Einmal Meerjungfrau sein, schwerelos durchs Wasser gleiten, versunkene Schätze finden und Seemonster bekämpfen: Davon hat wohl jedes Kind einmal geträumt. Die Weiten des Ozeans kann das Stadtbad Schöneberg nicht bieten, dafür aber einen extra Bereich im Schwimmerbecken – und Sabine Schönborn. Die Mermaiding-Lehrerin hat ihren pinken Bikini mit Muscheln verziert, das blonde Haar ist blumengeschmückt, der rosa Lidschatten wasserfest.
Am Beckenrand sitzen Mädchen zwischen sieben und 13 und flüstern aufgeregt. Gleich werden sie das erste Mal im Leben zu Meerjungfrauen. Für eine Stunde. Sabine Schönborn, ausgebildete Schwimmlehrerin und Rettungsschwimmerin, entdeckte in ihrer Leipziger Schwimmschule die kindliche Begeisterung für Nixenflossen. So entstanden ihre Mermaiding-Workshops. Heute pendelt sie zwischen ihren Kursen in Leipzig und Berlin.
Mit gefesselten Füßen
Ich reihe mich am Beckenrand ein, und wir stecken uns Blumen ins Haar. Eine Meerjungfrau muss schön aussehen. Dann heißt es die Füße in die Gummiflosse zwängen. Das ist nicht so einfach. Das Schwimmgerät fühlt sich an wie normale Schwimmflossen, nur das die Füße parallel fixiert sind. Anschließend müssen beide Beine in einem Gewebeschlauch verschwinden. Zum Glück habe ich Größe L ergattert und das Material ist dehnbar. Sitzend ziehe ich den Nixenschwanz bis zum Bauchnabel und wippe dabei von rechts nach links. Ich muss an eine Presswurst denken. Die Mädchen mit ihren zur Flosse passenden Bikinioberteilen sehen irgendwie besser aus.
Zur Begrüßung wird mit dem Schwanz aufs Wasser geklatscht. Es spritzt, die Mädchen kichern. Während sie sich langsam ans Fisch-Dasein gewöhnen, soll ich fürs Foto drei Meter tief tauchen, mich drehen und lächeln. Beim ins Wasser Gleiten wollen die Füße zum Schwimmen ansetzen. Das geht aber nicht, sie sind ja durch die Flosse zusammengebunden. Schönborn erklärt, dass man die Beine wie beim Delphinschwimmen schwingt, ohne die Arme zu bewegen. Beim Tauchen fließen die Haare übers Gesicht, der Bikini rutscht, die Lunge braucht unbedingt Luft. Nicht so einfach, eine grazile Nixe zu sein.
Die kleinen Nixen sind voll konzentriert
Jetzt sind auch die Mädchen im Becken. Sie lernen abzutauchen, Spiralen zu drehen und mit Partner zu schwimmen. Die kleinen Nixen sind voll konzentriert. Nur die Füße rutschen immer wieder aus der Flosse. Aber das hält eine Meerjungfrau in der Ausbildung nicht auf. Auch ich vergesse bald, dass ich eigentlich Beine und nur eine künstliche Fischflosse habe.
Neben mir schwimmt die neunjährige Jara, wir üben zusammen. „Das ist viel besser, als ich es mir vorgestellt habe“, sprudelt Mila aufgeregt. Die Siebenjährige verschwindet fast ganz im grünen Fischschwanz. Sie ist Jaras jüngere Schwester und begeistert von Nixen und Delphinen. Mit dem Mermaiding-Kurs werde für sie ein Traum wahr, freut sich die Mutter der Mädchen, die am Beckenrand zusieht. Der Vater schwimmt mit wasserfester Videokamera mit und hält jede Bewegung der angehenden Wasserwesen fest.
Älteste Meerjungfrau war 66 Jahre alt
Sieben- bis dreizehnjährige Mädchen sind Sabine Schönborns Hauptzielgruppe. Viele sind fasziniert von ihren Idolen aus Filmen wie „H2O“. Aber auch Erwachsene schlüpfen in die Nixenflossen. „Da wird ein Kindheitstraum bei Frauen wahr. Und die Männer wollen ausprobieren, was ihre Töchter so leisten“, sagt Schönborn. Wie sich ein erwachsener Mann grazil mit Flosse und Blumen im Haar durchs Wasser schlängelt, hätte ich gerne gesehen, denke ich.
Schönborns älteste Teilnehmerin war 66 Jahre alt. „Sie wollte herausfinden, warum ihre Enkelin Meerjungfrau sein will, und war begeistert.“ Mit den dehnbaren Flossen sei für jede Körpergröße etwas dabei. „Und im Wasser ist es egal, ob man 50 oder 90 Kilogramm wiegt.“ Um mehr Jungen zu begeistern, möchte Schönborn auch Schwimmen mit Haifischflossen anbieten. Außerdem ist ein Nixen-Treffen in Berlin geplant, inklusive Misswahl und Wettkämpfen.
Klatschen aufs Wasser zum Nixengruß
Nach 60 Minuten ist der Einsteigerkurs vorbei. Wieder klatschen wir zum Nixengruß auf die Wasseroberfläche. Dann schälen wir uns aus dem Schlauch. Die Mädchen sind noch ganz aufgeregt, Charleen sieht mit großen Augen zu mir auf. „Machst du das hauptberuflich?“, fragt sie. Ich verstehe nicht. „Na, bist du hauptberuflich Meerjungfrau?“, hakt die Zehnjährige nach. Ich lache. Das klingt gar nicht so schlecht.
Mermaiding-Workshops der Berliner Bäderbetriebe: dienstags im Wellenbad am Spreewaldplatz, mittwochs im Stadtbad Schöneberg, buchbar auch für Kindergeburtstage, www.berlinerbaeder.de



