Zwischen Brei und Blackberry

Das Überlebenshandbuch für berufstätige Mütter

Von A wie "Abendtermine" bis Z wie "Zwei-zu-eins-Regel": Unsere Wirtschaftsreporterin Anette Dowideit gibt Tipps für Mütter im Job.

Foto: picture-alliance / maxppp / picture-alliance / maxppp/picture-alliance / 6PA/MAXPPP

Es gab mal eine Zeit, da war der Blackberry dein liebstes Spielzeug, Statussymbol und Kuschelersatz zugleich. Morgens wurden noch vor dem Gutenmorgenkuss für deinen Mann E-Mails gecheckt, mit Erinnerungen an Meetings begleitete er dich durch den hektischen Tag, abends schlummerte er sanft neben dir auf dem Nachttisch ein. Wer einen Blackberry hat, ist wichtig, wird gebraucht und ist eine moderne Superfrau. Heute gibt es den Blackberry zwar noch immer in deinem Leben.

Nur leider ist das Display zerbrochen, die Akkuklappe hält nur noch dank Tesafilm, und mitten im Telefonat geht er gerne mal aus. Macht aber nichts, denn du bekommst ihn ohnehin nicht mehr selbst in die Finger. Dein Einjähriger findet ihn – auch, wenn er dafür Stühle verschieben und auf Regale klettern muss. Versuche niemals, ihm das Telefon aus der Hand zu nehmen, um ein geschäftliches Telefonat zu führen! Das ohrenbetäubende Protestgeschrei macht Gespräche mit Geschäftspartnern zu eher unschönen Erlebnissen. Überhaupt nichts bringt es übrigens, das Gerät durch ein blinkendes Plastikhandy für Kinder ersetzen zu wollen. Hier gilt die Grundregel: Kinderspielzeug = Staubfänger. Das Geld kannst du dir sparen. Wenn du übrigens am Ende eines langen Tages nach deinem Blackberry suchst, hier die Top 3 der Babyverstecke:

1. die Waschmaschinentrommel,

2. die Sofaritze,

3. Kochtöpfe – und zwar diejenigen, die in der hintersten Ecke des Küchenschranks stehen.

Burn-out

Wenn du nach einem Tag voller hektischer Anweisungen vom Chef, Ärger mit den Kollegen und schiefgegangener Erledigungen völlig kraftlos in einer Ecke deines Wohnzimmers hängst, deine einjährige Tochter das Sofa mit Bodylotion eincremt und deine einzige Reaktion darauf ist, mit einem Seufzer die Augen zu schließen – dann weißt du: Du solltest mal kürzertreten.

Dienstreisen mit Baby

Trotz aller Planungsmaßnahmen deinerseits kann es passieren, dass alle Stricke reißen und du dein Kind auf Dienstreise mitnehmen musst. Als Babysitter vor Ort bieten sich dann alte Studienkollegen an, bei denen man sich seit Jahren nicht gemeldet hat. Als Transportmittel für eine Dienstreise mit Kleinkind eignet sich besonders die Deutsche Bahn.

Du bist ein Organisationstalent, daher sollte es kein Problem für dich sein, deinen Rollkoffer und die Laptoptasche, dazu den Kinderwagen und das Zehn-Kilo-Babyreisebett zum Bahnhof und ins Kleinkindabteil des Zuges zu bugsieren. Dort kann deine Kleine nach Herzenslust auf dem Teppich krabbeln und die gefundenen Keksreste aufessen, während du die Fahrt genießt. Entscheidender Nachteil: die anderen Eltern im Abteil. Die Familien mit den praktischen Trekkingsandalen.

Oder die Mütter, die für ihre Zweijährigen noch mal die Brust auspacken. Sie alle wollen nur eins: dir ein Gespräch aufdrängen. Zum Beispiel über den ach so unterirdischen Service bei der Deutschen Bahn ("Keine Gläschenwärmer im Bord-Bistro!"). Dabei wolltest du doch eigentlich noch schnell deine Power-Point-Präsentation fertigstellen. Stattdessen musst du jetzt ihre unverhohlen missbilligenden Blicke einstecken, weil du dich in die "Financial Times" vertiefst, während deine Tochter gerade beim Kind nebenan fremdpopelt. In solchen Fällen hilft nur noch demonstrative Ignoranz.

Doppelbelastung

Realistische Bezeichnung für deine Bemühung, Karriere und Familie unter einen Hut zu kriegen. Motivierte, moderne Frauen wie du sprechen lieber von "Doppelherausforderung". Das ist so ähnlich wie in der chinesischen Philosophie, wo bekanntlich "Krise" gleichzeitig "Chance" bedeutet.

Erziehung

Als Mutter gewinnt man automatisch an Management- und Führungsstärke. Früher dachtest du, damit sei gemeint, dass man sich Zeit besser einzuteilen lernt. Seit du selbst Kinder hast, weißt du: Die eigentliche Zusatzqualifikation ist die Kommandoschnauze. Die wichtigsten Grundregeln kannst du im Büro genauso anwenden wie in der Familie:

1. möglichst viel Arbeit delegieren,

2. immer konsequent sein. (...)

Dein Erziehungsrepertoire von daheim kannst du leider nicht eins zu eins ins Büro übersetzen. Dabei wäre es so schön: "Herr Schneider, ich zähle jetzt bis drei, und dann liegen die Akten zum Vorgang K-37 auf meinem Schreibtisch. Eins, ... zwei, ... aha, es geht doch." Oder: "Frau Wagner, Sie legen jetzt sofort den Hörer auf, oder es gibt in der Kantine heute kein Eis zum Nachtisch!"

Um die oben genannten Grundregeln einzuhalten, beschränke dich deshalb auf ein schlichtes: Nein! Aus deiner Kleinkinderfahrung weißt du: Begründungen müssen nicht sein, die überfordern nur. "Mama, kann ich ein Eis?" – "Nein!" – "Chefin, darf ich nächste Woche spontan freimachen?" – "Nein!" – "Aber wieso ...?" – "Nein!" Du wirst sehen, es funktioniert.

Excel-Tabelle

Die Excel-Tabelle ist ein Multifunktionstool, das du aufgrund deines Jobs aus dem Effeff beherrschst. Hah! Bald wirst du feststellen, dass sich dieses Programm sinnvoll für die Organisation des Alltags mit Kindern anwenden lässt. Für euren PC2V (Power-Couple-zwei-Verdiener)-Haushalt findest du den praktischen Wandkalender in der Küche nämlich viel zu altmodisch. Stattdessen sitzt du abends mit aufgeklapptem Laptop auf dem Sofa und klügelst per Excel-Tabelle aus, welches Kind an welchem Wochentag von wem betreut wird und welcher Kurs zur Förderung der frühkindlichen Entwicklung ansteht.

Natürlich kann es trotz der schönen Tabelle noch immer passieren, dass der ganze Betrieb zusammenbricht. Zum Beispiel, wenn die Tagesmutter krank ist oder weil dein Mann nicht in die Tabelle geguckt hat. Oder weil du ganz einfach vergessen hast, ihm die aktuelle Version zu mailen.

Fürsorglichkeit

Sicher ist dir folgende Situation vertraut: Du sitzt mit einem Kunden beim Geschäftsessen. Er stellt sein Weinglas auf dem Tisch ab. Bedenklich nahe an der Tischkante, wie du findest. Ohne nachzudenken greifst du nach dem Glas und rückst es in die ungefährliche Tischmitte. Und wo du schon mal dabei bist, sammelst du auch gleich noch das scharfe Steakmesser und die spitze Gabel ein und legst sie außerhalb seiner Reichweite. Auch wenn es nicht jeder zu schätzen weiß: Als junge Mutter entwickelst du eine Vielzahl an automatischen Fürsorgemechanismen, die sich dann auch während der Arbeitszeit nicht abschalten lassen. (...).

Du brauchst dich also in Zukunft nicht mehr zu schämen, wenn du das nächste Mal deinen nervös mit dem Fuß wippenden Kollegen reflexartig fragst, ob er mal Pipi machen muss.

Networking

Netzwerke, das weißt du als erfolgreiche Businessfrau, sind das A und O einer erfolgreichen Karriere. Nur wer die richtigen Leute kennt, kommt an die attraktiven Jobs. Zwar bist du jetzt in Mutterschutz/Elternzeit/Teilzeitarbeit, aber das heißt noch lange nicht, dass du nicht aktiv an deiner Laufbahn weiterbasteln kannst.

Der Ort, an dem du seit einiger Zeit die besten Kontakte knüpfst, heißt Spielplatz. Schließlich tummeln sich hier jede Menge junger Eltern wie du, die in ihrem anderen Leben einen Beruf haben. Dein Instrumentenkasten des effektiven Networkings ist prall gefüllt. Du bist diejenige, die am Sandkastenrand im Fünf-Minuten-Takt auffällig den Blackberry zückt und für alle anderen Mütter sichtbar prüft, ob "wichtige E-Mails" angekommen sind. Zwischendurch rufst du dem Nachwuchs laut zu: "Mama kommt gleich, ich muss gerade noch einen Kunden anrufen!"

Während dein Kleiner über die Wiese tobt, setzt du dich dann auf der Parkbank möglichst direkt neben den distinguiert wirkenden älteren Mann mit der randlosen Brille, den Kakihosen und Segelschuhen. Die Frage, ob er der Vater oder der Opa des kleinen Liam ist, stellt sich dir nicht. Du verwickelst ihn lieber in ein Gespräch, um herauszufinden, ob du es hier mit einem wichtigen Manager oder sogar Headhunter zu tun hast. In der Wickeltasche hast du vorsichtshalber mal ein Fach für deine Visitenkarten frei geräumt. Und da, wo eigentlich die Wickelunterlage stecken sollte, bewahrst du deinen Lebenslauf auf. Für alle Fälle.

Teilzeit

Ein Euphemismus für "Vollzeit arbeiten bei halber Bezahlung". In deinem alten Leben hast du dir ausgemalt, dass du morgens locker im Büro ankommst, nach einem halben Tag voller Konferenzen und Excel-Tabellen erleichtert entschwebst und dich dann den Nachmittag über auf dem Spielplatz sonnst, mit deiner süßen Kleinen Eis isst und Enten füttern gehst. In Wahrheit regnet es, du hast kein Regenverdeck für den Buggy dabei, deine Tochter hat die Hosen voll, und du musst noch zur Post.

Am Abend sitzt du dann wieder am Computer und arbeitest das Liegengebliebene auf. (...) Zu allem Überfluss glauben deine kinderlosen Kollegen fest an die Version mit Sonne und Spielplatz. Sie halten dich für eine Schmarotzerin, die höchstens die halbe Arbeit macht und im Ernstfall sowieso wegen verschleimter Kindernasen ausfällt, dafür aber trotzdem 60 Prozent des Gehalts und der Sozialbeiträge einstreicht.

Dass du den Nachmittag (oder den Montag und Dienstag) freihast, ignorieren sie deshalb bei der Terminplanung geflissentlich. Traurig, aber wahr: Du hast genau null Möglichkeiten, damit richtig umzugehen. Du kannst nur verlieren. Entweder, du erinnerst die Kollegen immer wieder gebetsmühlenartig daran, dass die Telefonkonferenz heute Abend nicht stattfinden kann, weil du nicht im Dienst bist – dann werden sie sich in ihrer Ansicht bestätigt fühlen, dass du eben "eigentlich doch nur Mutti" bist. Oder du lässt dich auf die Extraarbeit außerhalb deiner Dienstzeiten ein. Und stellst dann irgendwann fest, dass dein Stundenlohn rein rechnerisch auf den eines Ein-Euro-Jobs zusammengeschrumpft ist.