Sommersonnenwende

Berlin - die Stadt der Schlaflosen und Nachtschwärmer

Heute ist der offizielle Tag des Schlafes. Ausgerechnet am Tag mit der kürzesten Nacht des Jahres. Doch in Berlin sind alle Nächte lang.

Foto: Massimo Rodari

Wer zu lange nicht schläft, wird sterben, warnen Wissenschaftler. Der Schlaf sei das Bild des Todes, sagt Cicero. Cicero war nie in Berlin.

Berlin gilt als Stadt der Schlaflosen. Die einen feiern, als ginge es ums Überleben. Die anderen machen weiter mit dem, was sie tun, als gäbe es kein Morgen. Am heutigen Donnerstag ist der Tag des Schlafes, den Initiatoren geht es um die Bedeutung der Nachtruhe. Sie haben sich den Tag der Sommersonnenwende ausgesucht, ausgerechnet den längsten Tag des Jahres, mit der kürzesten Nacht.

Schlafforscher sagen, um diese Jahreszeit schliefen viele Menschen besonders wenig – vor allem in der Stadt. Sie ignorieren alle Schlafphasen, egal, welcher Tag ist. Aber was machen sie, wenn sie nicht ins Bett gehen?

22.10 Uhr: Kreuzberger Picknick Ein Gewitter am Abend hat Schwüle gebracht. Drachen schweben über dem Tempelhofer Feld wie kleine Sommerzeichen auf Zartblau. In den Straßen hallt Fußball tausendstimmig im Chor. Der Himmel wird, nein, er darf jetzt nicht dunkel werden, schließlich sind Sommernächte nie kürzer als jetzt. Die Thielenbrücke in Kreuzberg ist das neue Ausweichquartier der Romantik für alle, die ihre Abende bisher auf der Admiralbrücke verbracht haben, bis Nachbarn sich lautstark wegen des Lärms beschwerten. Doch die jungen Leute, die heute auf der Thielenbrücke sitzen, halten Ruhe. Der Himmel ist zu schön für Krach. Kamila (28) und Max (23) haben sich Weingläser mitgebracht, Weißwein, eine rote Wolldecke und leise Musik aus dem MP3-Player mit Miniboxen: Kreuzberger Picknick. Sie sind kein Pärchen, sondern Schulkollegen. Zweiter Bildungsweg, sie sind beide aus Norddeutschland nach Berlin gezogen, der „einzigen Stadt“, in der sie wohnen wollen. Wo sonst kann man einfach auf einer Brücke sitzen und den Sonnenuntergang genießen? Zuhause macht das keiner.

22.30 Uhr: Auftanken An der Schlesischen Straße wird die Nacht professionell vorbereitet. An der Schnittstelle zu Treptow, da, wo einst die Mauer die Stadt teilte, säumen heute angesagte Clubs das Ufer. Eine wilde Landschaft aus Buden und Stegen, Tischen, Stühlen und schwankenden Laternen. Nebenan taucht eine Aral-Tankstelle den Menschenstrom in blaues Licht, der gen Vergnügen zieht. Hier wird aufgetankt, auch wenn die meisten Kunden zu Fuß kommen. Bier, Wodka, bunte Getränke sind an der Tanke billiger als an den Tresen der Clubs. Der Tankwart huscht gestresst durch seinen Verkaufsraum.

Im Schatten, jenseits des blauen Lichts, steht noch ein Nachtarbeiter. Ein winziger Mann steht auf der anderen Straßenseite hinter einem hochbeladenen Wägelchen. Er ist Flaschensammler. Gestenreich bedeutet er uns, er könne oder dürfe nicht reden. Ob er stumm ist, kein Deutsch spricht, nicht reden kann oder darf, bleibt ein Rätsel. Sein Gesicht ist klein wie das eines Kindes, aus dunklen Augen schaut er ebenso hungrig in die Nacht wie die Nachtschwärmer gegenüber. Trotzdem ist er von ihnen so weit entfernt, als stünde die Mauer noch. Der Sammler seufzt und schiebt sein Wägelchen tiefer ins Dunkel.

23.55 Uhr: Mit der Ziege spazieren Die Wurstbude an der Köpenicker Straße muss der Regisseur David Lynch hier vergessen haben. Ein wandloser Bretterverschlag, neonhell, mit Flachbildschirm und einem dicken Jungen als einzigem Gast. Eine Kantine der Nacht, um die Ecke laden Berlins allerberühmteste Freiluft-Clubs wie „Kater Holzig“ zum Dauertanz ein. Die Woche beginnt hier am Dienstag und endet am Montag, nur heute nicht. Vielleicht wegen des Regens. Die Wurstverkäuferin erklärt uns trotzdem den Weg. Doch wir finden erst mal nur eine an einen Baum gepinnte Nachricht: „Vermisst! Wer hat mein inneres Kind gesehen? Habe es irgendwo in der Realität verloren.“ Und dann steht vor uns ein Mädchen mit einer weißen Ziege.

Inneres Kind, weiße Ziege in schwarzer Nacht? Das muss ein Traum sein. Es ist Zeit für die REM-Phase, wenn die Träume besonders intensiv sind. Kann eine Stadt von sich selbst träumen? Offenbar ja. Wir werden noch verschiedene Schlafstadien erleben. Schnecki, so heißt die Ziege. Das Mädchen, sie ist 20, heißt Stefania. Sie ist bildhübsch, hat italienische Wurzeln und einen großen Traum. Nein, sie will nicht Topmodel werden. Und auch nicht in die Clubs. Sie träumt von einem Leben in der Natur und macht gerade ein Freiwilliges Ökologisches Jahr beim Kinderbauernhof. Der Filmstar ist die Ziege.

Schnecki sei schon öfter in Filmen aufgetreten, sagt Stefania. An diesem Abend war es ein Werbefilm, Stefania weist auf eine Brettertür an der Straße. „Mehr erfahren Sie dort.“ Ziege Schnecki lächelt geduldig, als sie in einem Kastenwagen verladen und davonfahren wird. Feierabend. Aber nicht für alle.

00.20 Uhr: Punks filmen Wir schleichen uns hinter die Brettertür und erschrecken. Auf einem Schlitten liegt ein Ziegenkopf – ohne Ziege. Zwischen Bäumen wimmeln dunkle Gestalten umher, ein Lagerfeuer lodert. Plötzlich bricht ein Indianer im Federschmuck durchs Gebüsch – und knattert auf einem Motorrad davon. Dann stapft eine lachende und lallende Truppe Punks über die Wiese.

Aus dem rauchigen Dunkel löst sich ein junger, modisch gekleideter Herr und stellt sich als Veranstalter vor. Das alles hier sei Inszenierung, sagt er, gedreht werden ein Werbefilm für den seriösen Herrenhemden-Hersteller Signum. Der wolle an seinem Image arbeiten. „Aber die Punker sind echt!“ Wie zum Beweis hinter uns ein Gegröle: „Ey Mann, was zahlste uns?“ Der Veranstalter: „Wir holen noch einen Kasten Sterni, ok?“ Die Bande grummelt. Die gekauften Punks und das Hemd der Zivilisation – was ist hier echt, was Klischee, was Traum? Wir machen uns auf der Suche wirklichem Leben.

01.20 Uhr: Im Neonlicht abheben Auf jede REM-Phase folgt ruhiger Schlaf. Und der Alexanderplatz, behütet von Weltzeituhr und Fernsehturm, schläft. Am Hackenscher Markt dagegen schaut uns die Stadt aus wachen Nachtaugen an. Mädchen auf grellen Plateau-Pumps schleudern Touristen liebevolle Blicke entgegen. Ein Radfahrer löst sich aus dem Dunkel. Sein Gefährt ist ein zierliches Kunstwerk aus Aluminium ohne Bremsen und Licht. Er fahre nur nachts, sagt der Radfahrer, der roten Ampeln wegen. Die überfährt er genüsslich wie Rennfahrer das Ziel.

Richtung Oranienburger Straße bebt der Boden. Blaues Licht zuckt aus einem Kellerfenster. Eine Diskothek unter Tage. Wir brauchen eine Pause und bekommen sie bei Besuch eines amerikanischen Traums. Auf rot gepolsterten Bänken im Stil der 50er-Jahre sitzen im „Palm Beach“, einem American Diner, zwei Gruppen junger Leute. Artisten und Abiturienten, lernen wir. Warum seid ihr noch wach? Die Zirkusdarsteller stammen aus den USA, England, oder Italien und feiern in Berlin ihr schwebendes Leben. Ins Diner seien sie nur gekommen, weil es hier es noch etwas zu essen gebe.

Die Schüler kommen aus dem Wedding, die Oranienburger Straße für sie der letzte Touchdown vorm Abheben im Club Matrix in Friedrichshain. Sie stellen sich vor. Ihre Namen sind eine Erzählung einer Vergangenheit, die sie nicht kennen. Ein Junge heißt „Dschingis Khan, nur türkisch geschrieben“. Er zeigt seinen Ausweis: es stimmt. Alle lachen. Ein Mädchen heißt Roxanne, 1978 sang Sting seine traurige Ballade einer Prostituierten: „Roxanne, you don't have to put on the red light“. Im roten Neonlicht des Diners trappeln die Damen der Nacht eine Treppe hinunter. Da sind die Klos. Von den Wänden schauen streng die amerikanischen Filmstars von einst – ein Fresko, mit dem die jungen Gesichter seltsam verschmelzen. Dann kommt Bewegung ins Bild. Die Jugend will tanzen.

02.10 Uhr: Arbeiten Auf Leichtschlaf folgt Tiefschlaf: Das Regierungsviertel schweigt. Wir starren in die dunklen Fenster des Paul-Löbe-Hauses, in dem die Abgeordneten ihre Büros haben. Dann doch – eine Bewegung. Aber es ist nur das Spiegelbild der Deutschlandfahne, die träge auf dem Reichstag im Nachtwind schwingt. Ein Taxi gleitet schnurrend über den glatten Asphalt. Es wird den letzten Nachtarbeiter des Bundestags nach Hause bringen: Kai Wegner von der Berliner CDU wünscht uns fröhlich eine gute Nacht. Aber ist sie denn gut, diese Nacht? 03.00 Uhr: Im Bahnhof verzweifeln „Alles verloren!“ Der Klageruf empfängt uns im Hauptbahnhof, drei Männer stehen um einen Vierten, der, schweißüberströmt, lauthals sein Unglück schildert. Allein, seine Schicksalsgenossen verstehen kein Deutsch. „Can you help him?“, delegieren sie den Fall an uns. Was genau der Mann verloren hat, ob Geld, Papiere, die Orientierung, ob ein Spiel oder das ganze Leben – das Lamento verliert sich in der Weite des Bahnhofs. Der Berliner Hauptbahnhof, die Kathedrale des Reisens: Nachts füllt allein das Rumpeln der Rolltreppen den gigantischen Raum und das Quietschen der beweglichen Werbetafeln. Und, wenn man genau hinhört, Walgesänge. Ja, es müssen Wale sein, die da aus den tiefsten Tiefen ein melodisches Brummen senden. Wer oder was…? Wir schauen nach unten. Der Bahnhof hat irritierende Dimensionen. Beängstigend, wie im Traum. Und in dem sind wir nicht allein.

Ein Fast-Food-Laden ersetzt die Wartehalle, die es in modernen Bahnhöfen nicht mehr gibt. Die Menschen schlafen an Tischen über zerknüllten Hamburgerpapieren und Laptops, sie schlafen auf Bänken, im Stehen, im Sitzen. Nur liegen tut niemand. Niemand hat abgeschabte Tüten dabei. Niemand stinkt. Die Obdachlosen der Stadt nächtigen an anderen Orten.

Dann treffen wir doch einen Wachen: In Jackett, weißem Hemd und Schlips sitzt Martin Sasum (29) einer Bank. Er kommt aus Rostock und hat den letzten Zug nach Hause verpasst. Die lange Version seiner Geschichte handelt von einem jungen Maschinenbau-Ingenieur, der am Morgen hoffnungsfroh zu einem Vorstellungsgespräch nach Braunschweig aufgebrochen war und jetzt ziemlich verzweifelt ist. Erst wurde das Gespräch Stunde um Stunde verschoben wurde, dann konnte er den letzten Zug nicht nehmen, weil das Arbeitsamt die ICE-Karte nicht zahlte. Noch eine Stunde und zwanzig Minuten, dann fährt Sasums Zug – zurück aus dem Albtraum in eine Wirklichkeit, in der Geschichten wie seine nie passieren.

03.15 Uhr: Den Sonnenaufgang ahnen Szenenwechsel: Wir sind jetzt im Freien. Im Osten leuchtet der Horizont erst zartgrün, lichtgelb und dann leuchtendorange. Die Kuppeln und Kirchspitzen des Ostens zaubern davor einen römischen Moment. Hinter uns, im Westen, liegt noch die schwarze Nacht von Zille-Berlin. Gelbe Gaslaternen beleuchten schummerig die Brücke nach Moabit. Wir stehen an der Schwelle zwischen heute und Morgen.

03.15 Uhr: Abreagieren Am Alexanderplatz stellen die Vögel in hochfrequenten Tönen eine Behauptung auf: Es ist Morgen! Wir sind wach! ZWITSCHER!! Aber noch ist es nicht so weit. Am Fitnesscenter an der Prenzlauer Allee steht Manuel Block (29), ein weiterer Schlaflosen dieser Nacht. Er ist Koch und kommt oft nach Feierabend hierher. Exerzitien der Nacht: Drei Stunden abreagieren an den Maschinen, dann geht der Koch schlafen.

04.30 Uhr: Kinder abholen Um halb fünf endet die Nacht an der Warschauer Brücke mit einem Schrei, der fußballtrunken, in den rosafarbenen Morgen gebrüllt wird. „Wir sind Iren, aber trotzdem gut gelaunt“, rufen die Mädchen einer Schülergruppe, sie tragen irischgrüne Fußball-Trikots. Die Jungs versuchen, cool zu gucken. Dann aber sind sie doch nur Kinder. Wahnsinnig aufgeregt erzählen sie von ihrer Europareise des Spaßes. Erst Amsterdam, jetzt Berlin. Das mit dem Fußball – diese Woche hat Italien Irland aus der EM gekickt – geschenkt. Sie haben sich im „Matrix“ ausgetobt, dem Club um die Ecke.

Dessen Eingang liegt in den Hochbahnbögen, ein nachtschwarzer Schlund, der jetzt torkelnde Mädchen und blasse Jungengesichter in den Tag spuckt. „Matrix“, das Wort ist lateinisch und bedeutet „Gebärmutter“. Vor dem Club parken Mittelklassewagen. Offenbar gibt es Eltern, die ihre Kinder auch um diese Uhrzeit von Orten wie diesen mit dem Auto abholen.

04:43 Uhr: Zurück in die Nacht fahren In Neukölln steht ein Mann auf dem Hermannplatz, eine Gitarre auf dem Rücken. Der U-Bahnhof vor ihm hat seine Mäuler weit aufgesperrt. Der Mariachi läuft darauf zu: zurück in die Nacht, die in Berlin nie endet. Am Südstern leuchten die Kirchtürme auf. Die Sonne geht auf. Ab heute wird die Welt wieder dunkler.