashion Week in Paris. Auch bei anderen Modehäusern hat sich das Personalkarussell der Chefdesigner gedreht, etwa bei Dior oder Lanvin. Die Schauen in der französischen Hauptstadt dauern noch bis zum 5. Oktober.
Glänzender Auftakt bei der Pariser Fashion Week
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