Tierkrematorium

Ab 70 Euro bekommt auch "Miezi" ihre Urne

Särge, Urnen, zeremonielle Feierlichkeiten – Tierbestattungen sind inzwischen so aufwendig wie beim Menschen. Das gilt für Hund und Katze – aber auch für Vogelspinnen.

Wenn ein Mensch das Zeitliche segnet, sprechen die Angehörigen von der sterblichen Hülle, vom Leichnam. Stirbt ein Tier, wird die Sprache hart – dann ist es ein Kadaver. In beiden Fällen jedoch sind es menschliche Gefühle, die den Todesfall begleiten – Trauer, Verlust, Verzweiflung. Im Berliner Bezirk Pankow hat man diese Lieblosigkeit erkannt und zum Geschäftsmodell weiterentwickelt. Dort hat dieses Jahr Berlins erstes Haustierkrematorium eröffnet.

„Sie können zu uns kommen, um Ihren treuen Gefährten dorthin zu begleiten, wo seine Reise über die Regenbogenbrücke beginnt“, heißt es auf der Website. Noch gleicht die Außenanlage einer Baustelle – Sand, Steine, Bagger, Bauzäune. Im hellen Foyer empfangen Klaus Büchner, Geschäftsführer, und seine Frau Elke die Besucher. Ein großer Strauß frischer Lilien verströmt einen leichten Duft. Seit Februar werden monatlich, mit steigender Tendenz, etwa 70 Tiere verbrannt: Viele Hunde sind darunter – vom Pekinesen bis zur Deutschen Dogge. Aber auch Katzen, Hamster oder Kaninchen, Schildkröten, Vögel – und eine Vogelspinne war auch schon dabei.

Tierbestattungen unterscheiden sich nicht mehr

In Deutschland leben über 22 Millionen Haustiere , Terrarientiere und Zierfische nicht mitgezählt, verteilt auf etwa 15 Millionen Haushalte. Während der Trend zum Tiergeburtstag geht, ist es mit einem menschenwürdigen Leben des Haustiers für die meisten Besitzer längst nicht mehr getan – ein ebenso würdiger Tod ist genauso wichtig. Tierbestattungen unterscheiden sich in nichts mehr von den Zeremonien für Menschen.

Es gibt Särge, Urnen, Feuer- und Seebestattungen. Tierfriedhöfe und Krematorien finden sich im ganzen Land. Die Asche wird verstreut oder beigesetzt. In Köln ist die Einäscherung für 170 Euro zu haben, das auf vier Jahre angelegte „Hundereihengrab“ kostet 450 Euro. Viele Halter nehmen die Urne mit nach Hause und stellen sie – manchmal mit Erinnerungsfoto – ins Regal.

Ist das bizarr oder eine kulturelle Errungenschaft? Für Klaus Büchner, Geschäftsführer des Portaleums, sind die Tierbestattungen nur ein angemessener Umgang mit angemessenen Gefühlen. „Ich hatte einen Foxterrier, den ich nach seinem Tod beim Tierarzt gelassen habe. Er kam in die Tierkörperbeseitigungsanstalt. Das tut mir heute noch weh.“

Wie Büchner geht es den meisten seiner Kunden. Familie Schade zum Beispiel erfuhr Ende letzten Jahres, dass ihr zwölfjähriger Mischling Benji ein unheilbares Herzleiden hat. „Uns war immer klar, dass wir Benji nicht begraben, sondern einäschern wollen. Ihn beim Tierarzt zu lassen, war für uns nie ein Thema.“ Als Benji verbrannt wurde, war die Familie zu Hause. Es gab eine kleine Zeremonie. Im Anschluss holten sie die Asche ihres Hundes ab. Seither steht die Urne auf einem kleinen Altar in der Wohnung.

Sehr beliebt im Portaleum ist die „Einzeleinäscherung mit Abschiednahme“ (ab 120 Euro), wie ein Kunde es sich für seine Vogelspinne aussuchte: Ein Finanzbeamter brachte das Tier ins Portaleum und belegte lange einen der eigens eingerichteten Räume – um Abschied zu nehmen. Nach der Einäscherung trug er die kleine Urne mit nach Hause. Ein anderer Mann kam mit seinem toten Nymphensittich. Der Vogel starb mit 21 Jahren. Er war seinem Besitzer, heute ein Familienvater, als Kind geschenkt worden. Der nahm sich im Portaleum länger als eine halbe Stunde Zeit, um mit dem toten Sittich allein zu sein.

Die Abschiedsräume sind in hellen Farben eingerichtet – der eine in Flieder, der andere in warmem Rot. In die Türen sind kleine Fenster eingelassen – so können die Wartenden die Einäscherung verfolgen. Die Trauernden sollen sich ernst genommen fühlen. „Während sie von anderen zu hören kriegen, dass sie ums tote Tier nicht so ein Gewese machen sollen, haben wir Verständnis. Wir sind 24 Stunden rund um die Uhr erreichbar“, sagt Büchner.

Asche in einer dekorierten Pappbox

Am günstigsten ist die Gemeinschaftseinäscherung. Ein Kleintier von unter einem Kilo – „die Asche wird auf der benachbarten Blumenwiese verstreut“ – kostet 25 Euro. Bei der Einzeleinäscherung, ab 70 Euro, ist die preiswerteste Variante die Mitnahme der Asche in einer dekorierten Pappbox. Mithilfe eines nummerierten Schamottsteins können die Hinterbliebenen sichergehen, dass ihr Haustier tatsächlich einzeln kremiert wird: Der Stein wird mit gebrannt und liegt am Ende in der Asche – eine Verwechslung ist ausgeschlossen.

Das Portaleum versteht sich zwar nicht als Tierfriedhof, die Urnen können trotzdem bestattet werden – in der klassischen Wand mit Blumengruß und Gedenkplatte oder unter einem Rosenstock mit Namensschild. Die Pflege übernehmen die Betreiber: Sie kümmern sich um die Rosen, die Blumenwiese, den Sternenteich für besondere Beisetzungen – und auch die Urnenwand.

Hunde-Asche als Diamant

Die Preise für die Einäscherung variieren mit den Wünschen der Kunden und der Größe des Tieres – viel größer als eine ausgewachsene Deutsche Dogge darf es nicht sein. Von der Pappschachtel, über verschiedene Urnen bis zu teuren Schmuckstücken ist alles möglich. Im Portaleum kann man sich die Asche seines Hundes in einen synthetischen Diamanten einschließen lassen – die Preise beginnen bei 3000 Euro für 0,2 Karat.

Wem das zu teuer ist, der kann seinem Vierbeiner inzwischen auch virtuell eine Gedenkstätte errichten: im Internet. Die Angebote ähneln sich: Auf der Startseite ganz oben finden sich die Frischverstorbenen ( www.friedhof-der-tiere.de ; www.tierhimmel.org ; www.virtueller-tierfriedhof.de ).

Ein Klick auf den Namen oder das Bild des Tieres führt zu den digitalen Gräbern oder Grabsteinen. Die Gedenkstätten geben Auskunft über Alter und Rasse des Tieres sowie über die Anzahl der Besucher am Online-Grab. Besitzer können persönliche Nachrichten hinterlassen und registrierte Besucher Kondolenzen übermitteln, digitale Blumen niederlegen oder per Mausklick Kerzen für das verstorbene Tier anzünden.

Auf den Trostseiten von www.tier.tv können Tierfreunde ihre virtuelle Trostseite sogar selbst gestalten. Die Registrierung für die virtuellen Gedenkstätten ist kostenlos – das Ablegen von Blumen oder Gutscheine für eine Online-Grabstätte kosten meist extra. Im Netz zu Grabe getragen wird die gesamte Fauna, egal ob das Tier zu Lebzeiten 600 Kilo gewogen hat („heute gedenken wir Ninja, sie war so ein braves Pferd, = (*schluchz* *heul*“) oder 600 Gramm („Mein geliebtes Meerschweinchen Nemo, ich vermisse Dich und werde Dich nie vergessen, Deine Maya, 5 Jahre alt).

Absurde Auswüchse der Wohlstandsgesellschaft

Egal ob virtuell oder real – für den aus Kamerun stammenden Anthropologen und Völkerkundler Flavien Ndonko sind Tierfriedhöfe aus afrikanischer Sicht absurde Auswüchse der Wohlstandsgesellschaft. Ndonko hat sich in einer aufsehenerregenden Untersuchung vor einigen Jahren speziell den deutschen Hundefriedhöfen gewidmet. Ndonkos Fazit: Ein Hund ist in Deutschland kein Tier, sondern „Freund, Ehemann oder -frau, Elternteil, Kind“.

Doch Flavien Ndonkos Analysen zum Trotz ist die Tierbegräbnis-Kultur in Deutschland im weltweiten Vergleich eher nicht so übermäßig ausgeprägt. Mindestens 15 Tierkrematorien und geschätzte rund 100 Friedhöfe sind es laut Bundesverband der Tierbestatter in ganz Deutschland – damit liegen wir international eher am Ende der Skala.

Doch das ändert sich gerade. Im Berliner „Tierhimmel“ sollen Hund und Herr künftig sogar in einem Grab ihre letzte Ruhe finden. Der Tierfriedhof in Teltow (Brandenburg) könnte ab 2012 als erster Friedhof in Deutschland eine Genehmigung für die gemeinsame Bestattung erhalten, sagt der Geschäftsführer Ralf Hendrichs. Er möchte in einem Wald neben dem Tierfriedhof die menschliche Asche mit dem Tierkörper begraben. „Die Nachfrage ist groß. Gerade Menschen, die alleine leben, fragen uns immer wieder: Wenn ich mal sterbe und dann auch mein Tier stirbt , gibt es da die Möglichkeit, dass wir zusammen bestattet werden?“

Bisher sehen die Bestattungsgesetze der Länder solche Gemeinschaftsgräber nicht vor. „Erdbestattungen dürfen nur auf Friedhöfen vorgenommen werden“, heißt es etwa im Gesetz über das Leichen-, Bestattungs- und Friedhofswesen im Land Brandenburg. Auch die Asche eines Menschen darf dort nur auf dem Friedhof einer Gemeinde oder einer Religionsgemeinschaft, in einer Kirche oder auf hoher See beigesetzt werden. Und das soll vor allem nach dem Willen der Kirchen auch so bleiben.

Ausnahmen jedoch sind möglich. So liegt Friedrich der Große auf einer Terrassenstufe seines Schlosses Sanssouci in Potsdam – zusammen mit seinen Windhunden. Das hatte sich der Alte Fritz in seinem Testament gewünscht.