Martin S. Lambeck

Dieser Luxus-Riesling hat einen Beigeschmack

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Martin S. Lambeck

Nachdem Morgenpost Online-Kolumnist Martin S. Lambeck zuletzt einen Supermarkt-Wein für 1,59 Euro verkosten musste, widmet er sich nun einem Riesling der Luxusklasse. Der Tropfen aus dem Rheingau ist nicht nur ein Profiteur des Klimawandels – er verweigert sich auch der üblichen Schnelltest-Methode.

Der "Weinpapst" Stuart Pigott hat schon mehrfach zu Recht darauf hingewiesen, dass man zum dezidierten Prüfen von Weinen nicht nur die übliche Schnelltest-Methode praktizieren kann: Schwenken, riechen, schlürfen, schmecken – und ausspucken. Zur vollständigen Endbeurteilung eines bedeutenden Weines muss man das Zeug auch schlucken und nachwirken lassen. Und weil wir heute nicht im Supermarkt sind, geht es noch einmal um einen Riesling – dieses Mal um ein Exemplar der Luxusklasse.

Aus dem neu abgefüllten Jahrgang 2008 nehmen wir die neu ausgewiesene Lage Kiedrich Klosterberg des Weingutes Robert Weil. Neben der bedeutenden Traditionslage Gräfenberg und dem im vorigen Jahr zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder aufs Etikett geschriebenen Turmberg folgt nun also sozusagen als "Rheingauer de Luxe" der Klosterberg.

Dabei handelt es sich um eine althergebrachte Lage, die nicht nur aus grauem Verwitterungsschiefer, sondern auch aus rotem Schiefer besteht. In der Versenkung verschwand der Klosterberg, weil er stets eine so genannte „Saar-Lage“, oder 1B-Lage war. Das heißt, dass er früher nur in besonders bedeutenden Jahren richtig reif wurde.

Ein Qualitätswein mit Seele

Sie ahnen es vielleicht schon: Hier entfaltet sich nun einmal mehr die heilsame Wirkung des Klimawandels. Inzwischen sind die Weine vom Klosterberg nämlich – wie auch die Tropfen von der Saar – Jahr um Jahr vollreif. Und deshalb weist das Weingut Robert Weil den Klosterberg auf einmal als eigene Lage aus. Der Wein zeigt sich in diesem Jahrgang von guter Qualität und hoher Mineralik als trockener Qualitätswein mit viel Seele. Zur Klarstellung: Dieser Qualitätswein ist in Wahrheit eine ordentliche Spätlese. Die Lage hat nicht den eisig gemeißelten Charakter des Gräfenberg, der in diesem Jahr Wiesenkräuter und Citrusaromen zeigt. Nein, der Klosterberg 2008 hat sehr feine Aromen von Birne und Aprikose, ohne jedes rustikale Element. Innerhalb der nächsten Jahre kann man von dieser durch den Klimawandel wieder zu vollen Ehren gelangten Lage daher ein durchaus fulminantes Erstes Gewächs erwarten.

Womit wir wieder bei Pigott und dem Weinverkosten durch Schlucken angelangt wären. Beim Klosterberg handelt es sich um einen trockenen Super-Riesling, den man allein schon wegen seiner Klasse nicht ausspucken möchte. Wie Pigott in seiner Midlife-Crisis-Selbsterfahrungs-Reportage „Wilder Wein“ schreibt: „Mein Zustand ist das Ergebnis meiner Auffassung vom Weinverkosten, die nicht darin besteht, mir einen weißen Laborkittel umzuhängen, um pseudowissenschaftliche sensorische Analysen durchzuführen, und auch nicht darin, Wein zögerlich in diskreten kleinen Schlucken zu testen, die im Mund mit der durch gespitzte Lippen eingesaugten Luft kreisen, bevor sie mit großer Präzision in einen maßangefertigten Spucknapf entsorgt werden. Nein! Dieses Ritual ist zu weit entfernt von der alltäglichen subjektiv-irrational-fröhlichen Wirklichkeit des Weinkonsums, als dass ich glauben könnte, dass die Wahrheit im Wein sich mir durch solchen kurzen und oberflächlichen Kontakt erschließen könnte. Wenn ein Wein interessant ist, dann will ich vielmehr herausfinden, wie es ist, ihn zu trinken...“

Verfahre ich mit dem Klosterberg-Riesling strikt unwissenschaftlich nach diesem Rezept, stelle ich fest, dass dieser Wein einen ganz fiesen Beigeschmack hat: Er schmeckt nach Mehr.

2008 Kiedrich Klosterberg Riesling trocken: 21,50 Euro pro Flasche, Weingut Robert Weil , Mühlberg 5, 65399 Kiedrich. Tel.: 06123 / 23 08, Fax: 06123 / 15 46