Wenn damals, in den 80er-Jahren, der Bofrost-Mann an der Haustür der Nachbarn klingelte und anderntags der Eismann-Wagen seine Kreise durch die Straßen der Neubausiedlung zog, wurde man als Kind sogenannter Bio-Eltern regelmäßig neidisch.

Hatten die anderen Kinder es gut! Während man selbst mit grobschrotigem Barbara-Rütting-Brot, Vollkornspaghetti und Schwarzwurzelgemüse gequält wurde, gab es "drüben" nicht nur Cola und Nutella, sondern bestimmt auch wieder diese köstlichen Salami-Baguettes, das Schlemmerfilet "Gourmet" oder die mit Sahne gefüllten Mini-Windbeutel. "Viel zu ungesund!", fanden das die eigenen Eltern; zu teuer außerdem. Servierfertig angeliefertes Tiefkühlessen, damals der letzte Schrei gutbürgerlicher Kochmoderne, kam ihnen nicht ins Öko-Haus.

Dass in einem Haushalt mit zwei vollzeitbeschäftigten Eltern das in höchster Eile zusammengeschusterte Mittagessen, zumeist eine abenteuerliche Kombination von Restbeständen aus Kühlschrank und Speisekammer, nur selten ein Genuss war, nahm man billigend in Kauf. Immerhin: Die Kinder lernten auf diese Weise sehr früh, selbst zu kochen.

Rückblickend muss man sagen: Die damals mit Höhlenmenschen gleichgesetzten Bio-Jünger der 80er-Jahre waren trotz aller Fortschrittsfeindlichkeit einigermaßen visionär. Heute heißen sie "Bionade-Bürger" und bilden die Mitte der Gesellschaft.

Wie das Allensbacher Institut für Demoskopie in einer aktuellen Studie, beauftragt vom Kochgerätehersteller AMC, ermittelte, achten 56 Prozent der Eltern von Acht- bis Zwölfjährigen auf deren gesunde Ernährung. 41 Prozent kaufen so oft wie möglich Bioprodukte; 94 Prozent versuchen, dafür zu sorgen, dass die Kinder täglich eine warme Mahlzeit und möglichst viel Obst und Gemüse zu sich nehmen.

Nicht erst seit 2005, als Campino, Sänger der deutschen Funpunk-Band Die Toten Hosen, im gleichnamigen Lied an der Existenz des Bofrost-Mannes zweifelte ("Der Bofrost-Mann, der Bofrost-Mann/Ich dachte, den gibt's gar nicht mehr"), gelten Tiefkühl-Fertigkost und industriell produzierte Convenience-Ware auch im gesellschaftlichen Mainstream als minderwertige Ernährung; genau wie übrigens auch das Pizza-Taxi und der Asia-Lieferservice.

In dieser wissenden Schicht – besser verdienend, akademisch gebildet – gehört das Selberkochen heute genauso zum Lebensentwurf wie die Wiederentdeckung des Sonntagsbratens – gern auch vegetarisch – und des eigenen Obst- und Gemüsegartens.

Vor diesem Hintergrund, der sich in Skandinavien ähnlich gestaltet wie hierzulande, entwickelte die Schwedin Kicki Theander, berufstätige Mutter von drei Kindern, 2007 eine Geschäftsidee. Sie könnte – wie viele gute Ideen – einfacher kaum sein: "Middagsfrid", das man als "Mittagessen-Frieden" übersetzen kann, einen Einkaufsservice, der berufstätigen Menschen die gesunde Ernährung erleichtert, und zwar vor allem dann, wenn sie Kinder haben.

Zum Preis von 78 Euro bringt Middagsfrid seinen Kunden einmal in der Woche – wahlweise auch alle 14 Tage – per Kühltransporter zwei Tüten mit Lebensmitteln an die Wohnungstür. Die Tüten enthalten die Zutaten für fünf Mahlzeiten, von denen jeweils vier Personen satt werden. Mitgeliefert wird außerdem ein Wochenplan mit Rezepten für vier Gerichte – ein Fischgericht, eines mit Fleisch, eines mit Geflügel und ein vegetarisches Gericht –, wobei eines davon für zwei Tage (oder die doppelte Personenzahl) ausgelegt ist.

Die Rezepte – im Winter gibt es beispielsweise "Hühnchen & Kürbis aus dem Ofen mit Gemüse, Reis und Feta-Joghurt", im Frühling "Spargelrisotto mit Parmesan" – sind auch für Ungeübte leicht nachzukochen und so gehalten, dass die Zubereitung nicht länger als eine halbe Stunde dauert. Jede Lieferung ist so genau abgemessen, dass am Ende der Woche von den rund 25 Produkten pro Lieferung – mindestens sieben davon sind "bio" – kaum etwas übrig bleiben soll.

Mehr als 6000 Kunden in Schweden, Norwegen und Dänemark zählt Middagsfrid inzwischen. "Das Konzept hat eingeschlagen wie eine Bombe", erzählt die in Hamburg lebende Schwedin Lisa Rentrop, die den Service unter dem Namen "KommtEssen" im vergangenen Jahr nach Deutschland gebracht hat.

Dieser funktioniert so simpel, dass man sich fragt, warum nicht schon früher jemand darauf gekommen ist – Jamie Oliver zum Beispiel, dessen aktuelles Schnellkoch-Buch "Jamies 30 Minuten Menüs" sich so gut verkauft wie sonst nur ein neuer Roman von Charlotte Roche. Oder die Anbieter der "Biokiste" und der "Gemüse-Tüte", die zwar biologisch erzeugtes Obst und Gemüse nach Hause liefern, die Verarbeitung allerdings den Koch- und Hauswirtschaftskünsten ihrer Kunden überlassen.

Nicht nur daran mangelt es den Menschen aber offenbar immer häufiger. Vor allem Frauen fehle es außerdem schlicht an der Zeit zum Einkaufen und Kochen, sagt Lisa Rentrop, selbst Mutter einer Zweijährigen: "Die meisten Frauen in Deutschland sind heute berufstätig, aber die Strukturen haben sich dieser Realität noch nicht angepasst. Selbst wenn man als Frau nur halbtags arbeitet, ist es wahnsinnig stressig, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren."

Und zum Familienmanagement zählten auf Frauenseite noch immer Aufgaben wie die Zubereitung der täglichen Mahlzeiten. "Wenn Männer kochen, dann meistens nur zu festlichen Anlässen, während der Alltag nach wie vor an den Frauen hängen bleibt", sagt Lisa Rentrop.

Erleichterung und Entlastung sind demnach auch die Stichworte, unter denen sich KommtEssen am besten verkauft. Das zweite Verkaufsargument – für eine wachsende Zahl von Konsumenten bedeutsam – sind Aspekte wie Klimaneutralität, Regionalität, Nachhaltigkeit, Verzicht auf allergieauslösende Lebensmittelzusätze, Vermeidung von Lebensmittelmüll. Auch darauf achtet KommtEssen bei der Zusammenstellung der Tüten: Es wird möglichst regional eingekauft, selten ist Rindfleisch dabei, kaum Konservenware, niemals Fisch von der roten Liste der WWF.

Wichtig scheint, dass die Familie dort, wo sie durch Zeitmangel und hohe Arbeitsbelastung der Eltern entzweit wird, abends am Herd wieder zusammenfindet. "Auf diese Weise nehmen alle Mitglieder des Haushalts am Kochen teil", sagt Lisa Rentrop. "Und wer nicht kochen kann, lernt es beim Mitmachen."

Das wiederum birgt einiges Potenzial für die Zukunft: Nach der eingangs erwähnten Studie macht sich beinahe jedes zweite Kind, das gern beim Kochen hilft, Gedanken um seine Ernährung. Und klagt selten über "schlechtes" Essen. Vermutlich, weil es ihm schmeckt.