Unter den Jahreszeiten hat wohl der Frühling die meisten Liebhaber. Irgendwann kommt immer der Tag, an dem man zum ersten Mal eine lauere Luft spürt, einen Hauch von lieblicher Frische und Süße. Nur die Hartgesottenen wollen darauf nicht hereinfallen. Doch wir, die Empfindsamen, Leichtsinnigen, freuen uns an Vogelgezwitscher und Blüten. Der Wein hat für jede Jahreszeit etwas parat, auch für den Frühling: leicht, duftig, verspielt, mehr ein Versprechen als schon Erfüllung - und deshalb so fein.
Natürlich muss es nun der Weißwein sein, mit hellen, grüngelben Reflexen, noch nicht zu golden und schwer, noch nicht zu alt und reif, eher jung, erfrischend, belebend, keinesfalls zu reich und üppig, lieber unaufdringlich, mit gemäßigtem Extrakt, aus gesundem Lesegut, ohne edelfaule Botrytis, verhältnismäßig schlank, glockenklar, am besten 11,5 bis 12 Volumenprozent Alkohol, oder noch darunter, wenn er nicht voll durchgärte und jetzt über eine gewisse eigene Restsüße verfügt - jeweils kühl eingeschenkt, bei 8 bis 9 °C. Nur so ist der Wein ein Akrobat.
Kaum zu fassen, dass man dafür eine Bresche schlagen muss. Denn manche unter den sogenannten großen Winzern oder Großkritikern behandeln solche vornehm zurückhaltenden, tänzelnden Weine eher stiefmütterlich, weil sie bei Blind- und Verkostungsproben nicht gleich beim ersten Schluck eine Aromenexplosion bieten. Es handelt sich ja um die vermeintlichen Einstiegsweine, die Gutsweine oder die Kabinette, die für ihre angenehme Dezenz mit geringen Punktzahlen büßen müssen. Manche Starwinzer haben solche Weine deshalb gar nicht mehr im Programm - oder die Kabinette sind versteckte Spätlesen, die Spätlesen wiederum versteckte Auslesen. Doch die jüngere Generation unter den Weinerzeugern oder jene, die jung geblieben sind, denken um.
Ist das Kernelement des Rotweins der Gerbstoff, welcher im Glücksfall für Kraft, Statur und Eleganz sorgt, so ist die Seele des Weißweins die Säure, welche im Idealfall die gewünschte Frische und Duftigkeit hervorbringt. Es lohnt sich, auch zwischendurch die noch halb volle Flasche in den Kühlkübel zu stellen. Zu viel Luft und Wärme rauben dem jungen Weißwein den Nerv. Länger als einen Tag sollte er (wie eigentlich auch andere Weine) ohnehin nicht entkorkt sein, weil sonst eben seine Seele, die Säure, beim Teufel ist.
Vielleicht vermittelt keine andere weiße Rebsorte das Frische, Grüne, Frühlingshafte besser als der Sauvignon blanc: traditionell geerntet, ohne neumodische späte Lese, ohne das Reifen im Barrique, sondern im Stahltank ausgebaut, jung geöffnet, nicht älter als ein bis zwei Jahre. Im Nu fühlt man sich beschwingt. Es steigt ein eindringlicher Duft in die Nase, ganz so, als gehe man entlang an Wiesen und Sträuchern, vernimmt grüne Noten von Gras, Stachelbeere, Limone und Brennnessel, im Mund frisch und lebendig. Ein solch schlank ausgebauter Wein ist in der Regel besonders sortentypisch und auch mineralisch, weil die Bodenwürze noch nicht von zu viel Cremigkeit eingelullt wird. Muscheln oder magere Süßwasserfische wie Bachsaibling und Zander, zubereitet mit zeitigen Kräutern wie Bärlauch und Sauerampfer, passen bestens zu einem jungen Sauvignon blanc. Er ist aber auch ein ausgezeichneter Begleiter von Pasta mit Basilikum-Pesto oder von frischem Rohmilch-Ziegenkäse.
Selbstverständlich darf in der frühen Jahreszeit der Riesling nicht fehlen, da er von sich aus besonders gut mit Säure bestückt ist, solange nur der Winzer keine allzu großen Fehler macht. Die Trümpfe des Rieslings sind Frische und Frucht. Wo es im Weingarten nicht zu heiß ist, gewährt der Riesling die Noten von Apfel und Pfirsich; wo er an besonders warmen Stellen wächst, vermittelt er auch einen exotischen Touch, Ananas und Mango.
Ähnlich wie der Sauvignon blanc oder der Silvaner kann der junge Riesling zarte Salate, Spargel (am besten den grünen), Muscheln, Krustentiere, Fische, Geflügel begleiten, zudem verträgt er dank seiner ordentlichen Säure auch eine gewisse eigene Restsüße, schon als Kabinett. Man trinke zu Nudeln mit Sahnesoße einen restsüßen Riesling von der Mosel mit 8 Volumenprozent Alkohol - da kann man auch bereits mittags ein Gläschen einschenken.
Es wäre eine Sünde, die uralten Aromarebsorten zu vergessen. Der Gewürztraminer offeriert Düfte von Rosen und Litschi und bietet in seiner süßen Art einen guten Kontrast zu Speisen mit Spitz-Morcheln, die jetzt im Frühling aus dem Boden sprießen. Der Muskateller erinnert an Orangenblüte und Gewürze und begleitet bestens Gerichte mit asiatischer Gewürznote. Wenn die Erdbeerzeit beginnt, gibt es kaum Schöneres, als zu diesen roten Früchten die italienische Variante des Muskatellers zu öffnen, einen Moscato d'Asti: mit leichtem Kohlensäuredruck in der Flasche, wundervoll duftig, kaum Alkohol - schmeckt wie Frühling.





